Preston Tucker Oldtimer Gebrauchtwagen Auktion USA US Amerika
22. Januar 1950, Chicago, Illinois...
 

Ausgeträumt

Ein Mann, 51 Autos: Was 1948 als revolutionärstes Auto aller Zeiten geplant war, endete nach wenigen Exemplaren im Chaos, und bald danach war auch der Erfinder tot.

18.12.2012 Autorevue Magazin

Ja, der Tucker 48 hatte auch einen Retourgang. Der war 1948 natürlich bei allen Autos selbstverständlich, aber Tuckers erster Prototyp, der die Interessenten hinhalten sollte, hatte keinen. Das fiel zwar nicht weiter auf, weil der Prototyp überhaupt und aus vielen Gründen (ständig brechende Radaufhängungen, zum Beispiel, das Auto war hastig zusammengebastelt) nicht fuhr. Der fehlende Retourgang wurde aber dennoch so hartnäckig publik, dass das Gerücht flügge wurde und als Fußnote des Desasters die Geschichte des Tucker Torpedo begleitete. Die war ebenso schillernd wie kurz, nicht weiter verwunderlich bei der Person dahinter.

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Auftritt Preston Thomas Tucker, 1903 auf einer Pfefferminzfarm bei Capac, Michigan, geboren und früh dem Automobil zugewandt. Und früh war wirklich früh, mit 11 Jahren fuhr er Auto, mit 16 kaufte er Autos, um sie zu reparieren und mit Gewinn weiterzuverkaufen, was besser gelang als die Ausbildung an der Cass Technical High School in Michigan: Schulabbrecher Tucker heuerte als Office Boy bei Cadillac an und revolutionierte seinen Job insofern, als er auf Rollschuhen unterwegs war, um flinker zu sein. Um Polizeiautos und -motorräder fahren zu können, wurde ­Tucker anschließend Polizist – nachdem er ein Loch ins Armaturenbrett geschnitten hatte, um mittels Motor-Abwärme den Fahrgastraum zu heizen, war er den Job auch schon wieder los. Lange hielt es ­Tucker nirgends aus, er arbeitete bei Ford am Fließband, verkaufte Autos verschiedener Marken, hatte eine Tankstelle gepachtet, und alle paar Monate war der neue Job schon wieder der gewesene.

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Etwas dauerhafter war Tuckers Partnerschaft mit Harry Miller, der damals die erfolgreichsten Autos für die 500-Meilen-Rennen in Indianapolis präparierte, die beiden gründeten sogar eine gemeinsame Firma, aber Tucker tüftelte und schraubte auch in der Scheune seines neuen Anwesens in Ypsilanti, Michigan. Seine Mission diesmal, Ende der 30er Jahre, als sich der Krieg in Europa schon abzeichnete: einen sehr schnellen Panzerwagen auf die Räder zu stellen, das holländische Militär hatte bereits geordert. Der sah dann aus wie eine Trutzburg auf Rädern, fuhr tatsächlich 185 km/h, kam aber für Holland zu spät, weil das Land bereits von den Nazis besetzt war. Das US-Militär lehnte mit der originellen Begründung ab, der Panzerwagen wäre zu schnell, aber immerhin der Geschützturm wurde von etlichen Rüstungsbetrieben nachgebaut. Da sie dabei Tuckers Patentrechte verletzten, musste der mühsam um sein Geld prozessieren.

