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Der beste Lamborghini, den wir je fahren durften

Testbericht Lamborghini Aventador SV oder: warum wir im ersten Gang durch die Dörfer zuckeln.

20.08.2016 radical mag

Das Gelb steht ihm gut, dem Lamborghini Aventador SV. Gelb ist ja sonst mehr so eine Biene-Maja-Farbe, es gibt zwar ein paar alte Ferrari, die auch gut aussehen in Gelb, aber sonst sind das mehr so VW up oder Nissan Micra die Gelb gut vertragen. Und jetzt dieses Tier, dieser Stier, diese gröbste Variante des Aventador, die zu einem noch (sehr) verhältnismäßig vernünftigen Preis zu haben ist; der Centenario war ja auch nur ein Aventador, aber kostete 1,75 Milliönchen, beim SV begnügen sich die Italiener mit rund 400.000 Euro. Und geben ihn, so einigermaßen unlimitiert einher. Auch in Gelb.

Lamborghini Aventador SV, so muss es sein

Sache ist: 750 PS. Und das aus einem klassischen 6,5-Liter-V12-Sauger. Genauso, wie es sein muss. Und ja er macht den vielleicht wunderbarsten Lärm aller Serien-Fahrzeuge – ohne Hilfsmittel. Es ist aber noch schwierig zu beschreiben, denn es sind je nach Drehzahl ganz verschiedene Tonlagen, in denen er sein Konzert darbieten kann. Schön schon das tiefe Brummeln im Leerlauf, man hört, dass hier Volumen und folglich Macht dahinter ist. Bis etwa 3.000/min ist es einfach nett, dann beginnt der Aventador ziemlich heiser zu kreischen, ab 4.500/min wird es dann zu einem Crescendo, das gar nicht mehr zu enden scheint. Der rote Bereich beginnt bei 8.500/min, aber da ist es dann: laut. Und schön. Dass Mechanik zu solchen Geräuschentwicklungen fähig ist, erstaunt uns immer wieder.

Lamborghini-Aventador-SV (12)
© Bild: Peter Ruch

Das Problem ist ein bisschen: man wird süchtig

Man schiebt den Aventador im ersten Gang durch den Kreisel – und auf der darauf folgenden Geraden knallt man ihn voll durch, erst am Begrenzer dann in den zweiten Gang, gleiches Spiel für den dritten Gang. Ein wenig unangenehm ist dabei, dass man dann für öffentliche Straßen längst jenseits des gesetzlichen Limits ist. Man wird es aber wieder tun. Und wieder. Und noch einmal. Und die Bewohner noch manch eines italienischen Dorfes in der Umgebung von Sant’Agata wunderten sich sicher, weshalb da einer im ersten Gang durchs Dorf schleicht. Und warum er dann am Dorfausgang so komisch mit dem Kopf nickt. Sie können ja nicht wissen, dass dies am automatisierten Getriebe liegt, dessen Schaltvorgänge halt weiterhin nicht dort sind, wie es sie ein DKG liefern kann. Ok, Race-Feeling, aber das braucht man ja auch nicht den ganzen Tag. Und wenn man einer Kolonne nachfahren muss, dann ruckelt das Ding schon ziemlich heftig; das können andere Supersportwagen deutlich souveräner. Wir wollen aber auch schreiben: man gewöhnt sich recht schnell daran.

Messerscharfe Reaktionen auf die Gas-Befehle

Eigentlich müssten sie in Sant’Agata das Fahrpedal aus Platin schmieden. Damit es auch materiell den Wert erhält, den es an Fahrdynamik bewirken kann. Es ist nicht ein Orkan, den das Teil hinter den Ohren des Piloten entfacht, mehr so: ein Erdbeben. Man kann es nämlich tatsächlich spüren, wie sich der SV in den Asphalt eingräbt (maximales Drehmoment 696 Nm bei 5.500/min), wenn man ihm den Pinsel gibt. Verzögerungsfrei, weil ja zum Glück nicht zwangsbeatmet, haut der V12 den Vortrieb auf die Straße – und in den Rücken der Passagiere. 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h sollen es sein, über 350 km/h bei der Höchstgeschwindigkeit; wir kamen beiden Werten nicht in die Nähe, denn wir bewegten den Lambo nur auf öffentlichen Straßen. Aber diese messerscharfe Reaktion auf die Gas-Befehle macht dann halt die großzügig bemessenen italienischen Kreisel zu Spielwiesen, etwas Einlenken, einen Schub Kraft, er kommt trotz Allradantrieb hinten – und lässt sich schön quer halten mit Wimpernschlägen. Die Reifen finden es nicht besonders lustig, aber sie werden ja eh dauernd gequält von dieser absurden Kraft. 21 Zöller hinten, 20er vorne.

