Ein Supertest der anderen Art. Super ist, was wir dafür halten.
 

Spaß mit Sauce

David Staretz über den Erlebniswert von Freude an Dingen (wie Autofahren) abseits ausgetrampelter Erlebnispfade.

25.07.2011 Autorevue Magazin

„Der Begriff Spaß war mir immer suspekt“, sagt der Musiker Rick Okasek in seinem Comeback-Interview. „Und wenn jemand befiehlt ,enjoy‘, damit kann ich absolut nichts anfangen.“

Unsere Event- und Erlebnisbäckerei-Gesellschaft hält den Ball wirklich flach, könnte man meinen. Der amerikanische Verfassungs-Imperativ des „pursuit of happiness“, dem wir mit der Begeisterung hinkender Provinzler hinterdreinstolpern, trägt den gelben Smiley im Wappen; die industrialisierte Spaßbeglückung ist eine Erfindung der Geschäftsleute und der Politik, um den Blöden das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie bei der Leine zu haben. Have fun! Und halt die Klappe.

Dabei hat das Leben reichen Wert und selbsterkannte Freude zu bieten, nicht das vorgekostete Zeug der Krakeeler. Näher steht uns doch die rebellische Erkenntnis der deutschen Romantiker, 18. Jhdt.: Sich von der Welt in leidenschaftlicher Zuwendung ergreifen lassen. Dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen verleihen, wie dies der Dichter Novalis propagierte. Nicht umgekehrt. Unser Postu­lat demnach: Feiere den Augenblick, lebe der Erbauung, ent­decke den Reichtum der Melancholie, empfiehl dich guten Freunden wie auch der gepflegten Einsamkeit, meditiere über den Taudiademen am frühen Morgen und lass dich vom Fahrtwind eines Early Morning Drive frisieren. Pflege Eigenheiten, mach dich rar, schärfe dein Ohr mit Neuer Musik, lies endlich Eichendorffs „Taugenichts“ und alles, was du von Alexander Lernet-Holenia kriegen kannst.

Spaß – Spaß muss nur die Arbeit machen, dies ist freilich eine Grundvoraussetzung für gehobene Lebenskunst.
In diesem Kontext wollen wir das Thema Spaß an der Freude angehen – die Autorevue, nach wie vor das wichtigste Autopapier nach dem Führerschein, schaltet einen Gang zurück in die ­hohen Touren, um mit den Worten des Regisseurs Fritz Kortner dem Allerweltsdiskont der Gratiszeitungen, Kommerzsender und Handytarifschwätzer in die Parade zu fahren: „Auch das Gute hat eine Chance.“

Das kann man unter anderem reiten, golfspielen, couponschneiden oder klavierspielen. Wir bevorzugen Auto fahren, denn da kennen wir uns aus und hier bringen wir auch genügend sittliche Reife auf den ­Asphalt, um tatsächlich Spaß zu haben auf eine gepflegte, kontrollierte, fast könnte man sagen: erwachsene Art; anstrengungslos im Einsatz der Kräfte, spielerisch, mit einer gewissen Eleganz, konzentriert, aber gelöst, sparsam in der Bewegung, immer auf Zug, selten auf Druck, vorausschauend, ahnend, immer mit zwanzig Prozent Reserve, denn jedes Rebhuhn von links hat den Vorrang ­garantiert.

Ich weiß nicht, ob sich die Autoindustrie glaubwürdig verkauft mit dem beschränkten Marketing-Vokabular von Werbefritzen, die um ihre Karriere bangen. Tatsache ist: Sie stellen uns manchmal erfreuliches Spielgerät vor die Tür, und das Besondere an Granaten wie dem 1er Coupé, um das sich hier alles dreht, ist ja, dass es sich vielleicht doch fast ausgeht. „Oma, nur ein Klein­wagen. Die Zweitürerversion vom kleinen BMW. Aber genug Platz für Kindersitze hinten. Qualität, jaja, die kostet heutzutage.“

Freude am Fahren, Freude am Schönen – sie ist uns in die Kinderwägen gelegt. Immer wieder verblüffend, wie Säuglinge erstmals die Bordwand ihrer Babyjogger erklimmen und ihre fetten Hälschen zu bisher unerreichten Windungen verdrehen, wenn sie einen Sportwagen sehen, etwas, was ihnen niemand erklärt hat, von dem sie eigentlich keinerlei Ahnung haben können. Gespreizte Fingerchen, gutturales Gegurgel.

Ein Freund hat mir unlängst von einem Experiment mit ­Affenkindern erzählt. Es wurden Spielzeugautos und Puppen in gleicher Zahl ausgegeben. „Das Ergebnis“, sagte er, „ist niederschmetternd für alle Feministinnen. Die Affenbuben griffen sich sofort die Autos und radierten damit den Boden. Den Mädchen blieben die Puppen. Aber vielleicht“, so versuchte er die anwesenden Damen zu trösten, „war die Zahl nicht wissenschaftlich relevant. Es waren nur fünfzig Affen im Versuch.“

Wer weiß schöne Geschichten vom ersten Auto? Jeder doch. Ich hatte mich in ein massives Tretauto verliebt, Sperrholz­karosserie und jede Menge Schalter, Knöpfe und sogar eine verglaste Anzeige im Armaturenbrett, geparkt vor einem Gartenzaun. Und als meine Mutter sich interessiert über einen Kleinwagen beugte, es möge ein Goggomobil oder ein Puch 500 gewesen sein, fragte ich sie mit freudiger Hoffnung: „Schaust du nach einem Auto für mich?“ Nächste Erinnerung: Immer ­speiübel in tiefen Fondsitzen der Mercedes-, Chevrolet- oder Peugeot-404-Onkel. Doch das tat der Begeisterung keinerlei Abbruch. Die Tatsache, dass wir selber kein Auto hatten, machte mich nur empfänglicher für das Thema.

Dafür bekam ich meinen gut erhaltenen Renault 4CV schon mit 16, und mein Vater, tapfer verspreizt im Beifahrersitz, ermunterte mich zu Dingen wie Handbremse ziehen während der Fahrt, was tatsächlich überraschende Ergebnisse zeitigte. Das Hoch­gefühl, als er erstmals ausstieg und ich allein die Feldwege abgrasen durfte, ist unvergesslich. Ich öffnete die hinten angeschlagene Fahrertür, ließ den Fahrtwind herein und betrachtete den unter mir vorbeiziehenden Asphalt. Unterwegs sein! Immer mit Bedacht vollzog ich den magischen Moment des Anfahrens, die Transformierung eines bislang toten Gegenstandes zur ­Dynamik der Bewegung. Ich konnte (musste) mein Auto sogar ankurbeln, eine geradezu archaische Handlung von belohnter Güte. Nicht, dass man das propagieren möchte, aber manchmal wünscht man sich schon eine Kurbel herbei, dem Wohlmeinenden ausgeliefert, wie wir den alltäglichen Assistenz­elektroniken ausgeliefert sind.

Dieser Blog erschien im Heft 6/2011. Wir gingen das Thema „Spaßauto“ aus verschiedenen Blickwinkeln an. Hier die Teilnehmer in alphabetischer Reihenfolge:

Abarth 500C Competizione
BMW 1er M Coupé
Caterham RS 175 SV
KTM X-Bow Street
Land Rover Defender Rough
Mazda MX-5 1,8i mirai
Mitsubishi Lancer Evolution MR SST
Morgan 4/4 Sport
Renault Clio Gordini
Smart fortwo electric drive

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