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Frei nach Bernd Müller: "Internet kills the Car-Star."
 

Tötet das Internet das Auto?

Bernd Müller über den Generationenwechsel.

27.11.2010 User

Wann und wo dieses Gespräch statt gefunden hat, weiß ich nicht mehr im Detail. Smart Urban Stage? BMW Driving Experience? Egal. Was ich weiß ist, dass es ein Professor für Automobildesign war, der mir die folgende persönliche Beobachtung nahe gebracht hat.

Als Kind, so hatte mir der Designer erzählt, konnte er das Leben seines Vaters anhand der Autos beschreiben, die dieser besessen hat. Noch heute hat er jedes einzelne vor Augen: Zuerst kam ein gebrauchter Käfer ins Haus, das olivgrüne Standardmodell. Dann ein Opel Rekord, ein 1700 L, ebenfalls gebraucht, ein weißer mit blauem Dach. Später, mit beruflichem Aufstieg und damit verbundenem steigendem Einkommen, wechselte der Vater zur Marke Mercedes: Ein 200er, der letzte mit Heckflossen, gefolgt von einem dunkelblauen 280 S. Er hatte es geschafft.

„Mein eigener Sohn“, fuhr der Designer fort, „ist jetzt 12 Jahre alt, und er verbindet mich überhaupt nicht mit Autos. Er verbindet mich mit den Apple-Computern, die ich besitze, und mit meinem iPhone. Mein Sohn will nicht wissen, wann mein neuer Audi TTS geliefert wird, sondern ob und wann ich mir das neue iPad hole.“ Er lachte. Das alles ist in einer einzigen Generation passiert, und ich wette, den Managern in den Automobilfabriken fällt diese Veränderung in unserer Gesellschaft noch nicht einmal auf.

Manchen Menschen fallen Dinge auf, von denen man wünschte, sie wären einem selbst aufgefallen. Vor allem, wenn die persönliche Erfahrung eine identische ist.

Ich kann mich nicht nur an jedes Auto meines Vaters erinnern, ich habe sogar noch alle Kennzeichen im Kopf, so untrennbar waren Familienleben und Autofahren miteinander verwoben. Ich habe Autos geliebt, kannte jedes Modell auf der Welt, konnte die wichtigsten technischen Daten aus dem Gedächtnis herunterbeten. Ich habe von Autos geträumt, und es waren große Träume.

Von meinen beiden Söhnen hat nur einer den Führerschein gemacht, er fährt ab und zu das Auto seiner Mutter. Der andere findet ebenfalls, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Autos. Sein Macbook und sein iPhone 4 zum Beispiel.

Zugegeben, beide Jungs interessieren sich durchaus dafür, welches Modell ich gerade fahre, welches ich geliehen und welches ich getestet habe. Aber es ist ein eher peripheres Interesse, keines, das mit irgendeiner Form von Kaufabsicht einhergeht. Und schon gar nicht mit Träumen.

Das Gespräch mit dem Designer hat mir deutlich gemacht, dass die automobile Ausweitung der eigenen Persönlichkeit an ihre Grenzen gestoßen ist – noch nicht in China und noch nicht in Indien, aber in unserer Gesellschaft. Mein erstes Auto hatte mich aus unserem kleinen Städtchen raus geholt, mir andere Länder, andere Menschen, andere Leben gezeigt, auch wenn es sich nur um eine Fahrt von Düsseldorf nach Amsterdam handelte.

Meine Söhne lernen die Welt anders kennen. Real ab und zu mit dem Auto, manchmal mit der Bahn, oft mit Billigflügen – aber zunehmend auch virtuell: mit internetfähigem Computer und Mobiltelefon. Wohl gemerkt, nicht anstelle von realer Erfahrung, sondern als Erweiterung dieser Erfahrung.

Genau das scheint mir der entscheidende Punkt zu sein: Wo uns die automobile Fortbewegung in über 100 Jahren bis an die Grenze der Ausweitung unserer eigenen Persönlichkeit transportiert hat, bringt uns das Internet mühelos weiter. Es verbindet uns rund um die Uhr mit der gesamten Welt, macht uns in Sekundenbruchteilen omnipräsent, verleiht uns eine andere, scheinbar universale Bedeutung.

Natürlich geht es hier nicht um eine körperliche Form der Grenzüberschreitung. Aber es geht um eine Ausweitung unserer Persönlichkeit die, selbst wenn sie auf einer anderen Ebene stattfindet, nichtsdestoweniger real erfahrbar ist. Und die, zumindest für die jüngere Generation, immer attraktiver wird.

Und ich Best Ager? Ich werde mich auch morgen wieder ganz real in ein Auto setzen, und es wird mir auch morgen wieder – mehr oder weniger viel – Spaß machen. Aber ich werde von nun an etwas genauer beobachten, wie und wo diese Form von automobiler Fortbewegung ihren Stellenwert verändert. In mir und in unserer Gesellschaft.

Schließlich ist nicht nur das Auto mobil, sondern auch seine Bedeutung für uns.

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