Saab Cabrio 6
 

Saab 9-3 Cabrio 2,0t Testbericht

Im Freien ist man den guten Dingen ganz nah: Dem Himmel, der Erde und den feinen Düften, die der Landschaft und den Gastgärten am Wegesrand entströmen.

01.05.2008 Autorevue Magazin

Kurz vor Mittag geht die Sonne auf. Das Licht kündigt sich durch ein Zurückziehen der Seitenfenster an, dann setzen emsig surrend die Motoren ein. Knisternd lässt die Spannung im Stoff nach, das Dach hebt ab, verabschiedet sich nach hinten aus dem Bild und lässt das Licht einströmen. Wie ein Grottenolm sitzt du nun in der grellen Sonne und blinzelst in den Frühlingstag.

Aus der dunklen Höhle, in die du dich gerade noch auf der morgenkalten Autobahn gekuschelt hast, ist eine Terrasse geworden. Willkommen auf der Landpartie. Die hat sein müssen. Wenn ein Saab Cabrio vor der Türe steht, werden Ausflüge zu deiner zweiten Natur. Was daran liegt, dass Saabs statistisch häufig mit hoher Hedonismusneigung oder einer anderen Art intellektuell-genießerischer Neugierde verbunden sind. Das Saab-Cabrio-Bekenntnis fällt jedenfalls oft in einem kreativen Umfeld, irgendwo in einem urbanen In-Viertel, wenn man gerade ein Glas Rotwein serviert kriegt oder eine Tasse chinesischen Kräutertee. Und so vereinbart man dann eben eine Ausfahrt.

Mit dem Saab 9-3 Cabrio zum Neusiedler See

Wir wollen rund um den Neusiedler-See, der eine wunderbar in sich geschlossene Route vorgibt. Das ist eine gute Tagestour, nicht von den Kilometern her, eher was die gute Schlagdistanz zwischen den Essensstationen anlangt. Außerdem ist er das nächste großartige Wasser zur Hauptstadt, wenn man einmal von der Donau und der marillenblütemäßig gehypten Wachau absieht. Zu Mittag gegessen wird bei Josef Lentsch in Podersdorf, dessen Gasthaus aus atmosphärisch wie kulinarisch nahe liegenden Gründen „Zur Dankbarkeit“ heißt. Außerdem hat es, was dem naturorientierten Cabriofahrer wichtig ist, einen wunderbaren Gastgarten, in dem man seine paprizierte Fischsuppe, seine gebratene Weidegans und seine Somlauer Nockerl unter alten Linden zu sich nehmen kann.

Vorher aber noch einmal zurück in die erste Frühlingssonne (an die sich die Augen mittlerweile gewöhnt haben): An viersitzigen Cabrios hat es in den letzten Jahren durch die CC-Welle reichlich Zuwachs gegeben, das Thema Stoff jedoch hat erst jüngst wieder Aufwind bekommen. Unter den Klassikern der großen Cabrios mit weicher Mütze ist der Saab einer der standhaftesten Vertreter. Die Veränderungen, die sich in der aktuellen Modellgeneration ereignet haben, rücken das Cabrio nicht über den allgemein gefestigten Saab-Horizont hinaus, nur Eingeweihte ermessen die gelifteten Züge des aktuellen Jahrgangs in ihrer Nuanciertheit: Erfrischte Front, etwas fettere Seitenschweller, mattierte Heckleuchten, deren Ausdruck durch schwarzen Rundum-Lidstrich dramatisiert wurde. Damit haben wir’s auch schon.

Worüber es sich wirklich zu reden lohnt, ist das, was sich nicht verändert hat. Zum Beispiel der 175-PS-Turbo. Er ist die in Wahrheit beste Motorisierungswahl im 9-3-Angebot, am besten mit der manuellen Sechsgang-Schaltung, weil der mittlere Benziner auf geschmeidige Art erzählt, wie Saab dem Turbo die gefühlte Qualität von Seide anerzogen hat. Das Vorankommen ist wie Tauchen durch Schlagobers, von kantiger Machoart und unschönen Luftlöchern keine Spur, was dem allgemeinen Niveau entspricht, bei Saab aber eben schon seit Ewigkeiten Standard ist.

Apropos Schlagobers. Auf der ungarischen Seeseite kriegt man ein Gefühl dafür, wie es am Steppensee vor hundert Jahren ausgesehen haben muss. Das Ortsbild der Dörfer schlägt einen weniger polierten und damit die Phantasie anregenderen Ton an. Die alten Bauernhäuser bröckeln wohl schon ein bisschen, und auch architektonische Hässlichkeiten neueren Datums sieht man hie und da, insgesamt herrscht aber eine vergessene Exotik vor, die den See in seiner touristischen Gesamtheit auf spannende Art ergänzt. (Zur Vertiefung des Bildes empfohlen sei das Széchenyi Schlosshotel in Nagycenk, wo uns bei Kaffee und Torte dann auch der Turbo-Schlagobers-Vergleich eingefallen ist.)

Wobei alles Tantenhafte dem Saab als Cabrio fremd ist. Wer Verwandtschaft auf den beiden Rücksitzen dem Fahrtwind aussetzt, wird viel über schrille Fönfrisuren lernen. In der ersten Reihe kriegt man vom Wind so viel mit, wie es beim Cabriofahren angemessen ist. Mit heruntergelassenen Seitenscheiben ist das Naturerlebnis am lebhaftesten. Sind die Fenster oben und das Windschott über die Rücksitze gespannt, herrscht Ruhe, kein Gurt flattert und man kann sich bis 120 km/h sogar in vernünftiger Lautstärke unterhalten.

Der Tag wirft auch ein gutes Licht auf das Interieur. Unser Cabrio war innen mit schwarzem Leder ausgeschlagen und stellte in gleicher farblicher Zurückhaltung eine typische Cockpitlandschaft zur Schau. Die Saab’sche Steilheit des Instrumententrägers mit den großen Lüftungsgittern verströmt dabei leichte Weihrauchnoten, weil dem aufrechten Winkel fast etwas Chorgestühlhaftes anmutet.

In der warmen Luft lösen sich solche Bilder jedoch schnell auf. Wobei die nicht gottgegeben ist. An ihrer formidablen Leistung kann man erkennen, dass diese Heizung aus dem Norden kommt. In Zusammenarbeit mit der Sitzheizung könnte man locker den Winter zur offenen Saison erklären, freilich mit weniger Auslaufmöglichkeiten, weil dann die Gastgärten am Land nix hergeben.

Wiewohl: Vor der Greißlerei des Taubenkobel in Schützen (das ist die letzte Station des Tages, versprochen) stehen ein paar Heizschwammerl, für den Fall, dass mit dem schwindenden Tageslicht die Kälte zurückkommt. So kann man Käse, Schinken und etwas von den köstlichen hausgemachten Antipasti doch noch im Freien essen. Oder man zieht sich in die gemütliche Stube zurück, wo Schaffelle auf den Sesseln liegen und man einen guten Blick hat auf die vollen Regale. Weil frische Luft hatten wir heute genug.

Mehr zum Thema
pixel