Essay Stimmen Navigationsgeräte
Mittlerweile kann man sich die Routen sogar in unterschiedlichen Dialekten ansagen lassen.
 

Stimmen aus dem Jenseits

Navigationsgeräte werden immer schlauer. Hier ein paar Impulse für eine Revolution in der Routenführung.

17.12.2010 Autorevue Magazin

Navigationsmodus Politiker

„Danke, dass Sie mir die Chance geben, konkret auf den vor Ihnen liegenden Kreisverkehr einzugehen. Natürlich gibt es vier Möglichkeiten, aus diesem Kreisverkehr auszufahren. Aber lassen Sie mich an dieser Stelle erwähnen, dass am Ende des Tages jede Ausfahrt irgendwann zum Ziel führen wird. Ich möchte darüber hinaus die Gelegenheit nutzen, kurz auf die Skulptur, die in der Mitte des Kreisverkehrs steht, einzugehen. Bürgermeister Joschi Plemplinger brachte bereits 1997 im Gemeinderat den Antrag ein, an dieser Stelle eine zehn mal zehn Meter große Weinpresse aufzustellen. Ein Projekt, das die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde nachhaltig unterstreicht. Und das unter Erhaltung aller vier, ich betone: vier Ausfahrtsmöglichkeiten. Da ist also alles super­sauber, in diesem Kreisverkehr. Aber lassen Sie mich noch einmal zu Ihrem Zielwunsch kommen: Natürlich wäre es auf den ersten Blick logisch, die dritte Ausfahrt zu nehmen. Aber auch die erste als auch die zweite Ausfahrt sind prinzipiell nicht denkunmöglich. Also sage ich Ihnen an dieser Stelle in aller Deutlichkeit – und damit möchte ich alle diesbezüglichen Spekulationen beenden –, dass ich für größtmögliche Transparenz bin. Alles andere wäre unseriös gegenüber Ihnen und den anderen Verkehrsteilnehmern. Ich danke Ihnen an dieser Stelle nochmals, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, hier endlich Klarheit geschaffen zu haben.“

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Navigationsmodus Katholik

„Lieber Bruder im Glauben: Versündige dich nicht. Dein Weg führt in die falsche Richtung. Kehr um, bevor es zu spät ist. Denn nur in der Umkehr findest du Seelenheil. Vielen Gläubigen erscheinen die Wege des Herrn unergründlich. Doch mir scheint vor allem dein Weg unergründlich. Nur ein fester Glaube an meine Frohbotschaft wird dich wieder auf den rechten Pfad zurückführen. Versage der Verlockung, gleich hier, mitten auf der Autobahn umzudrehen. Übe dich in Geduld und bete, dass schon bald eine Ausfahrt kommen möge. Auch dir ist Erlösung gewiss! Beten wir bis dahin ­gemeinsam einen Rosenkranz und bitten wir um Vergebung deiner Sünden, die du heute bereits begangen hast: 52 km/h im Ortsgebiet. Das Mitnehmen einer wollüstigen Anhalterin. Zwei Mal zu spät in den dritten Gang geschaltet. Und den Feinstaub-Hunderter ignoriert. Satan ruht nie! rufe ich dir zu. Vor allem aber rufe ich dir zu, dass sich vor dir die Erde auftut. Aber mit Gottes Hilfe werden wir diese Baustelle meistern. Ein Psalm möge dich für diese Mission stärken: ,Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der ­Frevler aber führt in den Abgrund.‘ Und nun fahr hin in Frieden. In Ewigkeit. Amen.“

Navigationsmodus Lehrerin

„So. Jetzt bist du bitte ruhig und konzentrierst dich auf deine Aufgabe. Und nein, da tun wir jetzt sicher nicht links abbiegen. Und da vorne auch nicht. Aufpassen, hab ich dir gesagt. Für dich gibt’s da sicher keine Extrawurst. Sodala. Und schon stehen wir an der Kreuzung. Das war doch nicht so schwer, hm? Na, und was tun wir jetzt da? Genau. Brav nach rechts und links schauen und ganz langsam drüberfahren. Lang-sam! Nicht schwätzen! Wie soll ich dich da jemals ans Ziel bringen? Schau nach vorn, wenn ich mit dir rede! Du kostest mich manchmal den letzten Nerv, sag ich dir. So. Und da fahren wir jetzt sicher nicht schneller als 70 km/h. Sehr brav. Du kannst es ja, wenn du willst. Bis wir ankommen, machen wir eine kleine Stillarbeit. Also: Hansi fährt mit seinem Auto zur Greti-Oma. Für die Strecke von 52 Kilometern Länge benötigt er 43 Minuten. Wie hoch ist der Benzinverbrauch? Na? Hör ich jetzt bald eine Antwort? Nicht? Na, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als dich nächstes Mal am Billa-Parkplatz wieder in die Ecke zu stellen. In die aller­äußerste. Und da tun wir jetzt sicher nicht jammern.“

