Steyr 55 Baby Oldtimer Test Heck Seiteansicht
Die Stromlinienform versteckt sich hinter der Knubbeligkeit des Steyr.
 

Steyr 55 Baby: Stromlinie jun.

Wenn die längst vergangene Zukunft volksnah ­auftreten wollte, kam sie am liebevoll gewählten Spitznamen nicht vorbei.

30.05.2014 Autorevue Magazin

Freilich hätte man ihn auch gegen die neue Großglockner Hochalpenstraße antreten lassen können, aber die war nicht die Turrach. Den Großglockner rauf gab’s lediglich zwölf Prozent Steigung niederzuringen, während die Straße auf die Turracher Höhe einst 32 % Steigung aufbaute, Autos mit langer Nase standen da einfach an. Automobile, die die heimische Topografie nicht biegen konnten, waren aber irgendwie schlecht dran am österreichischen Markt, der genauso viele Berge kannte wie heute, aber keine Autobahn – die Höchstgeschwindigkeit, später die Währung unter Stammtisch­belegschaften und Quartettspielern, war also gewisser­maßen wurscht, während die Steigfähigkeit alles war. Denn wer ein Auto hatte, wollte damit erstens einen Berg rauf­fahren, zweitens ohne Überhitzung des Motors, und drittens sollten die Bremsen ausreichen, um drüben schmerzfrei wieder runterzufahren. Der Steyr 55 hatte VIER Bremsen, durchaus zeitgemäß per Seilzug betätigt.

Österreichs Autos bewiesen einst also höchste Kompetenz im Senkrechtfahren, ein Umstand, auf den auch der Steyr-55-Prospekt gebührend hinwies: Die Steigfähigkeit war für jeden Gang im Diagramm dargestellt, im ersten Gang waren 35% mit 10 km/h drin, Turrach abgehakt. In der Ebene konnte man den ersten Gang dafür vergessen und zum ­Losfahren gleich den zweiten einspannen, und 95 km/h Höchstgeschwindigkeit lagen in der weitgehend unmotorisierten Vorstellungswelt ohnedies ungefähr dort, wo die 5000 Schilling Kaufpreis lagen. (Man rechnet sie heute besser nicht in Euro um, vor allem dann nicht, wenn man ein Steyr Baby kaufen mag.)

Steyr 55 Baby Oldtimer Test Front Seitenansicht

Dabei galt der Steyr 55 einst als Kleinwagen, sozusagen die österreichische Ambition eines Volkswagens, wie er in Deutschland gerade serienreif wurde (na ja, noch nicht wirklich, aber das ist wieder eine andere Geschichte), als Alternative zu zwei Motorrädern, denn er hatte ja vier Sitze und dahinter einen Gepäckraum, aber keinen Kofferraumdeckel. Diese Aufgabe wurde von der Rücksitzlehne miterledigt, die sich vorklappen ließ, sofern man die Sitzfläche leicht anhob, die Lehne damit über ihre Verriegelung hebelte und dann nach vorne stubste – ein Akt von fachmännischer Zärtlichkeit, längst ausgestorben im Zeitalter dämpfergestützter Heckklappen. Dafür wird man heute auch nicht mehr mit dem Anblick eines holz­beschlagenen Laderaumes ­belohnt, schade.

Der Steyr 55 war der überarbeitete Nachfolger des Steyr 50, der 1936 erschienen war und ob seines knubbeligen ­Äußeren den Spitznamen Steyr Baby abhaselte. Der Name musste für den Steyr 55 nicht überarbeitet werden, weil die beiden sowieso gleich aussahen. Dass der Steyr 55 länger war, kam von den Stoßstangen, die jetzt serienmäßig vorhanden waren (lackiert oder verchromt, je nach Ausführung). Obendrein verfügte der Motor jetzt über zehn Prozent mehr Leistung: 25,5 PS statt 22, dafür war der wassergekühlte Vierzylinder-Boxer auf 1158 ccm aufgebohrt worden. Verfeinert waren außerdem die Geräuschdämmung, ein dicker Kritikpunkt am Steyr 50, während die Straßenlage immer schon als vorbildlich galt.

