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Austin 1800: Schrullen mit Stil

Eine lange Oldtimersuche mit ohne Ergebnis (vorerst)

26.02.2010 Autorevue Magazin

Dienstag

Ich bin ja nicht so flink beim Entscheiden, aber nach mehr als 20 Jahren wird’s Zeit. Damals saß ich erstmals in einem Austin 1800, wirklich rostfrei, aber mit den dilettantischen Mitteln eines Führerscheinneulings (Batterie, Abschleppseil) nicht aus seiner jahrelangen Ruhepause zu rütteln. Keine Ahnung was aus ihm wurde, aber aus ihm und mir wurde nix. Rund 15 Jahre später hab ich dann einen Austin-1800-Prospekt gekauft, sicherheitshalber in holländischer Sprache. Klingt, wenn ich mir selbst vorlese, ungefähr so, wie das Auto ausschaut.

Und jetzt das: Interesse wie nie zuvor, meine Freundin ahnt Schlimmes (sie ist erfahren darin), ein Freund meint, das Auto wäre ausschließlich schrullig, würde aber null Glanz verleihen.

Ich ahne erstmals, dass meine Entscheidung völlig richtig sein könnte.

 

Freitag

Die österreichische Zulassungsstatistik verrät: 12 Austin 1800 sind in Österreich gemeldet. Ich aber will einen ganz frühen, da wird die Zahl wohl deutlich unter 12 liegen (kleine kriminalistische Schlussfolgerung). Sehr verzwickt.

 

Samstag

Ich muss es tun. Gebe beim britischen Landcrab Owner’s Club International ein Suchinserat auf, um doch einen Austin 1800 Mk. I zu finden. Immerhin passt Rechtslenkung perfekt zu einem von Schrullen durchwirkten Auto.

Meine Freundin spricht noch mit mir. Es geht um die Hässlichkeit von Autos. Finde das ungerecht, immerhin wurde der 1800 von Pininfarina entworfen. (Na ja, angeblich stammt die Front von ihm, den Rest soll die Putzfrau heimlich in der Früh fertiggezeichnet haben.)

Freitag

Mail aus England. Es wäre ein Austin 1800 zu verkaufen. In Warschau. Der 89jährige Erstbesitzer schaut sich jetzt langsam nach einem Zweitbesitzer um, obwohl beide noch tadellos in Schuß wären.

Donnerstag

Nachtzug nach Warschau. Die beiden Polen im Liegewagenabteil verriegeln augenblicklich die Tür, daher sind wir in der Früh noch nicht gestohlen. Die Straße, die ich suche, beginnt kitschigerweise direkt am Zentralbahnhof, nach drei Kilometern stehe ich vor einem Plattenbau von einem Plattenbau. Aus der Moderne kommt nur das Tastenfeld vor der Tür, und wäre die Beschreibung nicht polnisch, dann würde ich sie gewiss verstehen.

Wer nichts versteht, muss aber probieren oder auf Personen warten, die aus dem Haus kommen. Ich bemerke: In Warschau pflegt man seine Wohnung eher nicht an einem Vormittag zu verlassen.

Schon 1,5 Stunden später sitze ich in einer polnischen Wohnung. Der Vorbesitzer spricht etwas Englisch, war also während seines Berufslebens eher kein Fabrikarbeiter. Mein Englisch ist zwar auch intakt, aber sein Hörgerät arbeitet heute leider nicht so gut. Der Austin offensichtlich schon länger nimmer. Er hatte 42 Jahre lang keine Garage, und die Tür- und Fensterdichtungen waren vielleicht eh 20 Jahre lang dicht. Rost fast überall unter dem Drittlack, außen, innen, zwischendurch. Teile fehlen, beispielsweise die Armaturenbrett-Abdeckung. Wo einst Kunstleder war, ist jetzt verhärteter Schaumstoff. Wenn der Besitzer einer Aussage Nachdruck verleihen will, klopft er mit dem Finger aufs Armaturenbrett, worauf eine Wolke Schaumstoffbrösel aufsteigt. Nette Begegnung, wir plaudern lange. Viele Wölkchen Armaturenbrett steigen gen polnische Vormittagssonne.

Will mich dann höflich verabschieden. Der Austin-Besitzer ist enttäuscht, er will, dass ich auch Probe fahren will, aber nur am Parkplatz, damit die Parklücke nicht verloren geht. Wenn ich mich anstrenge, komme ich in den zweiten Gang.

Verabschiede mich dann dennoch, auch, wenn der Austin bis 23 km/h wirklich tadellos fährt.

 

Freitag

Nachtzug nach Wien. Habe viele Eindrücke eines blühenden, jungen Warschau dabei (und werde daheim zu meiner Freude draufkommen, dass ich manches vergessen habe anzuschauen. In der Stadt, nicht am Auto.)

Mittwoch

Mail aus England. Es wäre ein Morris 1800 zu haben. South Wales. Meine Freundin spricht noch mit mir. Es geht um…

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