1957 Zeitmaschine Mercedes-Benz 220S Leopold Figl
Quasi als Pensionist kommt der 220S an seinen ehemaligen Arbeitsplatz.
 

Dienstkraftwagen

Leopold Figls Mercedes 220S trägt einen Orden, erfreut sich bester Pflege und darf bei Schönwetter an seinen früheren Dienstort zurück.

30.10.2011 Autorevue Magazin

Die Szene mit dem Balkon wird gemeinhin ein wenig überschätzt. Freilich war die Unterzeichnung des Staatsvertrages ein höchst feierlicher Akt, aber hinter den Kulissen lief einiges durchaus österreichisch ab, also zierlich provinziell, liebenswürdig improvisiert, und den Rest erledigte die Wochenschau. Ein Augenzeuge versichert, dass die Präsentation des unterschriebenen Vertrages vom ­Balkon des Belvedere eine spontane Idee war, der einer der österreichischen Delegationsteilnehmer durchaus österreichisch gegenüberstand: „Seid’s narrisch, der Balkon is ned kommissioniert!“ Und ein anderer Teilnehmer soll gefragt haben, was denn jetzt wäre, wenn ­Leopold Figl der schwere Vertrag runterfallen würde.

1957 Zeitmaschine Mercedes-Benz 220S Leopold Figl

Auch lief die Szene deutlich stiller ab als in der Erinnerung einer ­ganzen Nation: „Österreich ist frei!“ ­postulierte Leopold Figl nämlich schon im Belvedere drinnen für die Mikro­phone der Reporter, erst in der Wochenschau wurde der Satz mit der Balkon­szene hinterlegt. Dieses Gesamtbild blieb als Grundsäule der Zweiten Republik in Millionen Erinnerungen, bis heute sind Balkon und Satz untrennbar verbunden.

Damit passt der Rahmen der Staatsvertragsunterzeichnung ohnedies perfekt zur damaligen Mercedes S-Klasse, die noch nicht so hieß, das S aber auch nicht klassenlos im Namen trug: Der S war stets das feinste Modell, den Sechszylindern vorbehalten. Diese Sechszylinder entstanden pragmatisch aus dem vier­zylindrigen Ponton-Mercedes, der 1953 und damit ein Jahr vor dem Sechszylinder, präsentiert wurde: Was der Sechs­zylinder länger war als ein Vierzylinder, wurde auch der Vorder­wagen verlängert, der Innenraum wuchs um sieben Zentimeter, die den Fond­passagieren zugeteilt wurden, fertig.

Wer schlecht war im ­Abschätzen von Motorhaubenlängen, konnte sich an allerlei Zierrat orientieren, der stets den Sechs­zylindern vorbehalten war – aber schon die Vierzylinder waren empfindlich teuer für eine Nation, die mehrheitlich froh war, wenigstens wieder Kabinenroller und Motorräder auf der Einkaufsliste zu haben.

In seiner berühmt gewordenen Rede zum Weihnachtsfest 1945 („Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann Euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten, glaubt an dieses ­Österreich!“) umkreiste Bundeskanzler Leopold Figl die finanzielle Situation im wiedergewonnenen Frieden, dementsprechend gab’s auch für die Staatsspitze vorerst Vorkriegsware zum Fahren, erst langsam Nachkriegsmodelle. Ein Foto im Figl-Museum in Rust im Tullnerfeld zeigt den Kanzler vor dem Gasthaus seines Onkels neben einem Hudson Commodore, Baujahr 1948 oder ’49, das Kennzeichen W1 unterstreicht die Würde des Auftritts. Tochter Anneliese Figl, heute liebevolle Pflegerin des Andenkens an ihren Vater, erinnert sich an ein wunderbares Mercedes-Vorkriegscabrio mit dem Kennzeichen N 160, das die Familie durch lange Nachkriegsjahre trug. 1957 bekam Figl einen Mercedes 220S als Dienstwagen, das Auto auf unseren Fotos.

