Volvo PV444 Oldtimer 1947 Test Front
Man ahnt, dass der Spitzname unabwendbar war.
 

Herr och fru Svensson

So heißt Otto Normalverbraucher in Schweden, und Volvo hob 1947 an, ihn zu motorisieren – nachdem der erste Versuch 1944 doch zu früh gekommen war.

13.05.2012 Autorevue Magazin

Auch wenn er in mancher Erinnerung so wirkt: Der PV444 war keineswegs Volvos erstes Auto, aber das erste greif- und fassbare, und das erste, das ­außerhalb Schwedens nennenswert verkauft wurde.

Volvo gab’s schon 1927, gegründet von Assar Gabrielsson und Gustaf Larson, schon die ersten Autos wussten durch exzellente Qualität und Robustheit zu gefallen, das bis heute aktive Markenimage war Gründungsmitglied.

Volvo PV444 Oldtimer 1947 Test Interieur

Das Modellprogramm bestand aus konservativen, meist sechszylindrigen Autos (einziger Ausreißer war der erfolg­lose Stromlinien-PV36), die amerikanische Importwagen gut ausbremsten. Zierliche Insignien stimmiger Geschäftsentwicklung: Ab 1928 wurden Volvos exportiert (20 Autos gingen nach Finnland), und 1929 fuhr Volvo in die Schwarzen Zahlen (der Gewinn betrug ein Viertel des Kaufpreises eines fabriksneuen Volvos).

Die früh gelegte Nutzfahrzeug-Schiene sicherte das Überleben, und in Kriegstagen blieb im neutralen Land Luft für Gedanken an die Zeit danach: Das neue Auto musste zu durchschnittlichen Einkommen passen – dass im Lastenheft ein „Kleinwagen“ stand, deutet auf US-Importwagen als Maßstab. Frühe Überlegungen mit kompressorgeladenen 1,6-l-Achtzylinder-Zweitakt-Sternmotoren im Heck kamen über den Motoren-Prüfstand nicht hinaus, 1943 wurden die Gedanken neu geordnet. Da Materialmangel zu erwarten war, steckte Gustaf Larson ­bodenständige Eckdaten ab: Heckantrieb, Reihenvierzylinder. Das Kriegsende erwarteten die Konzernchefs für 1944, daher sollte das Auto innerhalb eines Jahres fertig sein. Sehr sachlich soll auch die Endabnahme des Designs durch die Firmenchefs erfolgt sein: Nachdem sie das erste 1:1-Holzmodell stumm umrundet hatten, sagten sie ungefähr: „Lasst ihn uns bauen.“

Im September 1944 stand ein (nicht fahrbereiter) PV44 in den Königlichen Tennis­hallen zu Stockholm. Der ­Motor war mit 1414 ccm der kleinste in Volvos Geschichte, die Karosserie war Volvos erste selbsttragende, das Design wurde von den USA inspiriert, wo das Fließheck seit den frühen 40ern höchst angesagtwar. Bei Volvo war allerdings jeder Barock abgeräumt und die ­Linie von skandinavischer Sachlichkeit durchwirkt.

Der Preis von 4.800 Kronen lag unter den Entstehungs­kosten, den 2.300 Bestellern der ersten Präsentation blieb das Werk dennoch im Wort, der Produktionsstart aber lag außer Sichtweite. Im März 1945 war das eilig komplettierte Ausstellungsstück endlich fahrbereit, die Testphase ­begann.

Zum Produktionsstart 1947 war die Typbezeichnung auf PV444 gewachsen (4 Zylinder, 40 PS, 4 Sitze), der Preis auf kostendeckende 8.000 Kronen, Volvo kam dennoch mit der Fertigung kaum nach und tüftelte stets an Details. Bereits 1952 war der PV444 beim ­Modell D angelangt, da wurde er auch erstmals bunt: Zu Schwarz und Taubengrau kam Maroonrot, das gerne geordert wurde und besonders schnell verblasste. Die serienmäßige Heizung kam überhaupt erst 1954 mit dem Modell E, die ­Position der kleinen Rücklichter wechselte mehrmals, aber das Fahrgefühl war sensationell: Bis heute wirkt der PV444 rundum stimmig und wohl durchdacht, man schaut auf ein dezent geschmücktes Armaturenbrett, passt mit jeder Länge gut hinters Lenkrad, führt behutsam den sehr langen Schalthebel, genießt selbst mit dem kleinsten Motor alltagstaugliche Fahrleistungen, sofern man skandinavisches Gemüt mitbringt. Falls nicht, dann wählt man einen kräftigeren Motor: Die Leistung des 1,4-l-Aggregats wurde bis 51 PS gezwirbelt, 1957 kam der B16-Motor mit 1,6 l und 66 oder 85 PS. Es gab Gurtbefestigungspunkte vorne, und endlich war der Scheibenwischer von einem Elektro­motor getrieben statt vom Unterdruck des Ansaugkrümmers, der bei Vollgas die Wischgeschwindigkeit verlässlich verkümmern ließ. Da kam bereits der Buckelvolvo-Nachfolger Amazon ins Straßenbild, aber der PV444 verkaufte sich zu gut für einen Produktionsstopp.

Volvo PV444 Oldtimer 1947 Test Interieur

Ambitionierte Facelifts (eine Designstudie trug eine Front im Studebaker-Stil) verliefen sich im Prototypenstadium, es blieb bei zarten, aber effi­zienten Neuerungen und geliftetem Namen: Der PV544 war ab 1958 an der durchgängigen Frontscheibe und größeren Heckleuchten erkennbar, er ­bekam fünf Sitze und einen modischen Bandtacho. Die 12-Volt-Elektrik sollte erst 1961 folgen, da wurde auch erstmals der B18-Motor mit bis zu 90 PS verbaut. So wurde der Buckelvolvo 160 km/h schnell, bereit für eine Karriere im Rallye­sport war er ohnedies längst: Wer mittels Tuning ein wenig Langlebigkeit gegen Leistung tauschte, hatte ein immer noch überaus robustes Rallyeauto, und ab 1956 mischte das Werk selbst heftig im Rallyesport mit. Die Zahl der Siege ist Legion, im letzten Produktionsjahr gab’s einen der spektakulärsten: Joginder und Jaswant Singh ge­wannen mit ihrem PV544 die East African Safari Rally. Da war das Buckelvolvo-­Konzept schon über zwanzig Jahre alt.

Am 20. Oktober 1965 rollte der letzte PV544 direkt ins Werksmuseum. Der Kombi durfte noch bis 1969 bleiben, da war der Nachnachfolger 140 schon drei Jahre unterwegs. 

Der Besitzer:

Die Daten seiner Führerscheinprüfung kann Hans-Horst Tatscher auswendig aufsagen („19.12.1958, Gruppe A, B, C, E, F, G, dank der Gewerkschaft um 1.350 Schilling“), als Polizist lenkte er seit 1964 Einsatzfahrzeuge, privat immer Gebrauchte. Zuerst einen Käfer, dann einen Ford Badewannen-Taunus, später kam der Buckelvolvo: „Ein ­befreundeter Volvohändler hat einen PV444 als Oldtimer in der Auslage ­gehabt. Ich hab’ lange danach gefragt, dann hat er ihn mir verkauft.“ Mittlerweile sind zwei weitere Buckelvolvos dazugekommen, einen hat Hans-Horst Tatscher auf eigener Achse aus Hamburg geholt, völlig problemfrei natürlich.

Volvo PV444 Oldtimer 1947 Test Besitzer

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