Passion der Helden

Von einem David, der Goliath besiegte, einem, der auszog ein Auto zu kaufen und mit einer ganzen Marke zurückkam, und von James Dean.

29.12.2010 Online Redaktion

Alles fiel von ihm ab. Alles. Sein nervös umherstreifender Blick wurde zum Siegesstrahlen, die feuchten Hände trockneten, der ganze Körper entfaltete sich neu, befreit von der tonnenschweren Last der letzten Monate. Roland Kiesswetter erlebte Ende der 1990er einen dieser seltenen Momente, in denen dein Leben vor einem Scheideweg steht. Innerhalb einer Sekunde kann sich das Schicksal für oder gegen dich entscheiden, und sei es in Form eines Richters. Kiesswetter hat Recht bekommen.

Noch wenige Augenblicke zuvor war der Mann ein Wrack. Die Verve, die Passion, ja vielleicht sogar der Vogel, den Außenstehende gerne Aficionados unterstellen, alles dahin. Kurzum, diese Power, mit der er sich entschieden hatte, Chamonix 550 zu importieren, war weg. Zermahlen von den Mühlen der Justiz und dem scheinbar übermächtigen Gegner, der Rechtsabteilung von Porsche.

Warum nur will ein Mann einen Chamonix importieren? Die Marke ist 1986 selbst unter den ­akribischsten Auskennern völlig unbekannt. Das brasilianische Unternehmen bietet Repliken des berühmten Porsche 550 Spyder an. Jetzt klingelt was. James Byron Deans letzte Fahrt in dieser silbernen Schönheit. Diese Auto gewordene, perfekte Welle, die schon auf Bildern perlt wie ein Glas vom feinsten Champagner. Der Schauspieler bekam ­eines von insgesamt 75 Exemplaren. Bei seiner ­ersten Ausfahrt, die er nach dem Einfahren des ­Motors äußerst sportlich anging wie beinahe jede seiner Autofahrten, donnerte er über die California Route 466. Ein junger Mann namens Donald ­Turnupseed kam vom Highway 41 und wollte auf die Route 466 biegen, übersah aber Deans silbernen Blitz. Deans letzte Worte: „He’s gotta see us. He’s gotta stop.“ Eine Geschichte, eine Person und ein Auto, die in dieser Kombination zur Legende werden mussten.

Eine Legende, also der Porsche 550 Spyder, die heute unbezahlbar weil unverkäuflich ist. Wer es wenigstens probieren möchte, sollte mit nicht weniger als 800.000 Euro das Haus verlassen, sollte beten, dass ein Besitzer seinen Erben eins aus­wischen will und seinen Garagenschatz verkauft, sollte den Herrgott anflehen, er möge andere Mitbieter im Stau stecken lassen.

Dieses Auto also baut Chamonix nach. Falsch. Sie bauen die Form nach. Kein Motor, kein Getriebe, keine Instrumente. Und darauf kommt es an. Porsche klagte nämlich gegen Kiesswetter, weil man das Urheberrecht in Sachen Optik verletzt sah. Einfach die grazile Schönheit nachbauen? Das Eichmaß aller Porsche? So nicht.

Ärgerlich nur, zumindest für Porsche, dass die Karosserieform gar nicht von Porsche selbst stammt. Die hat der Autohändler und Rennfahrer Walter Glöckler Anfang der 1950er entworfen – wenn auch mit Unterstützung eines Porsche-Ingenieurs. Gebaut wurde die Form dann von der Firma Weidenhausen in Frankfurt am Main. Oder vereinfacht: Sollen die doch klagen, aber Porsche hat kein Recht dazu. Der Prozess verläuft im Sand. Ein Schuldspruch hätte Kiesswetter angeblich rund 500.000 Mark gekostet. Ein wahr gewordener Kindheitstraum, das Abenteuer Chamonix, wäre geplatzt. So weit die Geschichte vom Sieg Davids gegen Goliath (ohne Bestätigung seitens Porsche).

