Nissan Leaf Exterieur Dynamisch Front
Kommt Ende des Jahres, der Nissan Leaf. Ein echtes Auto.
 

Umdenken

… aber wohin? Die ersten Elektroautos stehen beim Händler, dafür verflüchtigt sich der Hype zusehends und gibt den Blick frei auf die wahre Zukunft der Mobilität.

01.03.2011 Autorevue Magazin

Natürlich wird der Genfer Autosalon wieder im Zeichen des Elektroautos stehen, allerdings mit einer feinen ­Nuance zu den letzten Jahren: Der Hype, getragen vom Drang zur Weltverbesserung und vollmundigen Versprechen, wird nun langsam von der Realität abgelöst. Die Autoindustrie liefert mit der von lästigen Entwicklungszeiten verursachten Nachdenkpause endlich, was bestellt wurde. Damit landen ­elektrische Fantasien auf hartem Pflaster: Reichweiten-Tests, Kostenrechnung, Strom-Herkunftsanalyse usw. Sprich: Ein ­wenig Skepsis ist wieder gestattet.

Zu den Fakten aus der glamourfreien Zone gehört: Diejenigen, die den Hype ausgelöst und das Elektroauto sozusagen ­bestellt haben, werden nur zu einem äußerst geringen Prozentsatz auch die Käufer sein: Umweltaktivisten, Politiker, Journa­listen. Es wird jedenfalls erhellend sein zu beobachten, ob wirklich jeder Grün-Beflissene dieses Landes privat auf ein Elektroauto umsteigt – und zwar ums eigene Geld bezahlt und nicht aus irgendwelchen öffentlichen Töpfen finanziert.

Denn genau darauf wird es ankommen: Menschen zu finden, die bereit sind, für deutlich weniger Nutzen und Praktikabilität 30.000 Euro und mehr auszugeben. Die paar Regierungsbehörden, Banken und Supermarktketten, die sich – nach den Maßstäben von Marketingkampagnen – für kleines Geld mit einem grünen Image behübschen, werden nicht reichen, um eine industrielle Massenproduktion in Schwung zu bringen. Und staatliche Subventionen scheinen geradezu absurd in Zeiten von ­Euro-Krise und Inflationsgefahr, ganz abgesehen davon, dass dieselben Förderungen in Wärmedämmung investiert einen deutlich besseren Effekt auf CO2-Bilanz und Arbeitsmarkt ­haben.

Außerdem: Wie schwierig es sein wird, ein grundsätzliches Umdenken in Sachen Mobilität herbeizuführen, zeigt das amerikanische Beispiel. Dort erleben gerade, Rekordarbeitslosigkeit hin oder her, die schweren Pickups und SUVs ein glanzvolles Comeback. Auch die deutschen ­Premiummarken können weltweit nicht über die Nachfrage an Ober­klasse-Autos klagen. Und das ist auch gut so, denn die ­Autoproduktion ist so ziemlich der letzte Industriezweig, der noch nicht komplett an China verloren gegangen ist und damit heimische Arbeitsplätze sichert.

Beim Elektroauto besteht ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung aus den Akkus, deren Produktion gewaltige Umweltschäden verursacht. Aber das muss uns ja nicht weiter kümmern, findet doch diese Sauerei wieder einmal im fernen China und anderen Schwellenländern statt, wo man es mit Umweltauflagen nicht ganz so genau nimmt wie im sauberen Europa. Aus den Augen, aus dem Sinn, Hauptsache unser Gewissen bleibt rein. Schließlich kaufen wir auch 5-Euro-Leiberl von H&M und ähnlichen Billigkram mit Begeisterung, obwohl längst jedem klar sein sollte, wie viel an Ausbeutung und Umweltsünden dahinterstecken.

All das im Hinterkopf, verursacht es mir keinen Öko-Kick, in einem Elektroauto zu sitzen. Wache Neugierde für eine hochinteressante Technologie ja, aber kein bisschen besseres Gewissen. Wieso auch? Prof. Jürgen Stockmar hat in seiner Elektro­auto-Analyse (Heft 12/10) ausgerechnet, wie gering das Ein­sparungspotenzial ist, nämlich etwa 0,5 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs. Jedenfalls lächerlich angesichts des ungehemmten wirtschaftlichen Expansionsdrangs Chinas und der Tatsache, dass Indien kein Problembewusstsein für eine Be­völ­kerungs­expansion von 1,2 auf 1,6 Milliarden Menschen in den nächsten 20 Jahren zeigt.

Es wird jedenfalls sicher nicht reichen, wenn nur wir Europäer globale Verantwortung zeigen, im schlimmsten Fall schwächen wir durch zu viel Zimperlichkeit und Zurückhaltung bloß unsere Position im weltwirtschaftlichen Rattenrennen. Das mag jetzt nicht besonders aufgeklärt klingen, aber wenn es ein durchgängiges Element in der Welt­geschichte gibt, dann ist das nationaler Egoismus.

