1938 musste der Käfer das Wolfsburger Werk mit Kriegsmaterial teilen.
1938 musste der Käfer das Wolfsburger Werk mit Kriegsmaterial teilen.
 

Volkswagen wird 75 – Teil 1

Ein Dreivierteljahrhundert nach seiner Gründung ist VW der drittgrößte Autobauer der Welt. Die Ursprünge des Wolfsburger Unternehmens in der Nazi-Zeit trüben die Feierlaune aber ein wenig.

21.06.2013 APA

 

75 Jahre nach seiner Gründung strebt VW den weltweiten Spitzenplatz unter den Autobauern an. Bis 2018 will der deutsche Autobauer General Motors (GM) und Toyota überholt haben, die derzeit noch mehr Autos verkaufen. VWs Unternehmensgeschichte ist aber nicht nur von Erfolgen geprägt – die Anfänge der mittlerweile größten Autofabrik in Wolfsburg liegen in der Nazi-Zeit.

1938 hatte die „Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH“ einen Standort für das von Adolf Hitler in Auftrag gegebene Volkswagenwerk gefunden; zwischen Hannover und Magdeburg am Mittellandkanal. Um das ehemals dünn besiedelte Gebiet entstand Wolfsburg – heute Herz des drittgrößten Autobauers der Welt. Die Stadt feiert das Jubiläum groß.

Hitler wollte „Auto für die breite Bevölkerung“

Hitler wollte ein Auto für die breite Bevölkerung produzieren lassen. Der Konstrukteur Ferdinand Porsche wurde mit der Entwicklung eines Prototyps sowie dem Projekt VW-Werk betreut. Um die Produktionsmethoden der Fließbandfertigung zu studieren, reiste Porsche Ende der 1930er zu Ford nach Detroit. Dort warb er außerdem knapp 20 deutschstämmige Spezialisten ab.

Noch bei der Studienreise in Detroit entschied die Delegation, „dass das geplante Volkswagenwerk eine fast maßstabsgerechte Kopie des Fordschen Hauptwerkes sein sollte“, berichtet Manfred Grieger, Leiter der Historischen Kommunikation bei VW, in einer Aufarbeitung der Konzerngeschichte. Doch Plan und Realität waren grundverschieden.

Kriegsgerät statt Volksmobil

Das mit enteignetem Gewerkschaftsvermögen gebaute Werk diente unter den Nazis niemals der Volksmotorisierung. Zwischen 1940 und Kriegsende verließen nur 640 zivile Neuwagen das Werk. Und selbst mit den 65.000 Kübel- und Schwimmwagen zwischen 1940 und 1945 blieb das geplante Übertrumpfen des US-Niveaus ein meilenweit entferntes Ziel.

Etliche in den USA bestellte Spezialmaschinen kamen auch nie nach Wolfsburg – schuld war der aufrüstungsbedingte Devisenmangel. Die Nazis schlugen alternativ Kompensationsgeschäfte mit Kanarienvögeln und Saxofonen vor, doch für die Amerikaner zählte nur Bares.

1940 machte die laut Nazi-Propaganda „modernste Automobilfabrik der Welt“ am meisten Umsatz mit „hölzernen Abwurfbehältern“ für Luftlandeeinheiten. Kriegsgerät wie Panzerfäuste folgten. Und die VW-Geburt verknüpfte sich mit dem Schicksal von Zwangsarbeitern. Sie stellten 1942 fast zwei Drittel der Belegschaft. Erst Ende der 1990er entschädigte VW sie – und war damit Vorbild für die Industrie.

Unliebsames Erbe

Noch heute hängt der Nazi-Schatten über dem Konzern. In seinem Internet-Auftritt erwähnt VW zwar beim Käfer den Rüstungsbetrieb, doch seine eigentliche „Unternehmensgeschichte“ lässt der Dax-Riese erst 1945 beginnen. Dass Hitler den Grundstein für das Herz des Konzerns legte, schmerzt VW. Direkt nach dem unliebsamen Jubiläum gab es diesen Juni zum Glück den 30-millionsten Golf zu feiern.

Das Nazi-Erbe im Begriff Volkswagen, den die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) populär machte, verteidigt der Konzern als identitätsstiftend. Erst kürzlich entschied der Bundesgerichtshof, dass Werbesprüche aus der Autobranche wie etwa „Volks-Reifen“ VW-Rechte gefährden.

Bis Kriegsende klebten hunderttausende Sparer Wertmerken für einen Volkswagen aus dem KdF-Projekt – und gingen am Ende leer aus. Auch ein späterer Vergleich kompensierte den Verlust kaum. Neben dem Gewerkschaftsvermögen fraßen die VW-Anfänge also auch privates Kapital. Nach dem Krieg verzichtete der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nur deshalb darauf, Eigentumsrechte am Konzern einzuklagen, weil die Gewerkschaften und die öffentliche Hand starken Einfluss erhielten. Vor diesem Hintergrund wird klarer, warum Volkswagen noch heute ein besonderer Konzern mit besonderen Rechten für die Arbeitnehmerseite ist. Das umstrittene VW-Gesetz mit seinem Sonderstatus für das Land Niedersachsen ist ein Beispiel.

Zum 75. Geburtstag der mittlerweile tatsächlich größten Autofabrik der Welt schließt sich nun ein Kreis. Zwar beschäftigt der rund vier Jahre alte Übernahmekampf zwischen Porsche und VW noch die Gerichte, doch im Alltagsgeschäft gehört die Sportwagenschmiede inzwischen als Marke zum VW-Konzern. Der Werksplaner Ferdinand Porsche ebnete VW als Entwickler des legendären Käfers den Weg zur Weltgeltung. Und seit wenigen Tagen hält der PS-Clan Porsche/Piëch nach dem Ausstieg des Emirats Katar wieder die volle Kontrolle in der Porsche-Holding, die wiederum die Mehrheit bei VW hat – dort, wo Aufsichtsratschef und VW-Patriarch Ferdinand Piëch dominiert. Ein Dreivierteljahrhundert nach den Anfängen müssen nun nur noch Toyota und GM überholt werden.

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