Piëch tritt zurück

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch beendet den Machtkampf mit Martin Winterkorn mit seinem Rücktritt.

25.04.2015 APA

Seine letzte Schlacht hat Ferdinand Piëch verloren: Zwei Jahre bevor sein Vertrag als Aufsichtsratschef von Volkswagen ausgelaufen wäre, schmeißt der 78-jährige Patriarch des Wolfsburger Weltkonzerns hin. Auslöser für den Rückzug ist der von ihm selbst angezettelte Machtkampf mit VW-Chef Martin Winterkorn. Mit Nachdruck hatte Piëch versucht, sein Erbe zu regeln.
Aber damit, dass darin kein Platz mehr für Winterkorn sein sollte, isolierte er sich selbst. Außer seinem Bruder schloss sich niemand der Attacke an. Am Samstag erklärte der Aufsichtsratschef mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt.

Piëch wollte zwei Techniker an die Spitze bringen

Gegenüber dem „Spiegel“ hatte Piëch Mitte April mit wenigen Sätzen eine Skizze entworfen, wie er sich die Zukunft von Volkswagen vorstellte: „Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen“, sagte er. Beide Spitzenpositionen sollten von einem Techniker besetzt werden – die namentlich von ihm nicht genannten Kandidaten seien bereits im Unternehmen. Es seien aber keine Familienmitglieder – auch nicht seine Frau Ursula als künftige Aufsichtsratschefin, wie vielfach spekuliert wurde. Auch sie erklärte am Samstag ihren Rücktritt aus dem Gremium.

Winterkorn ist angeschlagen, bekommt aber weiter Unterstützung

Piëch hatte seine Pläne mit der Selbstverständlichkeit des Patriarchen erläutert, dem sich alle unterwerfen. Dass er plötzlich seinen langjährigen Vertrauten Winterkorn nicht mehr zu den Richtigen zählte, sorgte für große Aufregung. Vor allem sein Satz „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ saß. Damit sei Winterkorn quasi gestürzt, mutmaßten in der Branche viele. Auch Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder hatte Piëch mit wenigen, zielsicheren Sätzen 2006 demontiert.

Allerdings wollte sich Winterkorn nicht aus dem Weg räumen lassen, und auch im Konzern hatte Winterkorn Unterstützung. Dagegen wurde die Luft um Piëch dünn. Die niedersächsische Landesregierung, die in dem mehrheitlich im Besitz der Familien Piëch und Porsche liegenden Konzern als Großaktionär ein entscheidendes Wort mitredet, hatte sich in Person von Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies (beide SPD) unmissverständlich auf Winterkorns Seite geschlagen. Auch die Familie Porsche schloss sich nicht dem Angriff auf den Vorstandschef an.

Die Hintergründe der Streitdebatte sind noch unklar

Derweil herrschte Rätselraten darüber, was den am 17. April 1937 in Wien geborenen Österreicher geritten hatte. Ging es trotz der unter Winterkorn deutlich von 6,2 Millionen auf über 10 Millionen Fahrzeuge gesteigerten Verkaufszahlen und dem auf 202 Milliarden Euro in der Winterkorn-Zeit fast verdoppelten Umsatz ums Geschäft? Piëchs jüngerer Bruder Hans Michel, der ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt, klagte im „Spiegel“ über die anhaltenden Probleme im US-Geschäft, eine zu geringe Rendite der Marke VW und der fehlenden Entscheidung über den Einstieg ins Billigsegment.

Oder ging es doch um eine Machtfrage der Alphatiere – hier der alternde Patriarch, dort der selbstbewusste Konzernchef? In der Vergangenheit hatte Piëch stets mit eigenen Erfolgen seine Autorität gesichert. Er war es, der in seiner Zeit als Vorstandschef bis 2002 VW zum Multimarken-Konzern formte. Unter dem Dach von Volkswagen sind Marken wie VW, Audi, Seat, Bugatti, Lamborghini und Porsche vereint, dazu kommen MAN oder Scania.