Steyr 55 Baby Oldtimer Test Motor

Heute will man derlei ohnedies nicht mehr ausloten, man pflegt den bühnenhaften Abgang hinter der langen, hinten angeschlagenen Tür, bedient den Starter per Fußschalter, führt den langen Mittelschalthebel mit zartem Nachdruck durch seine langen Gassen, ­badet in mechanischen Geräuschen, die heute flugs in die Werkstatt gebracht würden, einst aber zur normalen Befindlichkeit eines Autos gehörten, attestiert den kunstlederbespannten Sitzen und den Querblattfedern (zwei vorne, eine hinten) erstaunlichen Langstreckenkomfort, lässt das Holzlenkrad durch die Finger gleiten, schaut gerührt auf die knappen Instrumente und erkennt spätestens jetzt, dass 1938 in einer Art automobiler Steinzeit lag.

Der Prospekttext bestätigt: elektrischer Doppelscheibenwischer (zwei Scheibenwischer, jeder mit eigenem Motor und separat einzuschalten, was allerlei Möglichkeiten hübscher Choreografie auf der Frontscheibe abgibt); Instrumente mit Flutlichtbeleuchtung (also zarten Glühbirnen innen); zwei Gänge geräuscharm (3. und 4. Gang sind synchronisiert, was aus ungestümem Krachen weichgespültes Grammeln macht, wenn jemand beim Steppen auf den Pedalen unsauber Zwischengas nachschenkte oder zu flink den nächsten Gang gewinnen wollte); besondere Rücksicht ist auf den Selbstfahrer genommen, es war ja noch die Zeit der Chauffeure. Dass es wenige davon gab, lag an den wenigen Autos. Außerdem dabei: Steckdose, Luft-, Benzin- und Ölreiniger, Requisitenkasten, Hochleistungsverbrennungsräume, Steyr-­Vigot-Wagenheber, und das alles in einer Stahlblech­karosserie in vollendeter Strom­linie, also mitten im Fortschritt der 30er Jahre.

Der Besitzer Volker Bernges’ erstes Restaurierungsprojekt war tief in den 70ern ein Steyr 100, seit damals sind Autos aus Österreich im Fokus seines Interesses. Wie bei eifrigen Sammlern üblich, „wurden die Autos immer mehr“, die Anschaffung des Steyr 55 vor rund sieben Jahren war also un­umgänglich. Als pensionierter Konditor gestaltet Volker Bernges heute nur mehr selten Torten, dafür umso liebevoller sein ­Privatmuseum, ein wundervolles Refugium vergangener Zeiten.

Steyr 55 Baby Oldtimer Test Besitzer

Dass diese Stromlinie auf knubbelige Comic-Haftigkeit verdichtet werden konnte, ­liegt am kurzen Motor, den Konstrukteur Karl Jenschke für das Steyr Baby entworfen hatte: Der Grauguss-Vierzylinder-Boxer trägt den Kühler obenauf, damit passt die Antriebseinheit vor die Vorderachse, der Platz dahinter gehört den Passagieren. Man sitzt hinten wunderbar, sieht aber wenig raus, sofern der Erstbesitzer die kleinen Seitenfenster hinter der Tür nicht mitbestellt hat.

Es gab vom Steyr Baby ­übrigens auch Lieferwägen, mit Pritsche oder Kofferaufbau dem Werktag verpflichtet und heute noch ausgestorbener als der Personenkraftwagen. 13.000 Babys wurden bis 1940 verkauft, dann kam der Krieg dazwischen. So ist der Steyr 55 der letzte völlig österreichische Großserien-Pkw (Steyr 2000 und Puch 500 waren verfeinerte Fiats), was wir hier ohne Chauvinismus deponieren wollen. Und die Turrach ist ohnedies schon lange auf 23 Prozent Steigung entschärft.

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  • Herrler

    Hallo Leute,

    ja ich habe solche PKW Steyr 50 Baby als Modelle gebaut mit der Farbzusammenstellung : rot & schwarz.

    Es ist ein sehr schönes Modell geworden und ist auch käuflich zu erwerben.

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