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Porsche 911 GT3 RS

Wozu denn ein GT3 RS? Diese Frage darf man sich durchaus stellen.

20.08.2015 radical mag

Weil wir nicht an die Präsentation des schärfsten Saug-Elfers konnten, waren wir mit dem Teil nicht auf der Rennstrecke. Und auf der öffentlichen Straße macht das Auto einfach keinen Sinn, oder? Stimmt, Sinn macht das nicht. Also wozu denn 500 PS aus einem Vierliter-Boxer? Wozu ein Pit-Speed-Limiter? Wozu der mächtige Heckflügel? Wozu 21-Zöller an der Hinterachse (da machen wir uns später noch etwas mehr Gedanken)? Wozu? Wozu? Wozu? Die Antwort ist ganz einfach: weil es geil ist! Der RS ist nur etwas, sauschnell. Alles andere interessiert ihn nicht.

Und wir verfluchen alle Straßenplaner. Wozu diese öden Geraden zwischen zwei Kurven. Was soll das? Klar ist es wunderbar, wenn der Sechszylinder unter infernalischem Brüllen die 8000er-Marke so locker knackt wie der Papst sein Urbi et Orbi runterlallt. Aber wir wollen nur eines:

Kurven: Und noch mehr Kurven.

Und wenn’s keine Kurven mehr hat? Dann fahren wir halt verdammt nochmal auf dem Parkplatz im Kreis. Bergab voll in die Eisen steigen, auf der Bremse einlenken, rumziehen und wieder hart ans Gas. Das macht so ein GT3 RS als hätte es seine Urahnen nie gegeben. Kein Zucken, keine Hinterlist, manchmal wollten wir aussteigen und nachsehen ob der Motor wirklich im Heck montiert ist. Und dann dieser mechanische Grip. Hat man die Michelin-Walzen mal auf Temperatur (und wenn’s mal grad nicht regnet) scheint die Querbeschleunigung nie zu enden. Wäre ich Märtyrer, behaltet die 72 Jungfrauen! Stellt mit einen GT3 RS hin! Ja, ich werde emotional, wie immer bei einem echten Porsche (also 911, Cayman oder Boxster). Und ja, auch mir ist klar, dass man auf der Straße nie ans Limit dieses Wagens kommt. Aber der Weg dorthin ist das Ziel. Wie sagt mein Scheff? Erst geht dir das Talent aus, dann der Mut, dann die Straße und erst danach enden die Fähigkeiten dieses Sportwagens. Stimmt.

Knarrender Holzfußboden

Dieses Scharren der Hinterachssperre. Es begleitet dich immer, überall. Manchmal leise, mehr knurrend. Dann auch mal lauter, fordernd. Man scheint zu hören: gib endlich Gas, Alter. Die Lamellen stehen stramm, wir können. Meist klingt es aber so, wie wenn man spätnachts über den knarrenden Holzfußboden ins Bett schleichen will. Es hat etwas Verbotenes, Aufregendes. Klasse. Die Sitze? Was sollen wir dazu sagen? Es gibt vielleicht bessere Sitze, sicher gibt es bequemere. Aber sie passen zu dem Auto. Und vor allem: Sie halten den Fahrer fest. Und die Gurte erfüllen auch ihren Zweck. Denn die Bremsen sind brachial. Obwohl nicht die optionalen Keramik-Komposit-Stopper montiert waren. Die Stahlscheiben reichen. Die sind sogar so gut, dass unsere Freunde von der größten Schweizer Boulevardzeitung geschrieben haben, der Testwagen hätte die edlen Kermaikteile montiert…

27 Jahre mache ich nun nichts anderes. Motorräder und Autos auf den Zahn zu fühlen. Und immer wieder gibt es Wagen, die mich überraschen. Auch der RS ist so ein Teil. Denn wir müssen ja die Testautos auch holen und Zurückbringen. Also langweilige Autobahnkilometer abspulen. Und selbst dort macht sich der GT3 mit großem Heckflügel gut. So lange es nicht über Betonpisten geht, federt und dämpft der Porsche hochanständig. So etwas war noch vor 15 Jahren völlig undenkbar. Ein rennstreckentaugliches Auto, dass dir auf schlechten Straßen nicht die Bandscheiben komprimiert bis du nur noch eines willst: Aussteigen. Einzig wenn die Straßen wirklich schlecht werden, dann geht dem RS der Federweg aus. Dann hüpft und bockt er wie ein Mustang – also ein Vierbeiniger – beim Zureiten.