1957 Zeitmaschine Mercedes-Benz 220S Leopold Figl

Leopold Figl war Bundeskanzler bis April 1953, wurde dann von Julius Raab (am Balkons neben ihm) abgelöst und wechselte nach wenigen Monaten ins ­Außenamt. Als Außenminister war er ­wesentlich am Ausverhandeln des Staatsvertrages beteiligt. Legenden ranken sich um die angebliche Trinkfestigkeit des ­Ministers, die mit Unterstützung des Heurigenliedes von der Reblaus die russische Delegation noch weicher geklopft haben soll als der Wein alleine. Anneliese Figl: „Wortwörtlich stimmt die Reblaus-Szene sicher nicht, vom Spirit her schon. Mein Vater war sehr kommunikativ, über den Beziehungsaufbau zu den Russen hat er ihr Wohlwollen gewonnen, das hat ­vieles erleichtert.“ Politisiert wurde damals übrigens nicht in ­Restaurants, weil es kaum welche gab, sondern daheim: „Meine Mutter war ausgebildete Haushaltsschul-Lehrerin, so hat sie vormittags die Nahrungsmittel ergattert und nachmittags gekocht und dann gezittert, dass das Dienstmädchen die Fleischteller nicht fallen lässt. Ich wurde nur zu den Herren reingerufen, wenn noch ein paar Gläser gebraucht wurden oder weitere Getränke. Sonst hab’ ich mich bei den Chauffeuren aufgehalten, die hat mein Vater immer in sein Arbeitszimmer gebeten, damit sie nicht auf der Straße warten müssen.“

Der Mercedes 220S war der Würde der österreichischen Staatsspitze sehr angemessen, ein solides Denkmal des Aufschwunges, noch heute herrschaftlich, edel, subjektiv unzerstörbar, wenn man ihm das Streusalz erspart. Immerwährende Neutralität auf Rädern. Man sagt Dienstwagen zu ihm, Dienstautos schauen anders aus. Die Geschichte dieses Mercedes ist fast lückenlos bekannt, auch die seines, sagen wir, Ordens: Der zweite ­Besitzer, Funktionär der ÖVP, vollendete 1979 die ersten 500.000 Kilometer, die offizielle Gratulation seitens des Werks trägt das Auto heute auf dem Kühlergrill: eine Plakette, Email auf Messing. Wann die Gratulation zur vollen Million fällig ist, verliert sich allerdings im Dunkel der Jahrzehnte und bislang vier Besitzer, immerhin litten die Ponton-Mercedes unter einem echten Konstruktionsfehler: Der Kilometerzähler ist nur fünfstellig.

Man sollte bei einem Auto wie diesem aber ohnedies nie nach Zahlen fragen, es genügt, in die dicken Polster zu sinken, sich mit dem Puls des seidigen Sechszylinders zu synchronisieren, freudig die schweren Chromschalter in die Hand zu nehmen, die wunderbar mit dem Holz kontrastieren, würdevoll per Lenkradschaltung die Gänge zu sortieren und ­damit zu leben, in die Fotoalben vieler Touristen zu fahren. Diese nehmen sofort ihre Objektive von Fiakern und Kirchen, wenn der schwarze Mercedes ums Eck biegt. Er sieht innen wie außen neu­wertig aus, seit ein pensionierter ­Sattler das ­Interieur erfrischt hat, nur manche Zierleiste erzählt stolz von den Jahrzehnten.

Der Figl-Mercedes gehört seit elf ­Jahren einem Professor und Unternehmer, der still im Hintergrund bleibt und an sonnigen Tagen damit ins Büro fährt, ­unweit des Bundeskanzleramtes in Wien. Verkauft wird er garantiert nie mehr, ­bestenfalls familienintern weitergereicht. Der 16-jährige Sohn freut sich schon auf den Führerschein.

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