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Testbericht: Porsche Panamera Turbo

Ein Vermächtnis zum Abschied, oder: der beste Porsche aller Zeiten, oder: sowieso überhaupt kein Porsche. Sieben Schritte ums Auto herum.

01.10.2009 Autorevue Magazin

Der Panamera ist ein richtiger Porsche.

Walter Röhrl sagt das. Er hat sich den Panamera Turbo auf der Nürburgring-Nordschleife zur Brust genommen, und einen 911 Turbo zum Vergleich noch dazu. Das Ergebnis ging bezüglich des Panamera befriedigend aus, der Ausdruck „echter Sportwagen“ fiel. Das Auto, so Röhrl weiter, wäre außerdem „dodelsicher“, womit er meint, es besitzt genug fahrwerksseitige Souveränität, um auch unvernünftige Späße mitzumachen. Das alles stimmt natürlich. Der Achtzylinder-Turbo bricht einem beim Anfetzen fast das Genick. Es gibt zur Steigerung der Lust die Launch Control (1.300 Euro): Im Stillstand gleichzeitig bremsen und Gas geben, bei 5000 Umdrehungen die Bremse loslassen und das Lenkrad gut festhalten, denn jetzt geschieht ein Katapultstart.

Klickt man das Fahrwerk auf „Sport Plus“, fährt man quasi Kart. Wunderbar exakt ist die Lenkung, sehr akkurat und trotzdem nicht lästig sind die Berichte des Fahrwerks von der Straße.

Der Panamera ist kein richtiger Porsche.

Und zwar in dem Sinn, dass er einfach zu groß und zu salonhaft innen ist. Man nimmt Platz und befindet sich in der Welt der limousinigen Luxuriösität. Fette Stilmöbel, hübschgemaserte Holztapeten (und, zugegeben, ein bissl viel Plastik applikationen), Odeur von ganz oben angekommen, und nicht nur übers Vehikel Geld. So ist kein Porsche, außer der Cayenne, aber das ist ja auch kein Porsche. Und auch zum Cayenne besteht ein Unterschied, der wiederum diesen mit den anderen Porsches sehr wohl verbindet: Kein Einidrahra wird je Panamera fahren.

Außerdem ist der Panamera kein richtiger Porsche, weil er zu schwer ist. Man merkt die Masse, die man bewegt, zwar kaum, aber man vergisst sie auch nicht.

Der Panamera ist wirklich groß.

Hinten herrscht Beinfreiheit wie in der Businessclass, sogar die beiden Fondsitze sind individuell einstellbar (2.234 Euro extra). Und dahinter verbirgt sich ein Kofferraum mit 445 Litern Inhalt, der sich auf 1263 Liter erhöht, wenn man die Rücksitzlehnen (getrennt) umlegt. Sie haben richtig gelesen. Allerdings muss man vorher die Stange wegkriegen, welche das Rollo trägt. Und das ist erheblich schwerer, als es die beiden harmlosen Sätze in der Gebrauchsanweisung vermuten lassen. Es gibt übrigens ein Gerücht, warum der Panamera auch großgewachsenen Menschen passt: Wendelin Wiedeking misst 1,93 Meter, und er wollte sich in seinem Dienstwagen Nummer 1 nicht einschränken müssen. Mit der verbleibenden Hälfte seiner Abfertigung kann sich Wiedeking nun 156 Panamera Turbo kaufen. Dienstwagen hat er trotzdem keinen mehr.

Der Panamera ist praktisch.

Das Allerpraktischste ist: Es gibt kein zentrales Bediensystem à la iDrive. Ein Haufen Knopferl ist immer noch das Beste, man wählt den, den man braucht, drückt ihn, und die Sache hat sich. Zum Beispiel kann man mit einem Knopf das Auto um zwei Zentimeter anheben. Mit einem anderen lässt sich ein Sonnenrollo im Heck hochziehen. Und mit einem dritten, allerdings ist der im Kofferraum, kann die „Elektrisch ausklappbare Anhängevorrichtung“ ausgeklappt werden (man hat ja Rennpferde), ausgefahren wäre das passendere Wort. Eine Show, die man nicht versäumen sollte. Kostet allerdings 1.393 Euro extra.

