Porsche Boxster S
Ich bin ein beschissener Beifahrer.
 

Mein Gott, Walter

Auf den Spuren “des Langen” durch Südfrankreich.

15.03.2012 User

Porsche hatte mich eingeladen den neuen Boxster auf den Straßen rund um St. Tropez und Nizza, bis hoch in die Seealpen zu fahren. Weil das anscheinend noch nicht genug Aufregung versprach, wandelten wir zusätzlich auf den Spuren “des Langen” über Teilstücke der legendären Rallye Monte Carlo. (“Der Lange” – das ist der 4-fache Rallye Monte Carlo Gewinner Walter Röhrl)

Es ist kurz nach acht Uhr an einem Samstagmorgen und zusammen mit meiner Co-Pilotin Nicole Männl breche ich auf. In Sichtweite des Hotels glitzert das azurblaue Mittelmeer mit den in Reih und Glied aufgestellten Boxster Testfahrzeugen um die Wette. Doch wen interessieren schon Meer, Strand und mondänes Küstenleben wenn man den Schlüssel zu 315 PS Glückseeligkeit in die Hände gedrückt bekommt?

Bereits am Vorabend hatten die vielen hilfreichen, charmanten und bildhübschen Mitarbeiterinnen der Porsche Eventbetreuung die Verteilung und Reservierung der verschiedenen Boxster-Modelle auf die anwesenden Journalisten begonnen. Ich war schnell genug um meine Traumfarbe – ein tiefes Braunmetallic – in Verbindung mit einem S-Modell und dem PDK Doppelkupplungstriebe reservieren zu können. Volltreffer. Was sollte da noch schief gehen?

In Anbetracht der Tatsache, dass der Vorabend lang – die Nacht kurz, der Kopf schwer und Nicole das erste Teilstück fuhr – lief eigentlich alles glatt. Nochmal: Was also sollte schief gehen? Ich bin ein beschissener Beifahrer.

Während ich noch meine Zuversicht zusammenpackte und meinen ganzen Mut für den Beifahrerplatz neben Nicole, packte Nicole bereits das Dach an den einzigen richtigen Ort: Hinter die Sitze. Der Himmel oberhalb des Zuffenhausener Roadsters wuchs in eine grenzenlose Weite – zerissen vom garstigen aufbellen des 3.5 Liter Boxers als Nicole den Zündschlüssel drehte.

Schalthebel auf D und ich war, noch in Sichtweite des Hotels – bereits paralysiert von der Dramatik der Schaltwechsel in Verbindung mit dem doch eigentlich so profanen Vorganges der Expansion von Luft-Gasgemisch.

Der Himmel versprach 25 Grad und Sonne pur, der von uns zerschnittene Fahrtwind jedoch versprach einen arktischen Frühling. Morgends um halb neun in Südfrankreich war mir schon klar, am nächsten Tag werde ich einen Schnupfen und einen Sonnenbrand haben. Wie geil. Geil. Geil. Geil. Die ersten dreißig Kilometer bestand meine Artikulation im Prinzip nur aus wenigen Buchstaben, dafür umso mehr aus freudigem Gejuchze.

Angestachelt von meiner emotional vorgetragenen Begeisterung über die passive Teilnahme an der in Perfektion vorgetragenen Symbiose aus Kraftentfaltung, Klangkulisse und Kurvenhatz lies es Nicole ordentlich krachen.

Nachdem die ersten Kurven bereits für eine Interaktion aus irritiertem Kleinhirn und Gleichgewichtsorgan für leichte Übelkeit gesorgt hatten, kam zum Glück rechtzeitig bevor der Magen sich der Situation ergeben konnte, der erste Punkt zur Übergabe des Lenkrades.

Meine Figur ist, anders als der Porsche Boxster, nicht besonders Gewichtsoptimiert und doch hat mich das Cockpit der kleinen Porsche Baureihe mit einem perfektem Umfeld empfangen. Sich hinter das Lenkrad eines Porsche zu setzen ist ein Gefühl wie: „Nach Hause zu kommen”. Es ist vergleichbar mit der Erleichterung nach vier Wochen Campingurlaub wieder im eigenen Bett zu schlafen. Es passt. Die Einstellung von Sitz und Lenkrad führt zu einer perfekten Vereinigung von Fahrer und Fahrzeug.

