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Aller Anfang undsoweiter.
 

Mein schnellster Tag

Nach dem Aventador-Hoppala beim letztjährigen Supertest war klar: Der Dichter muss zur Nachschulung. Hier der Bericht.

20.12.2012 Autorevue Magazin

RiedmannDer Slovakiaring ist von Wien aus in zwei Stunden zu erreichen, wurde mir gesagt. Das gilt allerdings nur, wenn man ein Auto hat, und meines ist mir am Abend, bevor ich unter der fachmännischen Aufsicht von Raphael Sperrer den KTM X-Bow ­testen darf, im Rahmen einer kleinen ­Feier in einem Fischrestaurant auf rätselhafte Weise abhanden gekommen. Kurzerhand ordere ich ein Leihauto bei rentalcars.com. Pech nur, dass am nächsten Tag noch immer keine Bestätigung von rentalcars da ist, ich eine halbe Stunde in einer Telefonschleife hänge, die Homepage ausschließlich Verwirrung stiftet und die Telefonistin, die schließlich doch erreicht wird, mir ein Auto nur für zwei Stunden später anbieten kann, das ich am nächsten Tag aber bitte trotzdem zwei Stunden früher zurückgeben soll. Und Pech auch, dass mich seit der Nacht eine verheerende Fischvergiftung im Griff hat. Aber egal, nur weil man weniger als drei Stunden geschlafen hat und in ­einem problematischen Gesamtzustand ist, kann man nicht auf die Gelegenheit verzichten, unter professioneller Anleitung ein Fahrzeug über eine Rennstrecke zu ­bewegen, das man sonst ja kaum aus der Nähe zu Gesicht bekäme.

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© Bild: Andreas Riedmann

Die Anreise zum Slovakiaring ist nicht direkt abenteuerlich, aber doch, nun ja, nicht ganz EU-konform. Ab Bratislava fährt man über rumpelige Straßen und durch das eine oder andere Dorf, in dem die Menschen aussehen, als wären sie alle miteinander verwandt. Ich habe kein Navi, aber ich finde trotzdem ans Ziel, weil mich eine glückliche Fügung beim Vignettenkauf an der Grenze mit Andi Riedmann, dem Fotografen für den heutigen Tag, zusammentreffen hat lassen. Für ein paar ­Kilometer Autobahn verlangen die Slowaken übrigens 10 Euro, das erscheint mir nicht eben wohlfeil, aber vielleicht habe ich einfach nur etwas falsch verstanden und die falsche matrica gekauft.

Als ich an der kurz vor Dunskaja Streda gelegenen Strecke aussteige, staune ich ­einerseits über die 35 Grad, die hier schon am Vormittag herrschen, andererseits über die Hartnäckigkeit der Fischvergiftung. Ich begrüße Raphael Sperrer, Manfred Wolf und den Rest des KTM-Teams, dann ziehe ich mich unter einem Vorwand und mit leisen Flüchen auf den Lippen für einige Minuten zur Meditation zurück.

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© Bild: Andreas Riedmann

Einige Zeit vergeht bei der Anmeldung. Ich beobachte die anderen Fahrer, erwachsene Männer, die mit leuchtenden Kinderaugen aus ihren Autos steigen und auf den Monitoren in den Boxen ihre Runden­zeiten kontrollieren. „Unter zwa-siebzehn! Ha? Muass sein!“ schreit einer neben mir, und sein Gesicht glänzt vor Glück. Mir wird mulmig zumute. Fahren die etwa mit mir zur gleichen Zeit auf der Strecke? Dem Ehrgeizler ist zuzutrauen, dass er mich von der Straße schießt, damit er zwa-sechzehn schafft. Mein Körper reagiert mit einem Schutzreflex, ihm wird ganz einfach wieder übel.

Kurz darauf wird der X-Bow angeliefert. Ich kenne das Auto, weil ich es beim letzten Autorevue-Supertest irgendwo in Südtirol über eine Strecke von etwa sechzig Kilometern gefahren bin. Damals stieg ich zitternd und mit dem Dauerlächeln eines Sektenmitglieds aus, voll mit Adrenalin und Glückshormonen, weil ich nie zuvor im Leben mit einem Auto so viel Spaß ­gehabt hatte. Ich war ohne Helm gefahren, da für meine überdimensionale Runkel­rübe kein passender vorrätig gewesen war, aber mir machte weder der gelegentliche Steinschlag viel aus noch der Fahrtwind, der mir die Sonnenbrille gegen die Augen presste. Ein bisschen unangenehm war die Angelegenheit in Tunneln, wo ich die Wahl zwischen biblischer Finsternis und höllischem Augenbrennen hatte, doch für so ein Fahrerlebnis nimmt man das in Kauf.

