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23 Stunden Lappland mit dem Porsche Panamera

Reisenotizen: Für 23 Stunden nach Lappland, um den Umgang mit der Kälte zu erforschen, mit einem Porsche Panamera auf einem zugeforenen See herumzufahren und eine Odysee nach Hause zu erleben.

26.02.2010 Autorevue Magazin

Wer den Winter licht- und temperaturtechnisch per se als brenzligen Zustand empfindet, outet sich eigentlich als völlig bescheuert, wenn er im Februar nach Finnland reist. Ich hab die wahren Dimensionen dieses Reiseunterfangens jedenfalls erst gecheckt, als das Flugticket zum Porsche-Eisfahr-Training schon in der Post lag. Mein erstes Mal überschreite ich den Polarkreis. Und das im Winter.
Finnland also. Präziser: Nordfinnland. Eigentlich: Nordnordfinnland. So weit nördlich, dass noch ein bisschen nördlicher, ins Eismeer stürzen bedeuten würde. Dort liegt Ivalo, Verwaltungsitz der Provinz Inari, nördlichster Flughafen von Finnland, 3700-Einwohner-Ortschaft, und damit das größte aller Nester im finnischen Teil von Lappland (die kleinste der 22 Ansiedlungen, die Wikipedia aufzählt, ist Lisma mit 15 Bewohnern).
Im Unterschied zu Helsinki, wo die Jahresdurchschnittstemperatur bei fünf Grad plus liegt, beträgt sie in Inari minus 1,3 Grad. Letzten Winter wurde ein Tiefstwert von minus 52 Grad gemessen. Die Wettervorhersage kündigt mediokre minus 25 an.

Flughafen Schwechat, 8.55 Uhr.
Bayern ist die erste Hürde. Schaut aus, als würde ich es nicht einmal dorthin schaffen: Patzenverspätung, in München schneit es nämlich, die Landebahn muss im Halbstundentakt geputzt werden, der Rückstau reicht angeblich schon bis Tokio zurück. In Ivalo liegt auch Schnee. Dort finden das aber alle ganz normal, von Chaos keine Spur, was vielleicht damit zu tun hat, dass in Ivalo jeden Tag nur zwei Flugzeuge landen. Und heute ausnahmsweise auch ein drittes: Wir.

Saariselkä, 19.15 Uhr.
45 Minuten mit dem Bus Airport zum Hotel Riekonklinna (www.laplandhotels.com). Infrastruktur hat hier viele Zwischenräume, das sieht man sogar im Dunklen. Die Schneedecke glitzert im Scheinwerferlicht wie ein Meer aus kosmischem Flitter. Seltsame Weihnachtsgefühle tauchen auf. Drei Duzend Männer und zwei Frauen entern den Snowmobil-Fuhrpark vorm Hotel, der finnische Snow-Safari-Guide brüllt die Verhaltensregeln fürs Fahren im Pulk kasernentonmäßig in die Nacht. Ohne böse Absicht, der Finne kann nicht anders. Erst haben sich die minus 25 Grad gar nicht so arg kalt angefühlt, was an den acht Schichten G’wand und den drei Paar Handschuhe liegen mag, die ich anhab, je länger der Brüllvortrag jedoch dauert, desto unbarmherziger kriecht die Kälte durch die Schuhsohlen.
Das Fahren hat es dann in sich, der Wind legt jede Schwachstelle offen. Unter dem Helm zieht es schneidend in den Nacken. Die Knie sind superblöd exponiert. Und zu viele Handschuhe sind auch nix, man das Daumen-Gas am Snowmobil nicht g’scheit bedienen und sich schlecht am Lenker festhalten, wenn man sich in die Kurve legt (nach innen, um den inneren Schi vorne zu belasten).

25 Kilometer später, eine Hütte, Kaminfeuer.
Kälte macht hungrig. Ich esse das erste Elchwurst-Hotdog meines Lebens (keine Augenweide, aber geschmacklich sehr in Ordnung) und trinke Lapin-Kulta-Bier. Später folgt Rentier-Geschnetzeltes und noch mehr Lapin-Kulta. Fürs Aus- und Anziehen beim Überwechseln von Draußen auf Drinnen muss man jeweils 15 Minuten einrechnen.

Hotel Riekonklinna, 7.00 Uhr früh (UTC+2).
Nach meiner inneren Uhr (UTC+1) ist es sechs Uhr morgens, also nicht meine Zeit. Fahrerbriefing im hoteleigenen Konferenz-Center, Chefinstuktor Patrick kämpft gegen die unterschiedlichen Jetlag-Dämmerzustände an. Die per Dolmetscherin ins Chinesische übersetzten Witze funktionieren nicht (bei mir nicht und bei den Chinesen). Dann Busfahrt zum Pasajärvi, draußen ist es wohl hell, aber nur irgendwie ein bisschen.