Der Panamera ist doch nicht immer praktisch.

Zum Beispiel beim Zurückfahren. Der Blick, der durchs Heckfenster geworfen wird, trifft 40 Meter hinter dem Auto auf den Boden. Das ist für enge Wegerln, in denen man zurückstoßen muss, zu weit. Aber es gibt wie immer Abhilfe: kostet 1.343 Euro und ist eine Rückfahrkamera. Unpraktisch ist auch der etwas enge Zustieg zu den Fondplätzen. Und dass es nur zwei davon gibt: Porsche sagt, optimaler Sitzkomfort in sportlichen Autos geht nur in Einzelsitzen. Das ist natürlich auch wieder wahr.

Und dann noch die Schaltpaddles, die keine sind, sondern nur so komische, eigentlich unbedienbare Drucktasten am Lenkrad. So nicht! Wie aber anders? Ganz drauf verzichten. Der Automatikmodus ist weltklasse und alles andere sowieso würdelos.

Der Panamera ist eine wahre Stilikone.

Und zwar unter anderem, weil er hinten an den 928 erinnert, welcher ebenfalls eine solche war bzw. ist. Aus dem langen Vorderwagen ragt fast zu steil die Windschutzscheibe hoch. Das Heck ist viel zu dominant und schwer, das Wort Kolatsche wurde in diesem Zusammenhang schon gehört. Es gibt zu viele Sicken, Kanten, Wellen und Gräben in der Karosserie. Und aus diesen kleinen oder größeren Schönheitsflecken setzt sich ein Gesamtkunstwerk von allergrößter Schlüssigkeit und Spannung zusammen. Man sehe sich nur einmal einen Maserati Quattroporte daneben an, und sofort schlafen einem die Füße ein: Das passiert, wenn Leute Autos machen, die besser Ruderboote am Wiener Heustadelwasser vermieten sollten.

Der Panamera ist das Produkt einer arroganten, rücksichtslosen Kultur.

Er wurde in Auftrag gegeben, geplant und gebaut von Menschen, die glaubten, die Welt erobern zu können, und die vor Hybris schier platzten (und dabei auch tatsächlich immer fetter wurden). Man sieht dem Auto das durchaus an. Es ist gleichzeitig hungrig und satt, wie ein hamsterbackiger Investmentbanker. Ein Glück für Porsche, dass die Menschheit aus der Wirtschaftskrise punktgenau nichts lernen wird. Autos, die eine arrogante Kultur verkörpern, wird man weiterhin brauchen und mögen.

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  • Valentinix77

    Wie bitte schön ist das denn gemeint:

    "Man sehe sich nur einmal einen Maserati Quattroporte daneben an, und sofort schlafen einem die Füße ein: Das passiert, wenn Leute Autos machen, die besser Ruderboote am Wiener Heustadelwasser vermieten sollten"

    Ich kann diesen Kommentar nicht einmal im Ansatz verstehen und empfinde ihn als extrem unpassend und unangebracht. Der Quattroporte ist bereits seit vielen Jahren auf dem Markt und hatte nur ein leichtes Facelift! Er war bei seinem Erscheinen eine Stil-Ikone und zählt auch heute noch zu den schönsten und stilvollsten Limousinen! Dass eine Neuvorstellung gut aussieht, sollte man annehmen können – zumal in dieser Liga und zu diesem Preis!

    Abgesehen davon müssen sich italienische Autodesigner nicht ausgerechnet von Porsche etwas lernen lassen. Wenn das so wäre, dann würde der Ferrari 458 Italia wohl wie ein Ferrari Testarossa mit LED-Rücklichtern aussehen…

    Von diesem Ausrutscher abgesehen, ist es aber ein guter Bericht von einem super Auto!

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