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Werner Schroefl über die Rallye Köln-Ahrweiler 2008
 

Rallye Köln–Ahrweiler 2008

Werner Schroefl über das Abenteuer Köln-Ahrweiler 2008

19.11.2010 User

Als mich der Anruf von Christian ereilte, war ich zuerst wieder mal telefonier-untauglich. Da ich mich immer just wenn Christian anruft in einem kleinen, verfliesten Raum aufhalte, in dem auch eine funktionierende Lüftung seit jeher durchaus als notwendiges Detail vorhanden sein sollte. Ich muss aber sogleich hinzufügen, dass ich an jenem besagten Ort niemals die Autorevue lese, da ich den Inhalt dieses Mediums für die verstunkene Location als nicht kompatibel ansehe.

Is ja Wurscht. Auf alle Fälle konnte ich den Rückruf erleichtert tätigen, bei welchem mir Christian die frohe Botschaft kundtat „Wir reisen nach Deutschland, zur Rallye Köln-Ahrweiler“.

Da ich vorher vorsichtshalber schon rund fünfmal die Ausschreibung dieser Veranstaltung gelesen hatte, konnte ich mir die Frage an Christian nicht verkneifen: “Hast Du die Ausschreibung schon gelesen? Nein“, aber ich hab schon genannt! Warum?“, kam aus dem Handylautsprecher.

Der Grund warum ich x-mal die Ausschreibung gelesen hatte, war simpel: Die Köln-Ahrweiler wird seit jeher im Stile der frühen 60er Jahre gefahren. Soll heißen, ohne Aufschrieb, mit fliegendem Service, und jede Sonderprüfung wird nur einmalig befahren, was nicht unwesentlich erscheint, bei einer SP- Länge von 160 km und 340 Gesamtkilometern.

Bildlich konnte ich mir Christians Gesicht am anderen Ende der Telefonierwellen vorstellen, denn ich vernahm mehrmals das böse Wort, welches mit dem Endprodukt meines Tuns am eingangs erwähnten stillen Örtchen gleichzusetzen ist. Für kultivierte Denker: Das Wort fängt mit „Sch“ an und hört am Ende mit „ eiße“ auf.
Nach einem Tag Bedenkzeit kam der erlösende Anruf von Christian, und wir wagten uns an dieses neue Abenteuer, das da hieß: Nach einer Pause von fast eineinhalb Jahren fährt Christian eine Rallye, und damit dies nicht zu öd wird, fahren wir eine, die uns total unbekannt ist, und die wir vorher gar nicht besichtigen dürfen und können- „Geeiiil“.

Muß gestehen, habe nächtelang gegrübelt, wie das überhaupt gehen könnte. Nachdem ich zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen war, fuhr ich halt ohne Plan Richtung Deutschland. Was kann denn schon passieren, war für mich doch vor diesem Abenteuer immer sonnenklar, dass sich ab Bayern hochwärts keine Berge mehr blicken lassen würden. Und dann können die Strecken ja nicht mehr so gefährlich sein. Der Veranstalter würde schon dafür sorgen, dass die gefährlichen Kurven in dessen lustig-frivolem „Bordbuch“ vorkommen würden.

Da bei der Anreise am Mittwoch ab Passau bereits schwarze Luft um uns war (finster war’s), erkannte ich erst am nächsten Morgen, wie fatal mein Irrglaube vom „brettlebenen Germanien“ war.

Beim Blick aus dem Fenster des ehrwürdigen, in den 70er Jahren verbliebenen Hotels strahlten mich ringsum sausteile und nicht unhohe Weinberge an. Jetzt hatte ich das böse „Sch“- Wort im Mund. Obwohl ich nicht unbedingt mit Stress-Genen ausgestattet bin, wurde ich erst richtig uncool, als wir uns einige mögliche Sonderprüfungsstrecken ansahen (dank dem Veranstalter, der uns dies ermöglichte, da normalerweise striktes Abfahrverbot vor der Rallye besteht). Mögliche SP-Strecken deshalb, da die wirkliche Streckenführung genau 30 Minuten vor dem Start des ersten Teilnehmers, die in gewohnter deutscher Gründlichkeit, penibel gereiht nach Startnummern, in Form des Bordbuches bekannt gegeben wurde (Was für ein Satz, aber das gehörte auch mal gesagt).

Charakteristik der Strecken: „Unzählige Kehren bergauf und bergab. Wege gerade breit genug für einen Traktor ohne Gegenverkehr. Laub auf der Straße ohne Ende. Rutschig bis zum erstmöglichen Baum (und derer gab es in jeder Kurve genug). Wer kennt sie nicht – die Deutsche Eiche? Größtenteils irrwitzige und sauschnelle Stellen zum Verkühlen. Mit einem Wort: gewaltig!