Und ja, wir haben auch einige Punkte gefunden, die uns nicht so gefallen haben. Die 21-Zoll-Hinterräder zum Beispiel. Hier haben die Marketing-Gurus die Techniker wohl in einer basisdemokratischen Abstimmung übertrumpft. Die Räder in diesem Format machen einfach keinen Sinn. Sind nur schwerer als 19- oder 20-Zöller. Oder das ganze Entertainment-Zeugs. Wozu brauche ich ein Soundsystem in einem RS? Keine Ahnung, wer beim Fahren lieber Radio hören will soll sich einen Prius zulegen. Und ja, dieser Heckspoiler. Mächtig das Teil, auf der Rennstrecke sicher sinnvoll. Auf der Straße hingegen meist nur im Weg. Zudem: Um in den Geschwindigkeitsbereich zu gelangen, in welchem das mächtige Brett auch einen Nutzen bringt ist nicht einfach. Am besten fährt man vor dem Versuch auf Polizeirevier und gibt den Lappen schon mal präventiv ab.

Ein Wort zum Getriebe

Den GT3 RS gibt es nur mit dem richtig guten Doppelkupplungsgetriebe PDK. Und ja, ich mag das System. Aber irgendwie fehlen mir die guten alten Handschalter immer mehr. Nicht, dass ich besser oder schneller Schalten könnte als ein PDK. Keine Chance. Aber ich möchte Schalten. Das Fahrgefühl ist so emotional, dass man auch das emotionale Erlebnis des selber Schaltens haben möchte. Schade.

Womit wir wieder bei der Frage wären: wozu? Wozu soll man sich einen GT3 RS und nicht viel Geld sparen und sich einen normalen GT3 kaufen? Die Frage ist einfach zu beantworten: damit man auch bei der Anfahrt zur Rennstrecke schon sehr, sehr viel Spaß hat. Denn eigentlich gehört der RS nur auf die Piste. Was natürlich auch ein Problem mit sich bringt: nach der Rennstreckenhatz wird die Heimfahrt – trotz des tollen Autos – langweilig.

Technisches

Und weil das Teil ja technisch so interessant ist, hier noch die wichtigsten Eigenschaft des GT3 RS: Vollaluminium-Sechszylinder-Boxermotor, 3996 cm3, Verdichtung 12,9:1, 500 PS bei 8250/min, max. Drehmoment 460 bei 6250/min, Drehzahllimit 8800/min, Doppelkupplungsgetriebe mit sieben Gängen, Launch Control, Bremsen vorne Sechskolbenzangen mit 38 cm Scheiben (Stahl), hinten Vierkolbenzangen mit 38 cm Scheiben (Stahl), Leergewicht (DIN) 1420 kg, Reifen vorne 265/35 R 20, hinten 325/30 R 21, 0-100 km/h in 3,3 Sekunden, 0-160 km/h in 7,1 Sekunden,0-200 km/h in 10,9 Sekunden, Topspeed 310 km/h. Verbrauch (kombiniert) 12,7 Liter pro 100 Kilometer, Preis ab 235.440,67 Euro.

Ein Frage bleibt

Wir haben keinerlei Messwerte, haben den Topspeed auf der Autobahn im Nachbarland nicht ausgelotet. Und ja, während des Kurztests hat’s öfters geregnet. Bei Nässe macht GT3 RS nur mäßig Spaß. Aber wir waren trotzdem fasziniert. Und dennoch gibts ein großes, sehr großes ABER! Ist das noch ein Porsche? Wenn sogar völlig talentfreie Hobbyrennfahrer mit dem Teil zurechtkommen?

Ein Porsche 911 fast ohne jegliche Hinterlist? Ist das das Ziel? Wenn ja, ist das Ziel erreicht. Aber wir fragen uns auch, ob so ein Elfer damit nicht auch austauschbar wird. Wir wollen einen Porsche bändigen. Aber, wir sind halt auch Ewiggestrige.

Besten Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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