Ross Lovegrove und Laurens van den Acker im Renault Twin'Z
Ross Lovegrove brachte neue Ideen in die Design-Abteilung von Renault.
 

„Wir bauen die Wirtschaft wieder auf“

Star-Designer Ross Lovegrove über den positiven Einfluss des Kreativen, seinen Bezug zu Frankreich und die Rolle der Autoindustrie in der Weltwirtschaft.

10.05.2013 Autorevue Magazin

Ross Lovegrove, Sie haben immer und immer wieder in Interviews gesagt, wie gerne Sie ein Auto entwerfen wollten. Wieso hat es so lange gedauert?

Wissen Sie, Autohersteller sind geschlossene Systeme. Sind wie Inseln. Ein Unternehmen wie Renault zum Beispiel hat 240 Designer. Wie bringt man es da einem Carlos Ghosn bei, dass man bei 240 kreativen Köpfen im Unternehmen jemanden von außerhalb holen möchte? Das ist, als hätte man ein Restaurant mit 20 Küchenchefs und lässt ein Catering kommen. Es ist schwierig und hat viel mit Politik zu tun.

Es gibt da aber gute Beispiel aus der Vergangenheit.

Als Marc Newson mit J. Mays für Ford sein Auto entworfen hat, war das ein Riesending. Zu dieser Zeit konnte man sich mit Geld die Stirne wischen, es gab Geld ohne Ende. Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Aber nehmen Sie zum Beispiel die Sessel auf denen wir sitzen: Ich habe sie für Vondom in Valencia entworfen. Spanien liegt am Boden, aber die Menschen in der kreativen Welt nicht. So bauen wir die Wirtschaft wieder auf: Wir behalten eine positive Sicht und tun uns zusammen.

Wieso Renault?

Vor 20 Jahren habe ich für drei Jahre in Paris gelebt. Ich habe für Dior und Hermès gearbeitet, ich habe einen Bezug zu Frankreich und bin gerade dabei neue Aspekte der Französischen Ikonografie zu entwickeln. Und wo ich arbeite (Großbritannien; Anm.), gibt es keine Industrie mehr.

Welchen Einfluss wollen Sie mit Ihrer Arbeit auf die Industrie nehmen?

Im Industrie-Design gibt es enorm viel zu tun und dadurch wird die Industrie beeinflusst. Es gibt neue Ausdrucksformen, 3D-Printing etwa verändert Art wie wir auf Dienstleistungen und die Dreidimensionalität wahrnehmen. Wir haben zum Beispiel für Artemide die Leuchte „New Nature“ entworfen, sie sieht aus, als wäre sie 3D-geprintet. Ist sie aber nicht, sie ist aus einem Bauteil gemacht, wir können also den Industrieprozess rationalisieren, um eine Ästhetik zu erzeugen, die völlig neu ist. Das ist das Feedback, das ich andauernd von Leuten bekomme.

Ist es in der Autoindustrie besonders schwierig neue Grenzen auszuloten und diese riesigen Konzerne zum Umdenken zu bewegen?

Zweifellos. Als Außenstehender denkt man sich, wenn man ein Konzeptauto entwirft, kann man machen, was man will. Aber ich geben Ihnen ein Beispiel: Ein Scheibenwischer kostet einen Euro, weil jedes Auto, das hergestellt wird, den gleichen Scheibenwischer hat. Ändert man ein kleines Detail an diesem Scheibenwischer, weil man ihn cool aussehen lassen will, kostet er plötzlich 30 Euro, mal drei pro Auto macht 90 Euro, mal fünf in der Industriekalkulation, macht das 450 Euro Preiserhöhung, bloß weil du einen funky Scheibenwischer haben wolltest.

Man hält sich als Designer also bessern nicht mit Scheibenwischern auf?

Es ist besser zu nehmen, was man hat, und die Energie und Investitionen in andere Aspekte des Autos einfließen zu lassen. Zum Beispiel die Sitze, die wir zusammen mit Matt Longbottom gemacht haben. Die Sitze sind wie Knochen, sie sehen skelettartig und interessant aus, tatsächlich sind sie höchst vernünftig, weil man die Struktur genau dort hat, wo man sie braucht, gefertigt aus Kohlefaser mit einem Netzüberzug – das ist eine Revolution! Nicht in der Büromöbelwelt, definitiv aber in der Autowelt.

Man kann also von kreuzweisem Ideentransfer sprechen?

Wir wirken befruchtend. Wir sind überall in der Welt in verschiedenen Bereichen unterwegs. Wir lernen hier und dort. Wir bringen unsere Erfahrungen mit Beleuchtung in die Autowelt ein, wir arbeiten im Möbelbereich und transferieren unsere Erfahrungen in die Autoindustrie und umgekehrt. Wir sind weltweite Bestäuber und machen Dinge, die man in der Autowelt so nicht machen würde. Ich sage immer: Ich mache Design mit meinem Wissen, aber auch mit meinem Nicht-Wissen. Man muss Risiken eingehen.

Die Autoindustrie geht aber nicht gerne Risiken ein.

Man muss sich vor Augen halten: Die Autoindustrie ist einer der ganz großen Player der Weltwirtschaft. Wenn alles gut läuft, ist es wunderbar. Wenn aber etwas schief geht, dann ist es furchtbar, Leute verlieren ihre Jobs und alles gerät ins Rutschen. Wir liefern Anregungen. Und wir haben tolle Reaktionen bekommen, zum Beispiel auch aus dem asiatischen Raum, die lieben das Auto, weil es so detailreich ist, ein bisschen feminin, nicht so teutonisch, es ist kein Volkswagen Golf, absolut nicht, eher französisch eben, sinnlich. Es ist nötig, dass jemand von außerhalb kommt und eine nationale Charakteristik erkennt – und darin sind wir gut.

Gibt es etwas, das Sie überrascht hat, etwas, das sie über die Autoindustrie und ihre Designprozesse bis dahin nicht wussten?

Wir wussten nicht, dass die Gewinnspanne bei Autos so klein ist. Wir haben eine Uhr für Tag Heuer gemacht und da lag die Gewinnspanne bei 500 Prozent. Wir haben also besonders Acht gegeben und im Kopf behalten: Wenn man da etwas falsch macht, würde das einer Menge Menschen ihren Job kosten. Aber das macht es halt nicht einfach, da mit freien und radikalen Gedanken hineinzugehen.

 

Die Geschichte zum Renault Twin’Z finden Sie hier.

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