„Totgesagte leben länger“

Piëch weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell es im Autogeschäft auf- und wieder abwärtsgehen kann. Nach Erfolgen bei Audi kam er 1993 in der schwersten Krise von VW als Retter nach Wolfsburg, seit 2002 führt er den Aufsichtsrat. Lange war er selbst wegen seiner Meriten unumstritten. Als vor eineinhalb Jahren über seinen vorzeitigen Abgang aus gesundheitlichen Gründen spekuliert wurde, spottete er: „Totgesagte leben länger“. Diesen Satz kann nun Winterkorn für sich verbuchen.

Von Ralf Isermann/AFP

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  • hellipirelli

    Mir war F. Piech nie recht sympathisch, weil er immer über Leichen ging. Das dürfte dem „Fugen-Ferdl“ jedoch ziemlich egal sein. Euer früheres Redaktionsmitglied Indra könnte euch darüber mehr erzählen. Nachdem Indra den sagenhaft guten Langpleuelmotor für Audi/VW entwickelt hatte, wurde er von Piech bei Audi hinauskomplementiert/abgeschossen.
    Die Story um den Chefeinkäufer José Ignacio Lopéz samt seinen GM-Interna 1993 sucht auch noch immer ihresgleichen in der Automobilindustrie.
    Nie vergessen werde ich, wie sein Cousin Wolfgang Porsche nach der Übernahme von Porsche durch VW auf offener Bühne in Stuttgart die Tränen nicht zurückhalten konnte.
    Als Peugeot und Lancia dem Frontmotor Audi Quattro („Vorsprung durch Technik“) mit ihren Mittelmotorwagen in der Gruppe B um die Ohren zu fahren begannen, log er Journalisten an, indem er sagte, dass ein Mittelmotorwagen nicht von Audi kommen werde, weil das Audi-Konzept so gut sei. Dabei lief zu dieser Zeit schon mindestens ein Mittelmotor-Prototyp. (Das Verbot der Gruppe B verhinderte jedoch, dass dieser es bis zur Wettbewerbsreife schaffte.)
    Auch der technische Overkill mit dem Porsche 917 (12 Zylinder Doppelturbo mit Mittelabtrieb, 1100 PS), mit dem er gegen die „US-Bastler“ 1973 in der CanAm antrat und solcherart diese Serie nachgerade in die Absurdität abgleiten ließ, war mir wenig sympathisch und so gar nicht „Porsche-like“.
    Im übrigen glaube ich, dass der Machtwechsel bei VW noch nicht über die Bühne ist. Was ist, wenn sich der Piech-Ast der Familie sein Aktienpaket zum Großteil zum Verkauf anbietet? Vertraglich wäre den übrigen Familienmitgliedern eine Option eingeräumt. Werden die das aber stemmen können?
    Außerdem hatte der Techniker Piech auch seine Flops: zum Beispiel den Pumpe-Düse – Irrweg, der a) aus dem Diesel einen rechten Nagelhuber machte und b) ab Euro 4 keine adäquaten Rohgaswerte mehr darzustellen imstande war.
    Der von ihm mit aller Gewalt gepushte aufgeblasene Passat namens Phaeton floppte in den USA und in Europa. China und etlichen Chromapplikationen sei Dank geistert er wenigstens noch in China herum…
    Der Audi A2 war sicher ein gutes Auto, kam aber zur falschen Zeit.
    Aber das alles darf in der Autorevue nicht geschrieben werden, schließlich waren unter dem Piech-Biographen, Haus- und Hofberichterstatter und Chefredakteur Völker Audis und VWs immer nur Wunderwerke.
    By the way: Indras Artikel waren immer die weitaus besten und informativsten: Warum liest man von ihm kaum mehr etwas in eurem Blatt?

    • aral

      pssst.
      nicht kritisch sein und keine interna ausplaudern.

      das mag man eben nicht.
      trotzdem danke für den beitrag. war interessant zu lesen.

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