Toyota: Schweinegrippe auf Rädern

Toyota zwischen Medienhysterie und einer ebenso komplizierten wie unangenehmen Wahrheit.

24.02.2010 Autorevue Magazin

An dieser Stelle habe ich schon öfter darüber geschrieben, wie einseitig und tendenziös Auto-Themen im ORF und in Tageszeitungen abgehandelt werden. Im letzten ­Monat durfte ich die Bestätigung sozusagen aus der ersten Reihe erleben. Den Anlass bot natürlich die Toyota-Geschichte.
Tagelang gehörten Toyota die Aufmacherseiten der Wirtschaftsteile, schließlich sprang auch das Fernsehen auf, und die Welle erwischte unsere Redaktion: Ein Fernsehteam nachmittags im Büro, Abendtermin beim ORF in ZiB 24. Dort wurde ich dann einigermaßen überrascht: In dem immerhin fünfminütigen Interview ging es nämlich nie darum, einen Experten nach seiner Meinung zu befragen, man wollte sich eigentlich nur die eigene Meinung bestätigen lassen, also schwere Verfehlungen Toyotas in Kommunikation und Qualität.
Eine derart einseitige Ausrichtung einer Story hat nichts mit dem Journalismus zu tun, den ich gelernt habe. Und offenbar zeigte ich mich störrischer als erwartet, was dazu führte, dass ich drei Mal in etwa die gleiche Frage gestellt bekam: Muss Toyota die Qualität verbessern?
Die richtige Antwort lautet natürlich: Sicher, aber … Bloß die Grautöne der Angelegenheit waren leider nicht gefragt, die ­Medienwelt dreht sich heute offenbar so schnell, dass nach der Skandalisierung eines Themas keine Zeit mehr bleibt für Abwägungen und komplizierte Antworten, nicht einmal im öffentlich-rechtlichen Bereich.
So hat sich beispielsweise noch keines der Qualitätsmedien die Mühe gemacht zu klären, warum in Europa zwar fast genauso viele Autos zurückgerufen werden wie in den USA, hier aber bis Redaktionsschluss noch kein einziger tödlicher Unfall bekannt geworden ist. 34:0, da könnte man auch auf die Idee kommen, dass es sich um ein rein amerikanisches Phänomen handelt, aber das würde ja die hübsch-gruseligen Schlagzeilen verderben.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um das ­Phänomen zu erklären. Amerika war ja bekanntlich noch nie zimperlich, wenn es darum ging, die eigenen Interessen zu wahren. Fakten sind jedenfalls: Für die am Boden liegende US-Autoindustrie kommt die Affäre zum passenden Zeitpunkt, und die Transportbehörde NHTSA zeigte von Beginn an einen ­außerordentlich hohen Eifer in der Causa. Den Rest erledigten Medien, die jedes skandalträchtige Thema begierig aufgreifen.
Zudem gibt es in den USA eine florierende Schadenersatz-­Industrie mit einem Heer von Rechtsanwälten, die an den Interstates mit haushohen Reklametafeln jedem Unfallopfer sein Recht versprechen. Nur so ist der dramatische Anstieg der mutmaßlichen Todesfälle – von 19 auf 34 in nur einer Woche – zu erklären. Stand der Dinge ist übrigens, dass es natürlich keine 34 Schuldsprüche gegen Toyota gibt, sondern dass Untersuchungen eingeleitet wurden. Noch so ein kleiner, feiner Unterschied, der im Medien-Tsunami völlig untergeht.
34 ungeklärte Unfälle in zehn Jahren, wo es unter anderem auch um verrutschte Fußmatten ging. Persönlich mache ich mir da mehr Sorgen um den Käse in den Kühlregalen. Zeitgleich zum Toyota-Rückruf wurden sechs Tote durch Listerien in ­heimischem Käse gemeldet. Natürlich kann und darf man keine Toten gegen­einander aufrechnen, ein Vergleich der Medienwirkung muss aber schon erlaubt sein. Und interessanterweise löste der tödliche Käse bei weitem nicht so ein Dauerfeuer aus wie hängen gebliebene Gaspedale in Amerika. Was zum Teufel ist da ­eigentlich los?

Aber bleiben wir beim Auto, und hier lautet die unangenehme Wahrheit einfach: Es gibt keine letztgültige Sicherheit. Natürlich ist jeder Tote einer zu viel, aber Autos sind nun einmal äußerst komplexe und kompliziert zu bedienende technische Geräte, zusammengebaut von Menschen aus über 10.000 Einzelteilen. Multipliziert man das mit den Millionenstückzahlen, die jährlich vom Band laufen, entstehen horrende Fehlermöglichkeiten, die man mit keinem Qualitätssicherungsprogramm der Welt zu 100 Prozent in den Griff bekommt. Dementsprechend sind Rückrufaktionen oft nur ein Placebo zur rechtlichen Absicherung und Beruhigungsmittel für die verunsicherten Kunden.
Tatsache ist aber auch: Toyota ist offenbar zu schnell gewachsen, das Qualitätsniveau ist nicht mehr dort, wo es einmal war – aber sicher nicht schlechter als der Durchschnitt. Die Wahrscheinlichkeit eines individuellen Fahrzeug-Defekts oder gar persönlichen Versagens ist bei Toyota wie bei jedem anderen Hersteller zigmillionenfach höher als ein systembedingter Schaden.
Der Rest entstammt schlicht einer völlig überhitzten Medienlandschaft. Der Fall Toyota ist nichts anderes als eine Art Schweinegrippe auf Rädern. Oder kann sich inzwischen niemand mehr an die Panikmache zu Beginn der Grippesaison ­erinnern?

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  • Vielen Dank für die Richtigstellung.So sollte Journalismus gemacht werden.

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