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© Bild: Andreas Riedmann

Da steht er also. Ich hatte ihn gar nicht so mächtig in Erinnerung, mehr wie ein zu groß geratenes Kart. Das hier ist kein g­roßes Kart, das ist eine Rennmaschine von geradezu einschüchternder Architektur. Auf das Wesentliche reduziert, nichts als ein technisches Gerät, das geschaffen wurde, um damit möglichst schnell möglichst höllische Geschwindigkeiten zu erreichen. Ich frage mich, wieso Christian Kornherr, mein Chefredakteur, ausgerechnet mich in so ein Auto setzen möchte. Will er mir die Tempoflausen austreiben? Könnte ihm gelingen, wenn das Wetter so bleibt und mein Magen nicht besser wird.

Raphael Sperrer macht sogleich Ernst. Nach einem Trockentraining am Lenkrad seines eigenen Wagens werde ich vom KTM-Team in einen Rennanzug gesteckt („Damit du länger brennst!“) und auf der Beifahrerseite des X-Bow festgezurrt, wobei mein jammervoller Zustand der Allgemeinheit Anlass zu großer Heiterkeit und Schadenfreude gibt. Das stört mich nicht, denn ich freue mich immer, wenn ich anderen Menschen zu etwas nütze bin, schon weniger gefällt mir indes die Ankündigung von Raphael, in der ersten Runde nur mit 80, dann mit 90 Prozent zu fahren. In mir schwappt der Branzino, und ich ersuche Raphael mit leiser Stimme, sich vielleicht in der ersten Runde mit 50 Prozent zufriedenzugeben, da ich schon dieses Maß für reichlich instruktiv halten würde. Er verspricht es mir und vereinbart mit mir zusätzlich Zeichen, mit denen ich ihm spontane Anfälle von Fischalarm signalisieren könnte, worauf sofort die Box angesteuert würde.

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© Bild: Andreas Riedmann

Die erste Runde. 50 Prozent von Raphael Sperrer auf einer Rennstrecke bedeuten ein Fahrerlebnis, das sich der Durchschnittsmensch nicht ausmalen kann. In der Runde darauf erhöht er auf 80 Prozent, und in der dritten geht es noch einen Tick aggressiver dahin. Obwohl viele andere Sportwagen auf der Strecke unterwegs sind, werden wir natürlich nicht überholt. Mich überholt allerdings mein eigener Magen, und ich bin froh, als wir wieder in der Box stehen.

„Angst gehabt?“ fragt mich Fred Artbauer, der Veranstaltungschef, der aussieht, als käme er gerade von seiner Yacht in ­Kroatien, und der für alle unsere Extrawünsche, speziell jene von Andi Riedmann, ein offenes Ohr hat. Angst gehabt? Interessanterweise gar keine. Ich hatte nie zuvor die Gelegenheit, bei einem Fahrer von der Qualität ­Raphael Sperrers mitzufahren, und ich bin nicht nur beeindruckt, ich bin begeistert, fasziniert, ich kann ein wenig die Kluft ermessen, die zwischen einem automobilistischen Amateur wie mir und jemandem wie ihm liegt. Nein, Angst hat man neben ihm keine, denn man spürt in jeder Sekunde, man muss keine haben. So einen Fahrer habe ich noch nie erlebt. Der kann es nicht so ein bisschen, der kann es so richtig.

Nach einer Viertelstunde weiterer Meditation hinter einer Baracke werde ich vom Team mit Wasser und Brot wieder in Form gebracht, Raphael hat sogar ein ätherisches Öl für mich, das ich mir unter die Nase schmiere, und mit gestärktem Kreislauf setze ich mich hinters Steuer, während Raphael neben mir Platz nimmt und mich ermahnt, meinen Co-Piloten lebendig ans Ziel zu bringen. Daran habe auch ich ein veritables Interesse, und dementsprechend schaumgebremst gehe ich ans Werk. Ich schaue ständig in den Rückspiegel, um nicht von heranbrausenden Profis auf der Jagd nach zwei-sechzehn abgeschossen zu werden, lasse mir mit dem Beschleunigen Zeit und bemühe mich, vor Kuppen abzubremsen, um das Visier meines Helms sauber zu halten.

