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Die 7 Todsünden der Autohersteller

Fortschritt ist bekanntlich etwas Gutes. Doch zu viel Zukunft verstellt der Auto-Industrie mitunter den Blick auf die Banalitäten des Alltags. Die Gratis-Warnhinweise.

21.09.2016 Autorevue Magazin

Die 7 Todsünden der Autohersteller

1. Alles inklusive

Das Cabrio-Coupé-SUV-Crossover ist nur noch eine Frage der Zeit

Das Cabrio-Coupé-SUV-Crossover ist nur noch eine Frage der Zeit

Es ist nur noch eine Frage der Zeit: das Coupé-Cabrio-SUV-Crossover mit sieben Sitzen. Logischer Höhepunkt einer Entwicklung, die via Soft-SUV und plastik­beplanktem Mini-Van in den letzten ­Jahren übers Land gekommen ist. Wer die damit verbundenen Versprechen tag­täglich braucht? Viele offenbar. Genau jene, die das ganze Jahr über in Bergschuhen, Badehose und Business-Sakko unterwegs sind. Denn man kann ja nie wissen, was wird.

2. Das Glashaus

Plötzlich waren sie da: Panorama-Dächer

Plötzlich waren sie da: Panorama-Dächer

Keiner hat danach verlangt, doch plötzlich waren sie da: die Panorama-Dächer. Mehr Licht – das wusste schon Goethe – ist ja prinzipiell eine wünschenswerte Sache, die Konsequenz indes eine fatale: Mehr Sonneneinstrahlung bedeutet schneller aufgeheizten Innenraum bedeutet verstärkter Griff zur Klimaanlage bedeutet mehr Verbrauch. Vom zusätzlichen Gewicht an fahrdynamisch ungünstiger Stelle einmal ganz zu schweigen.

3. Logisch?

Logisch, oder?

Logisch, oder?

Seit Jahren arbeiten sich die Hersteller an der Schnittstelle Mensch/Maschine ab. BMWs mirakulöser i-Drive war da ein schönes Beispiel, wie ein Techniker-Traum an der Realität vorbeigeht. Zwar geben sich die neueren Systeme fitter, an der Basis ist noch immer Handlungsbedarf. Siehe die oft gut versteckten Knöpfe, um Verkehrsdurchsagen wegzuknipsen. Sitzheizungsschalter finden noch immer abenteuerliche Plätze, manch Navi-Bedienung hat diesen Namen nicht verdient. Und was hat eigentlich der gute alte Drehregler der Auto-Branche getan?

4. Dö-del-riö!

Alarm im Auto

Alarm im Auto

AutofahrerInnen sind grundsätzlich debil. Anders sind die akustischen Dauer-Warnsalven nicht zu erklären. Kurz mal das Auto in der Einfahrt reversieren kann im Extremfall so klingen: Miiiiiep! (Gurt bei Schritttempo nicht angelegt). Wiepwiepwiep! (Handbremse lösen). Wäowäo! (Tür nicht ganz zu). Bliiiiieeep! (Tasche am Beifahrersitz). Wiwiwiwi! (Muttis Pelargonientöpfe ­nähern sich von hinten). Mio-Mio! (Schlüssel steckt). Uip-uip! (Licht vergessen). Blip. (Alarmanlage scharf). Kampf dem Tinnitus!

5. ESP per se

Audi RS3 Sportback Detail

Dass immer mehr ­Modelle ohne ESP- bzw. ASR-Off-Taste auskommen müssen, ist definitiv kein guter Trend. Und das nicht, weil wir so gerne völlig enthemmte Dreizylinder-­Koreaner um die Ecke werfen, sondern weil wir im Winter gerne aus verschneiten Parklücken wieder raus oder verschneite Wege hochklettern wollen. Und zwar ohne E-Gestotter. Einfach so. Zumindest bis Tempo 50. Dann darf er sich eh wieder scharf stellen, der Kontrollator.

6. Ich staue, also bin ich

Wo ist nur mein ... grrrrr

Wo ist nur mein … grrrrr

Staufächer sind super. Nichts, aber rein gar nichts ist daran auszusetzen. Außer, dass sie – einmal kreativ vollgeräumt – nicht sehr schick aussehen. Was vor allem in der Ober- und Mittelklasse zu einem regelrechten Staufach-­Exitus geführt hat. Zwar wurden im Gegenzug die Mittelarmlehnen mit Raum aufmunitioniert. Sich während der Fahrt in einem mit Dutzenden Sicherheitsassis aufgeladenen Edel-Gerät höchst abenteuerlich durch den persönlichen Bedarf tasten zu müssen, geht jedoch irgendwie am Thema vorbei, oder?

