„Okay, das Klo ist ein Schwachpunkt“

Auf zwei Wagenplätzen in Wien wird alternatives Wohnen geprobt. Doch die üblichen Verdächtigen haben sich auf die Siedler eingeschossen.

17.07.2010 Autorevue Magazin

Vorsicht ist die Mutter der Unangepassten. Erster Besuch am Wagenplatz beim Wiener Hafen. Einer kommt heraus.
Wohnst du da?
Nein.
Kennst du wen, der da wohnt?
Nein.
Wir sind von der Zeitung …
Na okay, ich wohn’ eh da.
Schau’n wir aus wie Bullen?
Man weiß ja nie.

Ja, man weiß nie, wer kommt. Polizei, Räumungskommando, Glatzen. Kann alles jederzeit passieren.

Stadtnomaden Wohnen auf Rädern

Der Wagenplatz ist eine Sammlung nicht mehr ganz tau­frischer Kleinlaster, Bauwaggons und Zirkuswägen, in denen Menschen wohnen. Auf zwei Plätzen in Wien – beim Donau­hafen und am Rande des Wurstelpraters –, insgesamt an die zwanzig. Der erste Eindruck des Nomadentums täuscht: Die Wagenplatzbewohner wollen nicht herumziehen, sondern in ­ihren Wagen wohnen, nicht mehr und nicht weniger. Zu Nomaden werden sie nur, wenn die Stadt sie zwingt.

Und ihnen zwischen zwei Zwangsumzügen nicht einmal die Möglichkeit gibt, ein ordentliches Klo zu haben. Das in der ­Hafenstraße sieht so aus: Auf einen mannshohen Kunststoff-Container ist ein Gitterkäfig mit Tarnnetz und anlehnbarer Tür aufgebaut, zu erreichen über ein wackeliges Treppchen. In der Mitte des Bodens ein tellergroßes Loch, kein Licht, kein Wasser, nur eine Rolle Klopapier als Vorposten der Zivilisation. „Okay, ein Schwachpunkt“, sagt Elias, einer der Bewohner. In der Tat: Wer hier nicht nach einer Woche an Verstopfung stirbt, kann in seinem Leben alles schaffen. Der Container wird regelmäßig ausgeleert. Nicht in den Wald, sondern von Entsorgungsprofis.

Bis zum Sommer sind alle Wagen auf einem privaten Grundstück in Simmering gestanden. Miete wurde bezahlt. Im April kam der Räumungsbescheid, vor allem, weil Wagen, in denen gewohnt wird, als Bauwerke gelten: mit allen Folgen von Grundstückswidmung bis zur Pflicht feuerpolizeilicher Entsprechung. So toll war’s dort eh nicht. „Unser Nachbar war ein Landwirt“, erzählt Mayly, Student der Elektrotechnik, „der hat auf das Grundstück gespitzt, uns immer wieder angezeigt, und einmal sogar hat er angsoffn einen von uns mit dem Auto angestupst. Da war er dann aber den Schein los.“

Stadtnomaden Wohnen auf Rädern

Wie auch immer sich das abgespielt hat: Die Wagenplatz­bewohner waren schließlich ihren Wagenplatz los. Das war im August, und da waren die Verhandlungen mit der Stadt Wien um ein Grundstück im 22. Bezirk schon festgefahren. Blöd ­gelaufen: der eine Platz schon weg, und aus dem neuen wird nix.

Festgefahren waren sie, weil die Stadt zuerst nur 500 Euro Jahresmiete wollte – wie die Wagenplatzleute und ein ehemaliges Mitglied des Verhandlungsteams der Gemeinde sagen. Und auf einmal waren es 22.000 Euro. Diesen Rückzieher nach oben habe die Stadt gemacht, weil die Donaustädter FPÖ (aus deren Zitatenschatz: „die großteils beschäftigungslosen, linken Anarchos“, „Randalierer“) gemeinsam mit den in der Nähe ansässigen Kleingärtnern Druck gemacht hätte, erklärt Jacob, einer der Gründer des Wagenplatzes. Der Werbearchitekt lebt hier mit ­seiner Freundin Lena, einer Physikerin.

Und jetzt ist auch noch Wahlkampf in Wien. Die Verhandlungen gehen zwar wieder weiter, aber die Roten sind angesichts der lauernden Opposition natürlich vorsichtig bei der Verteidigung von Leuten mit unordentlichen Frisuren.

Stadtnomaden Wohnen auf Rädern

Nach ihrer Vertreibung aus Simmering haben sich die ­Wagenplatzleute geteilt: die einen zogen in die Stadt zum Prater, die anderen ins Grüne zum Hafen. Der ganze Umzug quer durch Wien hat drei Stunden gedauert. Das Grüne ist reichlich abgelegen und jetzt im Winter grün auch nicht mehr. Besuch kommt trotzdem immer wieder. Mal von den Medien, dann von Sympathisanten, dann wieder von der Obrigkeit.

„Unlängst sind Polizisten da gewesen, die haben vier von uns wegen unerlaubtem Camping angezeigt. Da wird aber nix draus werden. Die Stadt duldet uns ja irgendwie“, sagt Martin, Psychologiestudent und seit drei Jahren Wagenplatzbewohner.

Das ist ein Irrtum. Die Stadt duldet grundsätzlich einmal gar nichts. Aus dem Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig kommt die Information, dass der Wagenplatz bei der Ausstellungsstraße auf einem Grundstück der Wien Holding steht und baurechtlich gute Chancen hat, anerkannt zu werden. Dazu müssen verschiedenerlei Verfahren durchgespielt werden, am Ende kann die rechtliche Saniertheit stehen. Allerdings läuft der Mietvertrag nur bis März, und eigentlich will die Holding ihn nicht verlängern.