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Man merkt spätestens hier, dass Tucker seine Ideen selten schnurstracks ins Ziel brachte. Das hinderte ihn allerdings nicht, seinen üppigsten Traum anzupacken: Das revolutionärste Auto der USA. Werbe­slogan: Heute das Auto für morgen. Tuckers Automobil war in den frühen Nachkriegsjahren die radikale Antithese zur banalen Massenware von Ford, Chrysler und ­General Motors: futuristisch, aerodynamisch und flach, Scheinwerfer auf mitlenkenden Kotflügeln, Lenkrad in der Mitte, Sicherheitsfeatures wie Scheibenbremsen, gepolstertes Armaturenbrett, Sicherheitsgurte, bei Unfällen herausfallende Frontscheibe. Ebenso neu in den USA war der Heckmotor, hier ein Sechszylinder-Alu-Boxer mit 9,7 l Hubraum, hydraulisch betätigten Ventilen und 150 PS bei 1500 U/min. Von der geringen Drehzahl versprach sich Tucker 7,5 l Verbrauch auf 100 km, die Kraft sollte getriebelos über hydraulische Wandler direkt an die Räder finden. Tucker heuerte begabte Ingenieure an, den Motor sollten Mitarbeiter des verstorbenen Harry Miller ent­wickeln, das Design kam von Alex Tremulis, davor schon bei Cord, ­Auburn und Duesenberg unsterblich geworden. Tremulis bekam sechs Tage, um das Design zu vollenden, 1947 schaltete Tucker Inserate mit dem Entwurf und ­postulierte: „So haben 15 Jahre Test das Auto des Jahres geformt.“ Gemeinsam mit einem sensationell niedrigen Preis von 2450 Dollar und dem Charme des Autoverkäufers überredete Tucker potenzielle Interessenten zu Anzahlungen für ein Auto, das lediglich in seiner Fantasie und auf ­wenigen Skizzen existierte. 50.000 Neugierige und 1800 Händler zahlten 25 Mil­lionen Dollar ein.

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Mit Hilfe der Regierung konnte Tucker auch die größte Fabrikshalle der Welt mieten, 1,92 km2 groß. Dann kam er unter Zugzwang, in zwei Monaten sollte ein herzeigbarer Prototyp fertig sein, die Fertigung wurde zur Katastrophe: Ein altes Oldsmobile-Chassis wurde mit Blech beplankt, 300 kg Zinn glätteten die Fugen. Statt des 9,7-l-Boxers (die Gasfüllung in den riesigen Zylindern klappte nicht, ein ausreichend großer Starter war nicht zur Hand) kam ein Hubschraubermotor ins Heck (Tucker hatte den Hersteller kurzerhand gekauft), die mitlenkenden Kotflügel entfielen, der Fahrer wäre links gesessen, wäre das Auto gefahren. Die Premierengäste warteten stundenlang, waren dann aber ebenso begeistert wie die Journalisten. Weniger begeistert zeigte sich die Kon­kurrenz, die Preston Tucker fortan fleißig sabotierte: Die Übergabe der riesigen ­Fabrikshalle verzögerte sich, Tucker konnte auch zwei Stahllieferanten nicht so schnell kaufen wie erhofft, in einem offenen Brief ließ er am 15. Juni 1948 den „Big Three“ diffuse Drohungen zukommen.

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Obendrein begann dann auch noch die Wirtschaftskontrollbehörde SEC, Tuckers Finanzierungsmodell zu zerpflücken, vor weiteren Investitionen in seine Firma wurde gewarnt, damit waren alle revolutionären Ideen endgültig an banalen Barrieren zerschellt: Nach 50 handgefertigten Tucker Torpedo und einem Prototyp war Schluss, zweitausend Arbeiter waren ohne Job. Der Prozess gegen Preston Tucker zog sich von Oktober 1949 bis Jänner 1950, am Ende wurde er in allen 31 Anklagepunkten freigesprochen. Ohne Fabrik und mit gegen ihn prozessierenden Händlern nahm ­Tucker einen letzten Anlauf, aber der für Brasilien angedachte Sportwagen kam übers Planungsstadium nicht hinaus.

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Der an Lungenkrebs erkrankte Preston Tucker starb 1956 an einer Lungenentzündung, sein Leben wurde 1988 von Francis Ford Coppola mit Jeff Bridges in der Hauptrolle verfilmt. Da Coppola und Produzent George Lucas praktizierende ­Tucker-Torpedo-Fans sind, geriet der Film so überzuckert, wie die Realität nie war.

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Gut war das Leben nur zu den 51 ge­fertigten Tucker Torpedo: 48 davon haben überlebt, und wer heute einen sucht, sollte eine siebenstellige Summe bereit­halten.n

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