7. Gummi schützt

Eine Gummileiste würde vor Kratzern schützen

Eine Gummileiste würde vor Kratzern schützen

Klingt pingelig, löst aber am Supermarkt-Parkplatz verlässlich kleine Dramen aus: das Verschwinden der Seiten-Schutzleiste. Das will der Kunde so, sagen die Hersteller. Ob er das im Angesicht eines Gebrauchtwagenkäufers, der ihm für jeden Lack-Pecker 100 Euro vom Preis abzieht, auch in ein paar Jahren will, stellen wir mal zur Diskussion. Selbst SUVs werden mittlerweile ohne Rempel-Gummi auf den Alltag losgelassen. Was dann eigentlich alles über diese Fahrzeuggattung sagt.

  • watschndackl

    ariel nomad ……. :)

  • Dr. Heribert K. Sauer

    Danke für den Beitrag! Ich habe für mich die Konsequenzen gezogen, indem ich den M BMW verkauft und dafür einen Morgan bestellt habe: kein ABS, keine Servolenkung, kein ESP, kein Radio und überhaupt sowas von keinen elektronischen Pseudohelferlein, die sich wichtig machen könnten. Und als Schlechtwetterfahrzeug einen Suzuki Jimny, der, ich gestehe, über Servolenkung, ESP und Radio verfügt. Ja, Autofahren macht wieder Spaß, so ganz ohne…..

  • Lieber Hr. Einfalt,

    gegen beleuchtete Make-up-Spiegel habe ich nichts, beim zwangswischenden Regensensor und dem und der Glatteiswarnung, die regelmäßig aus dem Nichts kommt gebe ich Ihnen aber 100-prozentig Recht.

    Warum das so ist, wird Ihnen niemand beantworten können. Daran ist keiner Schuld. Das ist eine dieser Entscheidungen, die im Kollektiv getroffen werden, damit niemand ausgepeitscht werden muss.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Christian Seidel

  • Guten Tag Hr. Schuster,

    selbstverständlich würde ich Ihnen nie empfehlen, irgendwelche Warn-Piepser abzustellen. Bei Menschen die bei sowas unartiger sind habe ich aber schon gesehen, dass man ganz einfach die dazugehörige Sicherung ziehen kann. Auskunft, welche Features an welcher Sicherung hängen, gibt die Betriebsanleitung.

    Kann helfen, muss aber nicht. Ich erinnere mich daran, einmal die Servo deaktiviert zu haben, als ich das ESP zwangsabgeschaltet habe.

    Ich meine natürlich, das war nicht ich, sondern ein Freund.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Christian Seidel

  • michael schuster

    Zum Thema „Dö-del-riö! oder wie wir bevormundet werden“ meine Anmerkung:
    ich fahre seit September eine Zitrone … äh … einen Citroen C5, ua. mit elektrischer Parkbremse.
    1) geht die grundesteillungsmäßig an, wenn man im Stehn den Motor abstellt,
    2) wenn man diese Automatik abschaltet (geht zum Glück bei meinem Modell [2009] noch), gibt’s anstelle des Einbremsens ein „pingpingpingping“ (ca 1 Minute lang) – ich hab die mitleidigen Blicke in der Tiefgarage schon ziemlich satt (die TG ist vollständig eben, da brauch ich keine Feststellbremse – zumal die eher träge beim Lösen ist …)

    Falls eine/r von euch einen guten Draht zu Citroen hat, sagt ihnen bitte, daß sie diese Automatiken bitte abdrehen sollten, und außerdem kann mir jemand verraten, wie man das Geläute abdreht, auch wenn das angeblich ein Sicherheitsfeature sein soll und daher der Händler das nicht darf.

    herzliche Grüße
    MS

  • Ernst Einfalt

    Warum wird man als Kunde, wenn man einfach nur eine Klimaautomatik, schönere Sitzbezüge und Alufelgen will mit diversen Ausstettungspaketen mit allerlei unnötigem Klimbim wie beleuchtete Makeupspiegel, Regensensor (spätestens wenn Vogeldreck drauf ist funktioniert der sowieso nicht)oder Glatteiswarnpiepserl zwangsbeglückt?
    Nichts gegen moderne Technik aber sinnvoll sollte sie schon sein.

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