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Wenn ein Auto innen groß sein will, dann muss die Technik klein bleiben.
 

1938 – Das Jahr: Anfang vom Ende

Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby

21.04.2012 Autorevue Magazin

Die Welt steuert unübersehbar der Katastrophe entgegen, die gar nicht so winzigen Mosaiksteinchen sind unübersehbar: Schon am 1. Jänner setzt Deutschland einen weiteren Schritt zur ­Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Die Dienste jüdischer Ärzte werden nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt, praktisch ein Entzug der Geschäftsgrundlage. Gleiches passiert quasi allen Juden, sie dürfen fortan ebenfalls keine Geschäfte ­betreiben, keine Waren und Dienstleistungen mehr anbieten.

Ab 5. Jänner müssen Juden im Deutschen Reich außerdem Vor- oder Nachnamen aus einem Katalog typisch jüdischer Namen wählen, perfide Vorbereitung der Auslöschung von Individualität. Die Diskriminierungen gipfeln (vorerst) am 9. November in den Ereignissen der Reichskristallnacht: Jüdische Einrichtungen werden reihenweise zerstört, Synagogen brennen, rund 400 Menschen werden ermordet, die Ereignisse unter dem Deck­begriff des Volkszorns anonymisiert und legitimiert.

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Da ist Österreich bereits Teil des Deutschen Reiches: Am 12. März marschieren Deutsche Truppen ein, um der geplanten Volksabstimmung zum Anschluss zuvorzukommen. Schon am Vortag weicht der Bundeskanzler des austrofaschistischen Ständestaates, Kurt Schuschnigg, Adolf Hitlers Druck und ernennt den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart zum Nachfolger. In den ersten Tagen danach werden im ehemaligen Österreich 72.000 Andersdenkende verhaftet.

Die Volksabstimmung wird als Propagandashow am 10. April nachgeholt, davor sind alleine in Wien 200.000 Hitler-Portraits angebracht, die Stadt ist quasi flächendeckend unter Hakenkreuz-Fahnen begraben. Das Ergebnis (99,73 % Zustimmung) lässt erstens Wahlmanipulation vermuten, aber auch, dass der Zustimmungsgrad weitaus höher war, als das Land nach dem Krieg glauben wollte.

Die internationalen Rüffel sind spärlich, Mexiko protestiert sehr alleine gegen den Anschluss. (Zu Mexikos Ehren wird 1956 der Erzherzog Karl Platz zu Wien in Mexikoplatz umbenannt.) Hitler vollzieht mit dem Anschluss, was er schon 1924/25 auf der ersten Textseite seines Buches „Mein Kampf“ formuliert hat, auch die anderen dort in den ­ersten Zeilen formulierten Absichten (Krieg, Eroberungen im Osten, Elend) wird er in den folgenden Jahren verwirklichen.

Drollig harmlos wirkt dagegen das Bestreben Deutschlands, die Verkehrssicherheit zu heben. So treten am 1. Jänner neue Verkehrsregeln in Kraft, darunter auch das Rechtsfahrgebot auf mehrspurigen Fahrbahnen. (Es gilt de jure noch immer, auch wenn man bisweilen besonders in Österreich nix davon merkt.)

Bei der Tour de France kommen 55 von 96 Fahrern ins Pariser Prinzenparkstadion, Gino Bartali gewinnt mit einem Schnitt von 31,565 km/h. Der Zweitplatzierte Felicien Vervaecke bringt immerhin 18,27 Minuten Rückstand ins Ziel, damals wurde der Toursieg noch nicht in Sekundenbruchteilen ausgezählt.

Steyr 55 Baby Oldtimer 1938 Fifa Fußballweltmeisterschaft

In Frankreich findet im Juni die Fußball-WM statt. Deutschland und Österreich, bei der WM 1934 auf den Rängen 3 und 4, bilden eine gemeinsame Mannschaft, gelten als Favoriten und scheitern schon im ersten Spiel an der Schweiz.

DuPont fertigt die erste Zahnbürste mit Nylonborsten, in der Schweiz gelingt die Herstellung des ersten Instant-Kaffees: Nes­café wird allerdings erst in den Nachkriegsjahren berühmt, weil erst dann flächendeckend verkauft. Otto Hahn entdeckt mit Fritz Straßmann die Kernspaltung, ist dann aber entsetzt über den Missbrauch seiner Entdeckung, sodass er sich bis zu seinem Tod gegen Kernwaffen einsetzen wird. Der einzige deutsche Flugzeugträger „Graf Zeppelin“ läuft in Kiel vom Stapel, wird aber nie fertiggestellt, 1945 von den Deutschen versenkt, von den Russen gehoben und 1947 abermals versenkt. Länger fährt die 1938 fertiggestellte RMS Queen Elizabeth. Sie wird zwar schon 1970 verschrottet, bleibt aber posthum bis 1996 das größte Passagierschiff der Welt.

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