Jedenfalls importiert Kiesswetter seit rund zwanzig Jahren die Rohformen von Chamonix und baut sie zu kleinen Preziosen auf. Dem Porsche-Original täuschend ähnlich, eine Legende für den kleinen Mann sozusagen. Bis Kiesswetter irgendwann glaubt, alles erreicht, alles gesehen zu haben und einen Nachfolger finden zu müssen.

Porsche Chamonix 550 Spyder Michael Gehrke

Und damit sind wir im Hier und Jetzt. Bei der Firma Classic Cars in Reilingen bei Frankfurt. Bei Michael Gehrke. 2007 hatte er sich in den Porsche 550 Spyder verliebt. Wie das so ist. „Diese Form“, sagt er nur, und man versteht ihn. Es war Liebe auf den ersten Blick. Eine Faszination, die sich nicht in Worte fassen lässt und erst dadurch zu etwas Besonderem wird. Leisten kann er sich keinen, aber der Name Chamonix ist ihm ein Begriff. Replik.

Er kontaktiert Kiesswetter. Sie unterhalten sich erst Stunden. Dann Wochen. Dann Monate. Wie es eben so ist, wenn sich zwei Menschen mit der gleichen, tief verwurzelten Leidenschaft treffen. Gehrke ist mit damals 37 Jahren der mit Abstand jüngste Kunde, der sich je im deutschsprachigen Raum für einen dieser Nachbauten interessiert hat. Vielleicht redete er sich dann auch auf jugendlichen Leichtsinn raus, als er eines Abends seiner Lebensgefährtin beibringen musste, kein Auto, sondern einen Autoimport übernommen zu haben.

Gehrke, Grübchen in den Wangen, stahlblaue, wache Augen, dunkelblonde Haare umrahmt von Geheimratsecken, die ihm immer etwas Nachdenkliches verleihen, steht jetzt in einer Garage, die er sich mit der Firma Rolltec teilt. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Das beißt sich. Rolltec steht für Extrem-Tuning, Gehrke ist Importeur eines Klassikers. An einer Wand stehen ein Chamonix 550 Spyder und ein 356. Gegenüber ein Dragster-Käfer mit 400 PS und ein giftgrüner, zum Lowrider umgebauter Chevrolet Impala. Hier prallen Welten auf­einander. Man steckt die Rolltec-Jungs, auf deren Arbeit Gehrke setzt, sofort in die Schublade „Proleten-Tuner“. Und hat wahrscheinlich gar nicht so ­Unrecht. Aber dann ist da ja noch dieses Vorkriegs­modell, das, versteckt unter einem weißen Leinentuch, nichts von sich preisgibt außer den Holzfelgen. Erwischt, man hat die Schrauber unterschätzt. ­Gehrke erklärt, ­warum ausgerechnet sie seine Klassiker zusammenbauen: „Moderne Mechaniker sind nur noch Teile­tauscher. Du brauchst jemanden, der wirklich noch per Hand etwas reparieren kann.“

Chamonix produziert in Brasilien. Die Karosserie ist handgefertigt (kein Spritz-Gfk) und hat die gleichen Dimensionen wie der Ur-Porsche. Wer zur tschechischen Konkurrenz greift, muss mit einer billigeren Karosserie leben, wer den englischen Anbieter wählt, hat zu breite Kotflügel. Aus Brasilien kommt das qualitativ hochwertigste Angebot.

In Zahlen: 18.000 Euro pro Bausatz. Für eine Karosserie, einen Kabelbaum, Bremsleitungen, Sitze und den Grundträger für die Achse. Drei Stück passen in einen Frachtcontainer, die Einzelteile werden in eine Kiste gepackt und dazugestellt. Gehrkes heilige Mission ist es jetzt, ein Fahrzeug aufzubauen, das so nah wie möglich an das Original heranreicht. Dafür durchstreift er täglich eine Stunde das Internet. Auf der Suche nach 1200er und 1300er Vierzylinder-Boxermotoren aus dem Käfer. Die Wochenenden verbringt er auf Oldtimermärkten. Knöpfe, Schalthebel, Tacho­meter, Bremsanlagen, Pendelachsgetriebe, Rückspiegel, Scheinwerfer. Sein privater Keller ist ein Ersatzteilmuseum.