In diesem Sinne scheint mir der Aktionismus rund ums ­Elektroauto, als würde man eine Flasche Perrier ins Feuer gießen, ­obwohl längst die ganze Hütte brennt. Seinen Platz in unserer mobilen Gesellschaft wird es trotzdem finden, wahrscheinlich als „Spielzeug für ökobewusste Reiche“, wie Technik-Koryphäe Prof. Fritz Indra vermutet.

In der Abenddämmerung des Elektro-Hypes darf endlich wieder der einzige wirklich funktionierende Mechanismus in Kraft treten: die freie Marktwirtschaft. Kontinuierlich steigende Spritpreise werden zu ungeahnten Effizienzsteigerungen beim guten, alten Schüttelhuber führen. Deshalb sind in Genf die Leichtbau-Studien – etwa von BMW und VW – viel wichtiger und zukunftsweisender als diverser Elektro-Firlefanz.

Wieder einer, der alles kann, der Nissan Esflow. Eine Studie, die zeigen soll, wie Elektrosportwägen aussehen könnten. Freilich alles nur im Konjunktiv.

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  • Ali Solvent Naphtha

    Zuletzt wird in der AR 8/2011 vom Chef de la maison zu den neuen Verkaufsrekorden der jubelnden Autoindustrie den dazu beitragenden österreichischen Autofahrern ein entspanntes und verantwortungsvolles Verhältnis zum Auto attestiert. Ein Verhältnis zumindest verantwortungsvoller als jenes von Politikern, dem ORF oder von Journalisten die wohl schon berufsbedingt um Umsatz und Wählerstimmen buhlend gerne über abnorme Verbräuche und ebensolche Gewichtsdimensionen von Autos lamentieren.

    Das kornherrsche Credo an den Verbrenner als auch zukünftig einzigem Lösungsansatz der individuellen Mobilität wird mit dem Entwicklungspotential der Autoindustrie zu weiteren Minderverbräuchen und Leichtbauaspekten nachvollziehbar begründet. Der Elektroantrieb wird mit seinen Umweltproblemen in Herstellung von Akkus und dem dazugehörigem Strom tatsächlich schlagartig per se als sinnbefreit dargestellt.

    Als Halter eines 75 KW Van´s mit sechs Liter Diesel Verbrauch und weißer Plakette sehe ich mich als Teil jener Menge an verantwortungsvollen Autofahrer.

    Oder besser ich sah mich als Teil davon.

    Als nativer Städter mit einem Volvo Kombi von 14 Litern Verbräuchen in der Stadt bei Jahreskilometerleistungen von ca. 7500 km wenig beeindruckt, galt es nach dem Umzug auf das Land nun plötzlich ein tägliches 120 km Pendlerpensum verbrauchsmäßig zu optimieren.
    Der Volvo des Herzens musste als Alltagsauto einem Ölbrenner des Verstandes japanischer Provenienz weichen.
    Sehr zufrieden wird nun seit Jahren auf einer großen gut ausgebauten Bundesstraße aus der Weststeiermark nach Graz gependelt und dabei folgendes zur Kenntnis genommen:

    1.) Der Herrgott besetzt alle Autos nur mit dem Fahrer und belasse sonst alles leer – außer am späteren Morgen wenn quengelnde Kinder an diverse Einrichtungen verschickt werden müssen.

    2.) Das Gesetz des Stärkeren gilt besonders gefragt sind SUV, Van und große Dieselkombis mit dem entsprechenden Punch die einen eh schon mit 110 km/h Dahingleitenden von hinten bedrängen und dann auch noch an Stellen überholen wo einem auch bei Ortskenntnis nur mehr schlecht wird.

    3.) Busse und andere seltene Öffis werden primär nur von Jugendlichen, allein- stehenden Frauen oder älteren Semestern benutzt.

    4.) Die Leute fahren wie die Irren besonders im Winter auf Schneefahrbahn- es gibt überwiegend nur zwei Stellungen des Gaspedals: Null oder Vollgas – Gefahrensicht- und Verbrauch- orientierte Gleiter sind nur selten und dann via ABS und ESP leicht zu umschiffende Hindernisse.

    5.) Der tägliche Stau in den Haupteinflugschneisen von Graz wird hup- und kommentarlos hingenommen – außer ein hilfesuchender Ausländer oder LKW- Zusteller drückt die Staugeschwindigkeit noch weiter unzulässig nach unten.

    6.) Benzinpreisschwankungen werden durch lächerliche Tankwechsel zu Diskontern mit 0,03 Euronen billigerem Sprit sensibelst wahrgenommen; geht es doch um ein Fünftel, Viertel oder gar ein Drittel des Familieneinkommens das man(n) ungern der Wiener Partie da in den Rachen wirft.

    7.) Erst bei einem Unfall oder einer überraschenden Baustelle erkennt man die wahre Anzahl der Pendler und die wahrhaft mächtige Anzahl ihrer Privat- PKW die sich da am Schnürl staut.

    8.) Nur in der Haupturlaubszeit sind paradiesische Zustände auf den Straßen wie in den 80er Jahren des alten Jahrhunderts – man ist relativ gesehen eigentlich allein unterwegs.

    9.) Es gibt keine fröhlichen Pendler die da in ihren Cockpits singen oder lachen, maximal wird schon um sechs Uhr morgens erbarmungslos geraucht oder ein Handy ohne Freisprech ausgequetscht.