Natürlich machten wir uns so viele Notizen wie möglich, aber immer mit der Gewissheit, nicht zu wissen wie der eigentliche Streckenverlauf im Rennen dann aussehen würde. Die einzige Information war die, daß die legendäre Nordschleife gegen die Fahrtrichtung und die Südschleife als Rundkurs gefahren werden.

Was wiederum überaus toll zum Besichtigen war – wer denkt schon daran an einem normalen Öffnungstag am Nürburgring gegen die Fahrtrichtung um die Nordschleife zu eiern, wenn Hunderte autoverrückte Deutsche die Strecke dazu nötigen, ihren Frust und mitunter auch gleich ihr Auto an diesem denkwürdigen Ort zu verschlucken? Richtig erraten – Niemand!

Freitag = Abnahmetag! Bei der Dokumentenabnahme wie immer Verwunderung bei den Offiziellen über die lustigen österreichischen Papiere und Dokumente. Ganz lieb fand man die internationale OneEvent- Lizenz von Christian. Diese wurde stolz unter den deutschen Funktionären herumgereicht, da sie selbiges noch nie erblicken durften. Die technische Abnahme war wieder Marke „ Schönes Auto habt ihr da“, und durch.

Bei schwarzer Luft – 1. Sonderprüfung: Tausende Zuseher in den Weinbergen um Mayschoß, und wir nahmen uns vom Ortsnamen den letzten Teil und schossen dermaßen auf einen Abzweig zu, daß unser Mechaniker, der ebendort stand, bereits die Nacht abhakte, weil er dachte, diese damit zu verbringen, den Escort wieder gerade zu bügeln. Aber alles ging gut! Und wir konnten beruhigt nach Adenau ins Pinocchio driven. Dort wartete eine der besten Pizzen, die ich je essen durfte.

Der Samstag begann für uns im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern eher gelassen, da wir uns für eine spätere Startzeit entschieden hatten (Startreihenfolge des Samstag ergab sich aus dem Ergebnis vom Freitag – alles klar?!). Nichts desto trotz fuhren wir einen tollen „Swing“, wie Christian zu sagen pflegt. Nie über dem Zacken und auch nie abseits der Strecke.

Am Vormittag war das einzig negative Erlebnis eine- bzw. zwei Begegnungen mit der deutschen Art von polizeilicher Verkehrskontrolle a la „Gustav ans an Gustav zwa“. Das Tempolimit penibel eingehalten, wagte es Christian auf einer Geraden, eines von zwei vor uns fahrenden Autos im nervösen Blickwinkel der Respektoren zu überholen. Sofort wurden wir von ungefähr 4 bis in die Haarspitzen motivierten, in dezenten Grün gewandeten Männlein und Weiblein abgewunken und an eine Parknische verwiesen. Nach langem hin und her musste die gemischte Neigungsgruppe „Polizei“ einsehen, dass wir kein verwertbares Vergehen begangen hatten. Dann aber kam‘s knüppeldick:

Beim Losfahren mußte ein Deutschländer hinter uns bremsen. Wir kamen gerade 200 Meter weit, da wurden wir an Ort und Stelle mitten auf der Fahrbahn von unseren grünen Freunden eingeholt und abgestellt. Das sofortige Verkehrschaos war ihnen so was von schnurz, dass es eigentlich für einen Sketch reichen würde. Bis dato kannte ich solche Einsätze der Polizei nur von Fernseh-Berichten zur „Baader Meinhoff Bande“, bin daher im Nachhinein froh, bei dieser Aktion nicht in einem Hochsicherheits-Häfen in Deutschland geendet zu haben.

Nachdem Christian schon ziemlich angespeist war und der Dame in Grün zu allem Überdruss auch noch eine Lehrstunde in Sachen „ deutsche Automarken“ (ein Mercedes ist kein Audi) erweisen musste, durften wir dann doch noch nach deutlicher Erleichterung unserer Kriegskasse den Ort des Schreckens verlassen. Zurück blieb eine total aufgekratzte Gruppe grüner Männlein und Weiblein und vor allem ein Stau, der sich gewaschen hatte.

Nachdem sich Christian schnell wieder beruhigt hatte, stand bereits die Nordschleife an. Das Ding (Nordschleife) ist einfach purer Wahnsinn. Auf und Ab auf über 20 Kilometern. Manchmal baut sich vor einem eine richtige Wand auf, so steil geht’s zu (keine Übertreibung).
Nach Nord kommt Süd – sprich die ehemalige Südschleife des Nürburgrings wurde im Rahmen eines Rundkurses drei Mal bereist. Genau dort lieferten wir ein Original „Kornherr – Rallye – Hopsala“!

Gut, es soll schon Rallyefahrer gegeben haben, die sich auf einem Rundkurs an einer Stelle schon mal richtig verbremst haben. Wir aber können von uns behaupten, dass wir uns an einem Abzweig in der ersten Runde gewaltig, an der genau gleichen Stelle, in der zweiten Runde aber noch gewaltiger verbremst haben, als jemals einer vor uns!! Und dass dem Abzweig eine Gerade mit deutlicher Kennzeichnung des Abzweiges voran ging, soll nicht verwundern, sondern gehört zu uns dazu wie …, das schreib ich jetzt nicht.

