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Weltmeister unter den Schuhmachern

Ob Niki Lauda, Jacky Ickx oder Clay Regazzoni, diesem Mann vertrauten einige der größten Rennfahrer ihrer Zeit ihre Füße an. Die Rede ist von Francesco „Ciccio“ Liberto.

26.05.2016 Press Inform

Cefalù ist genau das, was man sich unter einem sizilianischen Badeort vorstellt. Lange Sandstrände, verwinkelte Gassen, kleine beige Häuser mit flatternden Kleidungsstücken, einem pittoresken Felsen („Rocca di Cefalù“) und einer Normannen-Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert. In dem ehemaligen Fischerdorf, das gut eine Autostunde von Palermo entfernt liegt, kennt jeder jeden. Sobald ein kleiner Mann mit leicht tippelndem Gang die Straßen entlang flaniert, schalt es fast aus jeder Ecke „Ciao Ciccio“. Ciccio heißt eigentlich Francesco Liberto und ist Schuster. Nichts Außergewöhnliches eigentlich, bis man seinen kleinen Laden direkt an der Strandpromenade sieht.

Rein in eine andere Welt

Von außen unterscheidet sich das Geschäft auf den ersten Blick nicht von den anderen typischen mediterranen Verkaufsläden. Eine Tür, ein Fenster, das war’s. Sobald man den Raum betritt taucht man in eine andere Welt ein. Überall im Laden findet man Schuhmacher-Leisten, Formen und Lederstücke. Dazwischen stehen Schuhe in allen erdenklichen Farbkombinationen: kunterbunte, weiße und beige. Die Fußkleider liegen durcheinander, heillos aufeinandergestapelt auf Schuhkartons, wie auf einem Wühltisch. Normale Straßenschuhe oder filigrane Leder-Exemplare mit einer dünnen Sohle und einer Sechs-Ösen-Schnürung. Rennfahrer-Schuhe, wie sie die Lenkrad-Heroen in den wilden 60ern und 70ern trugen, als die harten Kerle nach dem Grundsatz fuhren: „lebe schnell und sterbe jung“.

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© Bild: Werk

Niki Laudas Weltmeisterschuh von 1977

„Als ich 1975 einen Anruf von Ferrari bekam, war ich wie vom Donner gerührt. Ich sollte doch tatsächlich Schuhe für die Scuderia machen“, so Ciccio. Einer seiner Schätze ist ein schlichter schwarzer Leder-Rennschuh: „Niki Lauda hat 1977 mit diesem Modell die Weltmeisterschaft gewonnen“, erzählt der Sizilianer. Anders als James Hunt, der die Eigenart hatte, die Spitzen seiner Schuhe abzuschneiden setzte Lauda auf die sizilianische Maßanfertigung und das Gefühl, die sie seinen Sohlen zum Bremsen und Gasgeben verlieh. „Ich habe Niki Lauda damals nicht persönlich getroffen“, bedauert der Schuhmacher. Er ließ sich eine Zeichnung von dem Fuß des Ferrari-Piloten schicken und fertigte das Schuhwerk nach diesem Muster.

Regazzoni, Ickx, Lauda & Co

Noch heute findet sich der Leisten, den Ciccio 1975 für Niki Lauda maßgefertigt hat, im Geschäft. Der hat sich auch mit einer Widmung inklusive Unterschrift verewigt: „To Ciccio di Cefalu“ steht da in krakeliger Handschrift. . Die Wände seines kleinen Laden sind gefüllt mit Fotos, die die Formel-1-Stars mit seinen Schuhen zeigen. Clay Regazzoni, Jacky Ickx und auch Niki Lauda. Nachdem die FIA die Echt-Leder-Schuhe wegen der Feuerschutz-Bestimmungen verboten hatte, stieg Ciccio auf Leder-Gürtel und andere Schuhe um. Seine berühmten Rennschuhe macht er nur noch für spezielle Kunden. Oder für ein Hollywood-Spektakel. In dem Rennfahrer-Epos „Rush“ trägt Daniel Brühl, der Niki Lauda spielt, echte Ciccios. Aber nicht nur die Heroen der wilden 70er erweisen dem Meister des ultra-bequemen Fußkleides ihre Verehrung. Auch Sebastian Vettel ist im Besitz eines echten Ciccios.

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© Bild: Werk

„Ich habe die Rennschuhe erfunden“

Francesco Liberto wurde durch seine Mama zum Beruf des Schusters gebracht. Er solle etwas Anständiges lernen, um zu überleben, beschied sie ihm. Damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war das Leben auf Sizilien hart. Ciccio half bei einem Schuster aus und fand Gefallen am Handwerk. Doch er hatte noch eine andere Leidenschaft – Autorennen. Jedes Jahr trafen sich die besten Fahrer der Welt, um auf den kurvenreichen Straßen der Insel beim legendären Langstrecken-Rennen „Targa Florio“ teilzunehmen. Bei seinen Streifzügen, um die Boliden zu bewundern, traf er Mitte der 1960er Jahre die bekannten italienischen Rennfahrer Nanni Galli und Ignazio Giunti. Als er von seinem Beruf erzählte, wollte Giunti ein Paar Rennschuhe. „Ich hatte keine Ahnung, wie ich die machen sollte“, lacht Ciccio heute. Er machte sich an die Arbeit und brachte dem Piloten wenige Tage später die Schuhe. Giunti war hellauf begeistert und so fing der Siegeszug der Latschen mit den dünnen Sohlen an. „Früher haben die Piloten Schuhe mit Absätzen getragen. Ich habe die Rennschuhe erfunden“, strahlt der Sizilianer.

Mit 9 Zehen zum Sieg

Nach diesem Coup ging es für Francesco Liberto dann richtig los. Immer wieder kam er in die Restaurants, in denen sich die Fahrer trafen, und bot ihnen an, Maßschuhe zu machen. Die gingen gerne darauf ein. Ciccio hatte immer sein Blatt Papier dabei und malte die Umrisse der Füße. Vic Elford hatte es dem Sizilianer besonders angetan. Elford war nach einem Unfall als Kind eine Zehe des linken Fußes amputiert worden. Ciccio nahm Maß, hämmerte, nähte und schnitt die ganze Nacht durch und brachte dem Engländer die Schuhe, der stieg in seinen Porsche 907 und fuhr 1968 die gesamte Konkurrenz in Grund und Boden. „Ciccio war immer da und half“, erinnert sich Gijs van Lennep, der die Targa Floro 1973 gewann und heute noch mit Freude Schuhe und Gürtel trägt, die von Ciccio maßgeschneidert sind. Wie viel die Schuhe eigentlich kosten, weiß keiner. Der Preis ist Verhandlungssache – für Rennfahrerfreunde sind die Schuhe umsonst.

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