Am Pasajärvi, 10 Uhr.
Zwischen Jänner und März gehört der 780 Hektar große See drei Kilometer nordwestlich von Ivalo quasi exklusiv Porsche. Man veranstaltet hier das ICE FORCE-Winterfahrtraining, für das jeder Teilnehmer, wenn er denn einen der raren Plätze ergattert, über 5000 Flocken auf den Tisch legen muss. Auf Eis fahren geht auch für weniger Kohle, im Lungau oder im Camp4 oder Camp4S in Rovaniemi/FIN, wo man vorher aber ohnehin gewesen sein muss, damit man an der Meisterklasse am Pasajärvi überhaupt teilnehmen darf. Gefahren werden Cayman und 911, aber auch Cayenne und – heuer neu – die viertürigen Panamera.

Am Pasajärvi, 11 Uhr.
Sonnenaufgang. Erste Pause nach Slalom und Achterfahren, zwei Übungen zum Aufwärmen praktisch. Es hat minus 12 Grad. Aus einem Cayenne-Kofferraum wird Kaffee ausgeschenkt, der schneller kalt wird als man ihn trinken kann. Wie nennt man eigentlich das Phänomen, wenn eine Substanz temperaturbedingt einen Aggregatszustand überspringt?

Am Pasajärvi, zwischen 11.15 und 15 Uhr.
Drei Handlingkurse, jeder verschieden schnell. Einer mit dem Allradler (4S), einer mit dem Hecktriebler (beide 400 PS und 500 Nm Drehmoment) und einer mit dem Turbo (500 PS, 700 Nm, auch Allrad). Der Panamera ist nicht fürs Eisfahren gemacht worden. Knapp zwei Tonnen und ein Radstand von 2,9 Meter, das hängt sich an, mit so einer Fuhre schlägt man nicht aus dem Handgelenk einen Haken, aber glücklicherweise ist ja genug Platz da, und es endet nicht unbedingt desaströs, wenn man nicht gleich den richtigen Driftwinkel findet. Wenn mans mit so einem Turbo zu weit treibt, nicht wirklich sensibel mit dem Feuer des V8 umgegangen ist, fliegt man raus, da hilft kein Gegenlenken und kein Bremsen mehr. Dann gibts ein Stopp für alle, die auf der Piste sind (die sind dann meistens ziemlich sauer), ein oder gar zwei Cayenne müssen ausrücken und den 160.000-Euro-Viersitzer aus dem Schnee ziehen. Das ist peinlich. Wirklich schlimm ist es aber nicht.
Gefahren wird auf Eis mit Spikes. Die Nokian Hakkapelita 7-Reifen sind mit vier Millimeter Stiften gespickt, so gehen sich echt böse Kurvenkräfte und auch einiges an Geschwindigkeit aus, die andernfalls im Wheelspin verrauchen würden.
Schnelles Fazit aus drei erhitzten Stunden (unterbrochen von einem kurzen Mittagessen): Der heckgetriebene Panamera hat auf dem Eis am meisten Spaß gemacht, mit ihm ist man zwar garantiert langsamer als mit den Allradlern (sofern man nicht irgendeinen berühmten Nachnamen hat und gegen ein Lulu wie mich antritt), aber das Popsch-Raushängenlassen ist die Hetz und das Anstellen, das Pratzeln zum Gegenlenken und das feine Quertreiben. Fühlt sich gut an. Chefmäßig irgendwie.

Ivalo Airport, 15.00 Uhr.
Sonnenuntergang. Das Licht ist göttlich. Und der Winter so makellos und weiß. Die Schneekristalle setzten im schrägen Licht wieder ihr Glitzern auf. Rundum aber besorgte Gesichter. In München soll immer noch die Hölle los sein. Schneefall. Flugausfälle. Die Maschine mit der nächsten Gruppe kommt aus München nicht raus, der restliche Porsche-Event droht aus dem Ruder zu laufen. Abflug dann doch, wieder mit Verspätung. Man hat extra für uns in Ivalo noch die zwei Flughafen-Souvenir-Läden aufgesperrt, um die Wartezeit abzukürzen.

Flughafen München, 20.20 Uhr.
Touchdown. Aber leider: Kein Flieger mehr nach Wien. Anulliert. Wie ein Haufen anderer Flüge auch. Eine Million Menschen vor den Lufthansa-Service-Schaltern. Bis ich ein Hotel-Zimmer kriegen würde, wärs sicher nach Mitternacht. Besser also auf Achse nach Wien. Schnee hin, Schnee her. Beim vierten Mietwagen-Schalter krieg ich gnadenhalber noch ein Auto. Auf der Autobahn nach Deggendorf fährt die Kolonne mit 30 km/h hinter einem Geschwader Räumfahrzeuge her. Auch Passau-Wels ist grausam. St. Pölten-Alland ist dann der totale Horror, es ist mittlerweile auch schon drei Uhr früh. Noch zum Flughafen. Auto retour. Eigenes Auto auslösen. Halb fünf Uhr dann im Bett. Polarexpeditionen habens in sich.

  • mrlatin

    "Wie nennt man eigentlich das Phänomen, wenn eine Substanz temperaturbedingt einen Aggregatszustand überspringt?"

    Sublimieren und Resublimieren.

    Gruß,
    der Lateiner

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