    Dazu kommt folgendes via web leicht zu Recherierendes an unpersönlichen Fakten des Pendelns in der Steiermark:

    a.) In Graz fallen täglich 130 Tsd. Individualpendler mit ca. 100 Tsd. KFZ ein, davon 40- 50 Tsd. Autos mit ca. 52 Tsd. auch tatsächlich in Graz arbeitenden Pendlern
    b.) Nur 20 Tsd. Pendler kommen täglich mittels Öffis an Graz
    c.) Die gesundheitskritische Feinstaubwerte im Großraum Graz werden im Jahr bis zu 70 mal überschritten – maximal 25 Überschreitungen wären ohne Gesundheitsgefährdung zulässig
    d.) 50 % des kritischen Feinstaubanteiles in Graz sind dem Verkehr zuzuordnen, der Rest verteilt sich zu auf Industrie und Hausbrand und Sonstiges
    e.) Eine statistische Reduktion der durchschnittlichen Lebensdauer um ca. 1 ½ Jahre für Menschen im Großraum Graz ist evident, ebenso der signifikante Anstieg an chronischen Atemwegserkrankungen und der Mortalitätsrate von Kleinkindern und Senioren.

    Und noch was ganz allgemein zu einer Studie aus der Schweiz.

    Die MPA der ETH Zürich hat zur aktuellen Gesamtökobilanz des Elektroantriebes, – also auch Herstellung und Entsorgung von Komponenten berücksichtigend – unter Einbeziehung des bedauerlichen Energiemixes fossiler Brennstoffe und strahlender Atome zur aktuellen Stromerzeugung, Stellung bezogen.

    Es wird nüchtern hochgerechnet das aktuell ein Auto mit Verbrennungsantrieb maximal 4 bis 4 ½ Liter Gesamtverbrauch erzielen darf damit es vom Gesamtenergieeinsatz mit einem aktuellen E- Auto mithalten kann …

    Es darf auch zu erfreulichem Denken anregen dass der monetäre und energetische Amortisationszeitraum von Photovoltaikanlagen die neben einem Elektroauto auch Haus und Wohnung kostenlos mit Strom versorgen inzwischen bei 8- 10 Jahren liegt, und das bei stark fallender Tendenz auch bedingt durch die Ökostromgesetzgebung.

    Mir ist schon klar das nicht jeder ein Haus oder eine geeignete Dachfläche im Allgemeinbesitz zur Verfügung hat – und auch nicht jeder 30000 Euro für geeignetes batteriebetriebenes Spielzeug und 12000 Euro für die Photovoltaik – aber es gibt neben Wind, Stirlingmotoren und Erdwärme zu den Grundlagen der individuellen Mobilität vieles an Möglichkeiten und Varianten; wenn man bereit ist von der persönlichen Bequemlichkeit etwas aufzugeben und auch so etwas wie (Eigen-) Verantwortung dafür zu übernehmen.

    Es kann jeder versuchen, ganz unabhängig von der ja auch nachvollziehbaren Meinungsbildung des Chief`s der AR, aufgrund der hier angeführten Fakten sich einen Reim zu machen der nicht nur für den Großraum Graz gilt, und einmal ein Ausstiegsszenario für seine persönlichen Bedürfnisse und Wahrheiten zum Öl gedanklich zu finden.

    Es mag dabei helfen sein Tun und Denken ständig möglichst humorvoll zu hinterfragen, ohne sich gleich immer in die cochones getreten zu fühlen.
    Da bekannterweise unsere Wahrnehmung der Dinge maximal einen Teil der tatsächlichen Wahrheit darstellt, sollten wir nicht reflexartig genauso sandkisterlartig schief argumentieren wie es auch die andere Seite des Meinungsspektrums manchmal uns gegenüber tut.

    Noch ist Zeit ohne Druck in der heraufziehenden Götterdämmerung des gigantischen Ölbedarfs der chinesischen und indischen Wirtschaft, vor Literpreisen um 2,50 oder gar 3,00 Euro stehend, frei über die Konsequenzen der persönlichen Mobilität nachzusinnen.

    Strom als Alternative zum Öl durch die rüde Umweltverschmutzung in Schwellenländern schlecht oder sinnlos zu reden, weil diese Länder billigst von uns zugekauften Waren ohne Rücksicht auf morgen produzieren, ist nicht nachvollziehbar, beim Teufel!
    Es spricht ja niemand von alleiniger Heilsbringung durch Stromautos aber es ist sonst nix da – und wir sind ja auch nicht bereit uns in unseren berechtigten Mobilitätsbedürfnissen über die wirtschaftlichen Notwendigkeiten hinaus selbst tief zu beschneiden, oder?

  • Statuskrah

    Wie immer in Kornherrs Kommentare soll am Ende alles so bleiben, wie es ist, nur eben besser. Jetzt soll es also die freie Marktwirtschaft richten? Wagemutiger Ansatz. Ebenso gut könnte man KTG zum Wissenschaftsminister oder KHG zum Finanzminister machen.

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