Der Motor lief, Bremse treten, PDK auf D und sensibel das Gleichgewichtsorgan darauf einstimmen, das wir nun die Kontrolle über Quer- und Längsdynamik übernehmen. Es dauerte etwa 315 Meter bis im Mittelohr das erste Mal der Wunsch nach dramatischer Gangartverschärfung aufkam.

315 PS im zweiten Gang aus einer Spitzkehre. Der 6 Zylinder Boxermotor brüllte in seiner energischsten Form gegen die Steilhänge der Seealpen – die Hinterachse bekam bis in den vierten Gang und 7.200 Umdrehungen (knapp 180) ordentlich Drehmoment durchgereicht und jenseits aller fahrdynamischen Widerstände flog ein Braunmetallic farbener Boxster auf die nächste Kehre zu.

Die aufgestellten Härchen der Oberarme zitterten noch im Takt des zuckenden Zwerchfells, als im Auge bereits der Befehl an das Hirn zur dramatischen Einleitung eines heftigen Bremsmanövers ausgerufen wurde. Porschebremsen.

Das Armageddon der oberen Asphaltschicht, die Endzeitsimulation für das montierte Reifengummi. Ein perfekt abgestimmtes ABS System der neuesten Generation, der Grip der ordentlich durchgewärmten Pirelli P Zero und die dreckigen Zwischengas-Salven des Motors während das PDK die passenden Gänge für den nächsten Befehl zum angasen wählt. Selten habe ich Fahrfreude und Perfektion in der Abstimmung zwischen Mensch, Auto und Straße erlebt – wie in diesem Moment.

Viel zu schnell verfliegt Kilometer um Kilometer, vergeht Sekunde um Sekunde – der nächste Fahrerwechsel wartet, dabei will ich doch nur noch fahren. Angekommen auf dem höchsten Punkt unserer Tour wechselten Nicole und ich wieder das Lenkrad. Zeit für einen Check der Verbrauchswerte.

Porsche gibt für den neuen Boxster einen Durchschnitt im NEFZ von acht Liter auf 100 km an (PDK-Version) – unsere kleine Ausfahrt soll ein wenig über 26 Liter auf 100km verbraucht haben. Angekommen in der Zwischenstation für die Mittagspause, nach 180 Kilometern Seealpen, war der Spritvorrat doch tatsächlich beängstigend reduziert. Ohne erneutes auftanken hätten wir die nächsten neunzig Kilometer vermutlich nicht mehr geschafft.

1.2 g zeigte der Bordcomputer für die maximale Querbeschleunigung an – natürlich auf abgesperrter Strecke und ohne das hierbei ein Porsche zu Schade gekommen wäre. (Nicht bei uns.)

Unsere Tour hat uns von Gassin (in der Nachbarschaft zu St. Tropez) auf legendären Sträßchen bis hinauf auf knapp tausend Meter geführt. Was auch immer man sich früher dabei gedacht hat, dort Rallyes zu veranstalten – die müssen total durchgeknallt gewesen sein.

Und hier kommt nun endlich Walter Röhrl ins Spiel. Am Vorabend hat uns dieser Mann, der vier mal diese Straßen und seine Konkurrenten im Rallye-Einsatz besiegt hat, vor den Kurven, den blinden Flecken, den feuchten Stellen im Bergschatten und vor zuviel Mut in Verbindung mit zuwenig Vorsicht gewarnt. Wörtlich sagte er, wir sollten: “Vernunft walten lassen”

Und ja, auch wenn ich nach diesen Eindrücken eine neue Religion erfunden habe, mit Walter Röhrl als Gottheit, wir waren vernünftig. Fast. Ich verspreche beim nächsten Mal sind wir noch vernünftiger…

Was nehme ich von diesem Trip nach Frankreich mit nach Hause?

Eventuell das meine früheren Frotzeleien über den “Hausfrauen-Porsche” ebensowenig angebracht waren, wie meine anfängliche Skepsis gegenüber der Zusammenarbeit zwischen Porsche Presse und Onlinemedien? Vor allem aber nehme ich mit, dass der neue Boxster ein verdammt geiles Stück Auto – ein faszinierender Sportwagen, ein extrem wertiger Roadster und eine Benchmark für die Mitbewerber geworden ist.

Ein Blog von Björn Habegger, von dem es hier mehr zu lesen gibt.

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