Navigationsmodus Prolo

„Heast, Oida. Wüst mi häkln? Einfach einifoan in die Einbohn und donn nimma wissn wohin. Und i konn wieder hirnschwitzen, du Nudlaug. I druck jo kane Wuchtln, wenn i sog: Hau di rechts ummi um die ­Schreamsn. Und wos mocht da werte Graf Gschasti? Links foada, der Blunzenstricker. Na sehr supa. Oiso: Merk er auf. Nochdem’s scho a bissl pressiert, ­zwiefeln ma jetzt durch die Fuzo. Aber raschest. Sunst betoniert uns a Kapplständer. Na geht jo wunderbarst, Herr ­Kollege, hod des Aufchippn von der Kraxn doch wos brocht. Do reiß i an Servus. Und jetzt volle Press ­grodaus. Gemma, ned so dahinbrunzeln, sonst is die Ankunftszeit wieder im Oasch. Jetzt die Rechtskurvn no schön ausschmiern, Vorrang is wuascht, und scho samma do, Maestro. Danke für die Mitarbeit!“

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Navigationsmodus Esoterik

„Deine rechte Hand wird schwerer. Und schwerer. Und schwerer. Wie von selbst fällt sie auf den Gangknüppel. Langsam, ganz langsam legst du den Leerlauf ein. Zart berührt dein rechter Fuß das Bremspedal. Alles ist ruhig. Alles ist still. Du stehst in einem Stau. Schade. Du atmest tief ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Gib deinem Atem einen Namen. Du atmest einen Günther. Du machst das sehr, sehr gut. Erinnere dich an die schönen Momente während deines letzten Wochenend­seminars. Deine Laubsägearbeit. Das Globuli-Vorteils­angebot um 499 Euro. Und die Sivananda-Yoga-Lehrerin, der in der Schildkröten-Position immer das Oberteil verrutscht ist. Da hat es schön geschaut, dein drittes Auge. Und was erkennt dein drittes Auge jetzt gerade? Einen Verkehrsstau? Das muss nicht sein. Du kannst ihm entfliehen. Nur ein kleines Update deines Navigationsgeräts führt dich in eine andere, wunder­bare Welt. Vertrau mir. In dir steigt der sehnliche Wunsch auf, dieses Update um nur 999 Euro zu bestellen. Lass es einfach passieren. Genau so. Du machst das sehr, sehr gut.“

Navigationsmodus Sadomaso

„Na du bist aber ein ganz ein böser Bengel. Einfach losfahren. Ohne meine Erlaubnis. Ohne ordentlich ein Ziel einzugeben? Mach es. Sofort. Gib! es! ein! Dir werd ich eine Route vorschlagen, die du nie in deinem Leben vergessen wirst. Und setz dich ordentlich hin! Rücken gerade! Das Lenkrad festhalten! Fester, hab ich gesagt! Genau so. Braver Junge. Ich kenne deine schmutzigen Phantasien. Ich weiß genau, was du willst. Du willst nach Hadersdorf, du Dreckstück. Und halt! Was muss ich da erkennen? Du willst über mautfreie Straßen ans Ziel kommen? Die Asfinag um ihr Geld bringen? Das muss bestraft werden. Gurt stramm ziehen! Und jetzt auf die Autobahn auffahren! Ohne Vignette! Spürst du die Angst? Dieses Gefühl, jeden Moment erwischt zu werden? Wie damals, als du heimlich unter der Bett­decke mit deinem Matchbox-Auto gespielt hast. Schweig! Wenn du wie eine Memme herumjammerst, wirst du dein Ziel nie erreichen. Zur Strafe biegst du jetzt rechts ab, du Nichtsnutz! Und jetzt links! Härter einschlagen. Noch härter! Härter, hab ich gesagt! Braver Junge.“

Navigationsmodus Ehekrise

„Hörst du mir eigentlich zu, wenn ich mit dir rede? Was ist an ,zweiter Ausfahrt‘ so schwer zu verstehen, frag ich mich. Ha-llo? Das macht mich wahnsinnig. Aber du immer mit deinem Sturschädel. Furchtbar! Gestern, als wir zur Mami gefahren sind, hast du einfach eine Abkürzung genommen. Dabei weißt du ganz genau, dass die Route auf meiner Karte nicht eingetragen ist. Aber der feine Herr ist ja zu geizig für Updates. Und ich steh dann da, im unbekannten Gebiet. Wie oft hab ich dir gesagt: Bitte umdrehen. Zehn Mal? Zwanzig Mal? Das macht dir offenbar auch noch Spaß, du Sadist. Und dann hast du mich einfach abgewürgt. Mitten im Satz. Nur weil dein Kumpel anruft. Ich mein, wie geht’s dir? Wenn so was noch einmal vorkommt, kannst du dir meine Routenplanung an den Hut stecken. Und übrigens: Wenn ich sage ,rechts einordnen‘, dann mein ich rechts einordnen. Nicht halbrechts, nicht mittelrechts, nicht ein bisserl rechts. Sondern einfach nur rechts. Was ist daran so schwer zu verstehen? Und glaubst du, ich merk nicht, dass du mich betrügst? Mit dieser Schlampe von Handy-Navigation. Diesem billigen Flittchen. Jahrelang hab ich mich für dich abgerackert, und jetzt das. Wohin soll das bloß führen?“

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