Lamborghini-Aventador-SV (11)
© Bild: Peter Ruch

2,03 Kilogramm pro Pferdestärke

Sie haben beim SV, was für Superveloce steht, 50 Kilo einsparen können gegenüber dem normalen und 50 PS schwächeren Basis-Aventador. 1.525 Kilo sind es (ok, trocken…), was ein Leistungsgewicht von 2,03 kg/PS ergibt; warum sie die 0,03 nicht auch gleich noch weggespart haben, ist ein Rätsel. Gewicht gespart wurde hauptsächlich durch leichteres Material bei den Türpaneelen und Seitenschwellern aus SMC sowie Lufteinlässen, Schalensitzen und Türverkleidungen aus Kohlefaser; der zusätzliche Heckflügel, ebenfalls aus Kohlefaser, fällt nicht besonders ins Gewicht. Dass ein Teil der Lärmdämmung sowie das Infotainment-System wegfallen, spart noch ein paar Kilo, aber wer so ein Auto fährt und noch Verdi hören will, der hat mindestens ein Rad ab.

Anfangs steht er sich schon selbst im Weg

Der Aventador SV gehört optisch sicher zu den gröbsten Geräten auf unseren Straßen. Als SV ist er noch mehr zugespitzt, brutaler, in unserem Fall: gelber, aber das tut ihm vor allem hinten ziemlich gut, er liegt satter, tiefer, ruht in sich. Die Außenabmessungen, 4,84 Meter lang und 2,03 Meter breit, stehen ihm aber auch ein bisschen im Weg in der Bewegung. Übersichtlich ist anders, und man muss schon ein paar Kilometer intus haben, bis man ihn ganz nah am Pistenrand bewegen will. Anfangs fährt man die Kurven, trotz für Allradantrieb herrlich präziser Lenkung (ist übrigens neu, Übersetzung wird variabel der Fahrgeschwindigkeit angepasst), in viel zu großen Bögen – und auch beim Überholen hat man so seine Hemmungen.

Lamborghini-Aventador-SV (10)
© Bild: Peter Ruch

„Komm schon, trau Dich“

Hat man sich dann allerdings daran gewöhnt, hat man auch die aggressive Kraftentwicklung so einigermaßen im Griff – wir empfehlen den Fahrmodus Sport, Strada ist öd, Corsa zu wild -, dann werden Wagen und Pilot gemeinsam zu Tieren. Der Lambo kann sicher immer noch ein bisschen mehr, es ist fast so, als ob er sagen würde: komm schon, trau Dich. Die Grenzen des SV konnten wir auf den öffentlichen Straßen nicht erfahren; unsere eigenen schon. Und die Mischung zwischen Längs- und Querdynamik, nicht immer die Sonnenseite der Lambos, beherrscht er grandios. Es heißt, der Abtrieb habe um 170 Prozent verbessert werden können, außerdem verfügt der SV über eine magnetorheologische Dämpfung; wir wollen nicht behaupten, dass wir in den Kurven wirklich einen Unterschied verspürt hätten zum Basis-Aventador, aber wir verspürten: viel Freud‘. Die Bremsen sind, bei Bedarf, wie eine Wand – und ansonsten schön fein dosierbar.

Tolle Verarbeitung

Innen haben die Designer dem SV das Cockpit aus dem Veneno spendiert. Sieht gut aus, wirklich. Die Sitze sind großartig, auch für Großgewachsene; die Ergonomie etwas weniger. Uns gefällt die Verarbeitung der Lamborghini seit längerem bestens, das ist wirklich feinstes Handwerk. Haben wir etwas zum Blinker geschrieben? Nein, haben wir nicht. Unser Testwagen hatte dann leider trotzdem das ohne Aufpreis erhältliche Infotainmentsystem; wir haben es ausgeschaltet. Über Dinge wie Alltagstauglichkeit wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter auslassen, das hat so ein SV nicht verdient.

Lamborghini-Aventador-SV (15)
© Bild: Peter Ruch

Der beste Lamborghini, den wir je fahren durften

Wir wissen jetzt allerdings auch nicht so recht, wem wir den Lamborghini Aventador SV empfehlen möchten. Gut, den üblichen Verdächtigen, solche Supersportwagen sind ja heute fast ausschließlich Investitionsobjekte. Mit hohem Potential; jenen, die schon haben, wird auch noch gegeben. Wenn jemand diesen Wagen aber tatsächlich bewegen will, dann sei ihm auch der Kauf einer Rennstrecke empfohlen, ansonsten lassen sich die Möglichkeiten des SV kaum je ausloten. Zum reinen posieren taugt er eigentlich nicht, dafür ist er zu gut, dafür macht er zu viel Freude. Wir versteifen uns gar zur Behauptung, dass dies trotz seines nicht wirklich begeisternden Getriebes der beste Lamborghini ist, den wir je fahren durften. Oder ist es doch der Huracan LP580-2?

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

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