Porsche Chamonix 550 Spyder Michael Gehrke

Natürlich könnte er den 550 R importieren. Mit 300 PS aus einem 1,8-Liter-Reihenvierzylinder. Aber wer soll den fahren? Selbst Kunden, die gerne einen Typ4-Motor aus dem Porsche 914 eingebaut hätten (180 bis 200 PS) rät Gehrke ab. Das Auto wiegt 600 Kilogramm. Hat weder ESP, ABS noch Airbags oder Servolenkung. Dafür aber einen Mittelmotor und 65 Prozent des Gesamtgewichts auf der Hinterachse. Freiwillige vor. Wo bliebe da ­außerdem der Glanz vergangener Tage? Der lässt sich nicht auf die Karosserie reduzieren. Etwas mehr Old School bitte.

Heckscheinwerfer: 700 Euro. Schwer sanierungsbedürftige, aber passende Felge: 200 Euro. Eine, nicht vier. Der Spyder hat den Mythos ­„Carrera“ begründet. Wer will, kann sich passende Bremstrommeln einbauen lassen. Die kommen um 8.000 Euro pro Stück. Letzteres ist aber schon ein Extrembeispiel. In Summe und im Schnitt kostet ein fertiger Chamonix 550 drei Monate Arbeit und 40.000 Euro. Die Kunden sind klar definiert. Männlich, ab Mitte vierzig, gehobener Job.

Drei Dinge muss man wissen. Erstens: Beim Käfer, also dem Organspender für die wichtigsten Teile, liegt das Getriebe zwischen Motor und Fahrer. Beim Spyder läuft es anders herum. Zwischen Fahrer und Getriebe liegt der Motor. Wer also das Differenzial beim Einbau nicht um 180 Grad dreht, hat vier Rückwärtsgänge.

Zweitens: Ein Chamonix ist ein Chamonix, bleibt ein Chamonix. Mit Fahrgestellnummer und allem Drum und Dran. Wer das Auto anmeldet, hat als Markennamen das brasilianische Unternehmen im Schein stehen.

Drittens: Vorsicht bei Rallyes, Ausstellungen und ähnlichen Veranstaltungen. Wer den original ­Spyder-Schriftzug oder das Porsche-Logo verwendet, muss damit rechnen, 3.500 Euro nach Zuffenhausen überweisen zu müssen. Daran hat das Unternehmen nämlich sehr wohl noch die Rechte und weiß diese auch wahrzunehmen. Solche Dinge gibt es deswegen bei Michael Gehrke gar nicht erst im Angebot.

Der lebt ohnehin mehr von Luft, Liebe, Leidenschaft und seinem Hauptberuf als Logistiker. Mit Chamonix-Importen verdient man kein Geld – vielleicht hätte man den Stundenlohn eines chinesischen Wanderarbeiters, höchstens.
Summiert man die Arbeit von Kiesswetter und Gehrke, kommt man auf 75 Fahrzeuge in 24 Jahren (also ein Container pro Jahr). Drei weitere 550 hat Gehrke schon bezahlt, ob er sie noch geliefert bekommt, ist derzeit aber ungewiss. Insgesamt hat Chamonix bislang 1500 Bausätze produziert. 80 Prozent davon für die USA. Weil dieser Markt aber vollständig zum Erliegen gekommen ist, kämpft das Unternehmen ums Überleben. Also, kleine Helden dieser Welt, steht auf, verbrüdert euch. Erst einmal am Steuer, denkt an James Byron Dean: „Fahrt vorsichtig, das Leben, das ihr rettet, könnte meines sein.“

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