Im einzigen, durch Zeitkontrollen abgegrenzten Service am Nachmittag stellte sich heraus, dass unsere Lichtmaschine am Sterben war. Zwar konnte Mechaniker Werner in Rekordzeit das Ding gegen ein Ersatzding wechseln, aber dieses stellte sich sofort als nicht einsatzfähig heraus. Also baute er in Rekordzeit wieder um auf das schwerkranke, dem nahen Tod geweihte Lichtmaschinlein um.

Die waidwunde Lichtmaschine lief zur allgemeinen Überraschung fast tadellos. Und wäre die Rallye nur 13 Kilometer kürzer gewesen, hätten wir das Ziel auch erreicht. So ging uns, bzw. unserem Auto auf der vorletzten Prüfung der Saft, bzw. der Strom an einem Bergaufstück endgültig aus. Schade, denn dieses Mal fuhren wir wirklich eine tolle Rallye ohne Wenn und Aber.

Wer aber glaubt, dass die Geschichte dieser Rallye für uns schon vorbei ist, der hat das vielleicht Beste versäumt.

Also: Auto bei einem Funkposten abgestellt. Auf der Landkarte nachgesehen, wo wir überhaupt sind. Deutschland war klar, aber dann wurde es schon komplizierter. Die Lichtmaschine hätte sich keinen schöneren Ort als „Blasweiler“ aussuchen können um das Zeitliche zu segnen. Na gut, Mechaniker Werner informiert, wo wir genau sind, dieser machte sich ohne Umschweife auf die Fahrt zu uns. Wir befanden uns wirklich nicht in einer Metropole, und Christian und Ich waren auf gut 20 Kilometern die einzigen menschenähnlichen Gestalten am Straßenrand eines Zufahrtsweges nach Blasweiler. Mit unseren Rennanzügen auch unschwer als Rennfahrer zu erkennen. Und obwohl Mechaniker Werner meine Wenigkeit seit mehreren Jahren und Christian seit Menschengedenken gut kennt, brauste er an uns vorbei wie nichts. Nach einem Urschrei von Christian in die deutsche Nacht, teilte ich Mechaniker Werner per Telefon mit, dass er gerade an uns vorbei gerast war.
Seine lapidare Antwort: „ Das ward Ihr zwei?!?“.

Gerade wegen des Geschehens im letzten Absatz liebe ich die Zusammenarbeit mit Christian und Werner wirklich herzlich. Mit denen zweien wird es wirklich nie fad und eintönig. Der Satz „ Es gibt nichts, was es nicht gibt“ trifft auf unsere Truppe wirklich voll zu. Ich weiß, wovon ich schreibe – wirklich!

Nicht unerwähnt soll auch unser persönlicher Abschluß der „Rallye Köln-Ahrweiler“ bleiben. Wenn man die Deutschen kennt, verwundert einen ihr merkwürdiges Rudelverhalten nicht wirklich. Aber beim Besuch im „Western-Saloon“ (gibt’s wirklich) in Altenahr bleibt kein österreichisches Auge trocken. Den Gestalten im Saloon schien gerade die Flucht aus einem drittklassigen Italo-Western gelungen zu sein. Und am beeindruckensten war wohl die Girl-Truppe beim Line-dance. Die Choreographie dürften sie schon im Vorschulalter mit der Müllermilch eingeflößt bekommen haben. Ich dachte in diesem Moment an den Urschrei von Christian, den er vor Stunden in die deutsche Nacht entlassen hatte.

Daher sei auch erwähnt, daß ich einige Weißbierchen vorm Schlafen gehen zu mir nehmen mußte. Dieses Westernerlebnis ohne Alkohol zu überstehen, wäre viel, viel härter, als die Rallye Köln Ahrweiler je sein könnte.
Ich glaube aber auch, dass Christian einen Kulturschock durch die Westernnacht erlitten haben dürfte. Denn die Heimfahrt erfolgte in einem Tempo, das einer Flucht gleichkam. Laut Christian neuer interner Durchschnittsgeschwindigkeitsrekord!!

Zum Abschluß: Diese Rallye wird in meiner eigenen Hitliste aller bisher von mir gefahrener Rennen am Beifahrersitz klar auf dem 2. Platz gereiht. Nur die Abu Dhabi Classic wird (bis dato) auf Immer und Ewig den ersten Platz in meiner eigenen Rallye-Hitliste einnehmen.

Und wie sagte Christian zum Abschluss “Das Thema Köln-Ahrweiler bedarf irgendwann einer Neuauflage“. Ich persönlich würde mich darüber sehr freuen.

Werner Schroefl

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