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Think City – Hundertvierzig!

Elektroauto unterwegs: Die Reichweite ist die neue Höchstgeschwindigkeit, und der Alltag ist ein paar Stolpersteine entfernt. Sieben Schritte mit dem Think City.

01.05.2010 Autorevue Magazin

Erstens: Design

Der Think City flutscht ins Straßenbild, als wäre er mit diesem gezeichnet worden. Das ist einerseits gut, weil ein Elektroauto ein Auto sein soll und kein UFO (sagen die Marktanalysen). Nicht so gut ist, dass sich der Think in der Wahrnehmung wenig mit der Materie verstrickter Autofahrer kaum von einem Leicht-Kfz vulgo Mopedauto unterscheidet.

Zweitens: Begegnung

Ja, es gibt Verkehrsteilnehmer mit originell geformtem Ego, deren Fahrweise von Rüpelhaftigkeit durchwirkt ist, sobald sie den Think als potenzielles Hindernis identifiziert haben. Was er keineswegs ist, schon gar nicht in der Stadt oder für den Fahrer selbst: Man schließt die Tür und sitzt wie in einem Kleinstwagen. Alles fühlt sich solide und durchdacht an, nur bei der Bedienung muss man umdenken. Man dreht am Startschlüssel wie bisher, aber statt des Startergeräuschs erklingt gar nichts. Es leuchtet nur mannigfaltig am Armaturenbrett, womit der Think seine Bereitschaft zum Losfahren signalisiert. Eine Schaltung gibt’s nicht, weil der Elektromotor ohne Getriebe auskommt, also tarnt sich der Wählhebel zwischen den Sitzen als Automatik-Hebel.

think city kofferraum

Vorerst gibt’s nur zwei Sitze und dahinter einen sehr ordentlichen Kofferraum.

Drittens: (Los)fahren

Man tritt das Ding formerly known as Gaspedal (wie heißt das eigentlich heute, bitte um haltbare Vorschläge!), und verzögerungsfrei wuchtet der 46-PS-Elektromotor sein gesamtes Drehmoment an die Vorderräder. Dabei klingt der Think City eher wie eine Rolltreppe: Leises Säuseln vor dem Stimmbruch, man darf an Tinnitus denken, muss aber nicht. Die Agilität ist verblüffend für einen Kleinstwagen, aber man führt sie gerne als Versprechen im Kofferraum mit. Wer ein Elektroauto als Teil des Lebensentwurfes fährt, ist ein gut verzahnter Baustein dieses Konzeptes – Ignorieren der Stromanzeige unmöglich.

think city seite

Sie zeigt, wie heftig derzeit an der Batterie gesaugt wird. Wer das Dingspedal sanft bedient, sticht nur zart in den roten Bereich, bei Vollgas (Vollstrom?) taucht der Zeiger tief ab. Im Gegenzug wird im Schiebebetrieb mehr (Eco-Modus des Wählhebels) oder weniger Energie (in Drivestellung) rückgewonnen.

Viertens: Reichweite

Think stellt für den City 160 km in Aussicht, wir lagen leicht darunter: Nach 130 km fuhren wir bei zehn Prozent Restladung zur Steckdose, etwas über 140 km wären sich also ausgegangen, bei regnerischem, kühlem Wetter und meistens bei Nacht. Unter Idealbedingungen lässt sich die Reichweite gewiss noch heben, im Winter werden Heizung und Temperaturen noch was wegknabbern.

Fünftens: Tanken

Es gibt in Österreich derzeit rund 2500 Stromtankstellen (Verzeichnis unter www.elektrotankstellen.net), wobei man das Bild einer klassischen Tankstelle vergessen kann: Autofahrerclubs sind dabei und Parkgaragen; Lokale, die Gäste mit Strom versorgen; Private, die ein Verlängerungskabel aus dem dritten Stock lassen; Kirchen, die Besucher des Gottesdienstes versorgen. Steckdosen daheim und am Arbeitsplatz sind also sehr hilfreich. Zeit auch: Wir zapften deutlich länger, als die Daten versprechen, nach elf Stunden waren erst 60 Prozent dazugeladen.

think city tacho

Der Think City hat eine Zebra-Batterie, die auf 270 Grad gehalten werden will. Steht das Auto tagelang still, geht der Strom fürs Heizen der Batterie verloren. Der Strom für 100 km kostet bei derzeitigen Tarifen rund 2,60 Euro.

Sechstens: Ökobilanz

Fest steht, dass längst nicht alle Fragen zum Elektroauto gelöst sind. Gewiss ist, dass es dort keine Emissionen erzeugt, wo es fährt. Steigt der Elektroautoanteil, dann wird ein kluges Energiekonzept (und seine Umsetzung!) dafür sorgen müssen, dass sich die Atomlobby nicht die Hände reibt. Erneuerbare Energiequellen sind die einzig sinnvolle Quelle, derzeit entsteht auch bei der Energieerzeugung für Elektroautos CO2. Je nach Rechenmodell pendeln sich die Ergebnisse beim österreichischen Strommix bei 50 bis 65 g CO2/km ein. Allerdings haben wir einen weltweit überdurchschnittlich hohen Anteil an erneuerbaren Energien (Wasserkraft!), beim deutschen Strommix läge der CO2-Wert auf dem Level eines Diesel-Kleinwagens.

Siebentens: Verkauf

Der Think City wird derzeit nur an Betriebe, Energieversorger oder kommunale Einrichtungen verkauft, die 44.000 Euro Kaufpreis lockerer in ihren Budgets versenken. Dass auch schon mehrere Private mit dem Betrag in der Hand an der Tür scharren, lässt Importeur Denzel möglicherweise gegen Ende des Jahres umdenken.

Der Preis soll während der nächsten Jahre durch größere Serien sinken, unter 30.000 Euro wird er sich wohl nicht drücken lassen. Dafür kommen die Modelle dem Fahrer entgegen: Das Faltdach ist bereits lieferbar, die Klimaanlage und zwei kindertaugliche Notsitze im Kofferraum werden Anfang 2011 nachgereicht.

Der Importeur: Denzel AG

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