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© Bild: Andreas Riedmann

Nachdem ich die erste Runde überlebt habe, werde ich mutig. Das führt natürlich sofort dazu, dass ich eine Kurve deutlich unterschätze. In der nächsten Sekunde weiß ich überhaupt nicht, was los ist, wir drehen uns und drehen uns, dann stehen wir gegen die Fahrtrichtung hinter einer unangenehmen Kuppe, auf der jederzeit feindliche Sportwagen auftauchen können, und der Motor ist abgestorben. Eine ­Situation, die mir nicht nur Spaß macht, von Raphael jedoch cool gemeistert wird. Ich frage ihn, ob wir an die Box sollen. Er winkt ab, für ihn ist der Ausritt nicht der Rede wert.

Für mich schon, denn ich habe komischerweise Angst, Christian Kornherr an diesem schönen Sommertag anrufen zu müssen, um ihm mit Grabesstimme mitzuteilen: „Christian, ich habe die Armbrust geschrottet.“ Das ist ein Alptraumszenario, und meine diesbezüglichen Befürchtungen führen in Kombination mit dem heimtückischen Fisch dazu, dass ich mich in der Folge mit einer Großmutterperformance begnüge, obwohl Raphael alles versucht, um mich zu einer würdigen Behandlung dieses Renners zu animieren.

Je länger der Tag dauert, desto besser lerne ich die Strecke kennen. Es gibt Kurven, die ich hasse, es gibt Kurven, die zu fahren ein einziges Vergnügen ist. Die Start-Zielgerade wächst mir mehr und mehr ans Herz, Geschwindigkeiten von 220, 230 km/h halte ich hier selbst für mich für vertretbar, obwohl mir der Wind dabei den Helm gegen die Nackenstütze schlägt und ich kaum Luft kriege. Dass 200 offen ein unvergleichlich intensiveres Erlebnis als 300 mit einem geschlossenen Wagen sind, habe ich zwar vorher auch schon ­gewusst, aber das ändert nichts an meiner Faszination.

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© Bild: Andreas Riedmann

Immer wieder gibt es Pausen. Gruppe A und Gruppe B wechseln einander in halbstündigen Intervallen ab, Gruppe A sind die Schnellen, Gruppe B sind die Langsameren und ich. Ich stehe in der Box, verkrieche mich im Schatten, auf der ­Strecke hat es 51 Grad, in meinem Rennanzug werden es etwa 96 sein. Raphael dreht ein paar Runden alleine, dann steige ich wieder ein. Nach und nach verstehe ich das Auto besser, aber ich werde nicht mehr übermütig. Ein wenig tut mir Raphael leid, der sich neben jemandem wie mir gelinde gesagt langweilen muss (vermutlich verzweifelt er auch hin und wieder, wenn ich statt dem sechsten den vierten Gang er­wische, röööööhr).

Fazit: Der X-Bow ist ein sensationelles Auto mit außerirdischer Beschleunigung, nicht gerade ein Wagen für Sportwagennovizen, und ich fahre ihn lieber auf der Landstraße als auf der Rennstrecke, speziell auf einer so belebten wie dem Slovakia­ring an diesem Tag, wo jemandem wie mir die allgemeine Hatz auf die zwei-sechzehn gelegentlich die Nackenhaare aufstellt. Das Fahrgefühl ist beinahe wie auf einem ­Motorrad, man fühlt die Geschwindigkeit in ungleich stärkerem Maß, und das macht mir ebenfalls auf der Land­straße mehr Spaß als auf einer Rennstrecke. Was jedoch nicht heißen soll, dass mir diese Stunden am Slovakiaring nicht unglaublich viel Vergnügen bereitet hätten, im ­Gegenteil. Diesen Wagen zu fahren ist toll. Und noch toller ist es, von einem Giganten wie Raphael wenigstens eine Ahnung ­davon vermittelt zu bekommen, was Motorsport bedeuten kann. Ihn zu erleben, mit seiner Bescheidenheit und Freundlichkeit, seinem Witz und seinem Humor, vor allen Dingen mit seiner Meisterschaft, dafür allein hätte es sich auch gelohnt, noch viel weiter zu fahren als nach Dunskaja Streda.

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