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Noch schlechter steht es um den Wagenplatz beim Hafen. Die Bewohner dort gelten als Besetzer, sie selbst nennen sich Gäste. Da die Stadt natürlich keine Miete von Besetzern annimmt, spenden sie jeden Monat 500 Euro an das Flüchtlingshilfeprojekt der Ute Bock. Während die Bewohner gut gelaunt durch den winterlichen Gatsch zwischen ihren Wägen schmatzen, läuft ein baurechtliches Verfahren gegen sie, über dessen Ausgang aufgrund der „nicht rechtskonformen Situation“, wie Ludwig-Sprecher Hanno Csisinko sagt, kein Zweifel bestehen kann. Es wird die Zwangsräumung passieren. Wohl nicht jetzt gleich. Aber wenn es wärmer wird, dürfte es eng werden.

Darüber kann sich dann Wolfgang Seidl freuen, Bezirks­parteiobmann der FPÖ Leopoldstadt. „Ich hätte sie lieber heute als morgen weg“, sagt er. Er sei kein Unmensch, jetzt im Winter, sagt er auch, aber „die sind ja schon im Sommer gekommen, die hätt’ man gleich stornieren müssen. Das sind ja Leute, die Geld verdienen, die aber einfach nicht so leben wollen wie wir. Die wollen nur auf unsere Steuerkosten leben.“

Stadtnomaden Wohnen auf Rädern

Keiner kann ihm sagen, wie viel die Wien Holding von den Wagenplatzbewohnern in der Ausstellungsstraße Miete bekommt, da die Holding privatwirtschaftlich agiert und daher auch keine Auskunft geben muss. Jetzt hat er da die Besitzer von den Eigentumswohnungen im vierten Stock mit freier Sicht auf den Wagenplatz, die zu ihm kommen und sich über die Aussicht beschweren, aber er kann ja nichts machen, oder doch erst im kommenden Herbst nach der Wahl. Dann ist sein Chef vielleicht Bürgermeister.

Am Wagenplatz beim Hafen war er natürlich auch noch nicht. Denn dann wüsste er, dass dort keine Chaoten leben. Recht ­eigentlich ist das Gegenteil von Chaos der Fall. Unter so widrigen Umständen zu leben – kein Wasseranschluss, keine sanitären Anlagen – erfordert höchstes Organisationstalent und eine gehörige Portion werklichen Verständnisses.

Na gut, auf dem Platz, der von den Wagen umstanden wird, schaut’s aus wie Sau. Zerlemperte Sitzgelegenheiten, ein mit ­Essensresten und schmutzigem Geschirr mehr oder weniger vollgeräumter Tisch, und irgendwie scheint alles im Schlamm zu versinken, dem treuen Begleiter der Erderwärmung. Paletten bilden kleine Brücken über die tiefsten Lacken. Aber die Jahreszeit ist nicht nach peinlicher Sauberkeit. Und auch hat es keine Eile mit dem Wegräumen. Wenn’s wen stört, wird der das schon machen. Oder sonst eben irgendwer. Es hat noch immer funktioniert.

Man wird sowieso genügsam. Das Wasser schleppen die ­Bewohner von einem öffentlichen Wasserhahn auf der anderen Seite der Donau herbei. Duschen geht also hier nicht, sondern nur bei Freunden. Und wer keine hat, wer niemanden kennt? „Der braucht eh nicht duschen“, sagt Mayly. Auch wieder wahr.

Der Strom kommt vom Nachbarn, einem Fiaker-Großbetrieb, der dafür nicht einmal ein Geld will. Und das Brennholz bringen die Arbeiter von der benachbarten Baustelle vorbei.

Es wird sogar der Müll getrennt. „Wir hinterlassen einen ­kleinen ökologischen Fußabdruck“, sagt Oliver, der eine ausgeprägte Karriere als Weltenbummler (Hilfshackler in Australien, Bio-Gärtner in Schottland etc.) hinter sich hat und jetzt einmal ein wenig zur Ruhe kommen möchte. Er dreht gerade einen Film übers Wildplakatieren in Wien, was weiteres Kollisions­potenzial mit der Gemeinde in sich trägt. Auf seinem Wagen steht: Dreck ist Freiheit. Was er damit meint? „Genau genommen natürlich die Freiheit zum Dreck.“

Warum er sich das überhaupt antut, dieses Klo, das Wasserholen, den Gatsch vorm Haus? „Es gibt so viele Gründe. Die ­Gemeinschaft hier, und dass trotzdem jeder tun kann, was er will. Es kostet nicht viel. Man bleibt beweglich und kreativ. ­Keine Belastung durch zu viel Besitz. Es wär so schön und so frei, tät man uns nur in Ruhe lassen. Wir tun ja auch keinem was.“ Und die ständige Rechtfertigung, weil man nicht so leben will wie die anderen? „Wie wer? Wie die, die im Gemeindebau Frau und Kind hauen, nach dem Saufen?“

Stadtnomaden Wohnen auf Rädern

In den meisten Wagen, auch in dem von Oliver, ist es peinlich sauber, in manchen nicht ganz so. Dort herrscht intellektuelle Sorglosigkeit. Zum Beispiel bei Martin, dem Psychologiestudenten. Er teilt seinen Kleintransporter, im Prinzip fahrfähig, mit zwei großen, freundlichen und wohlerzogenen Hunden. Martin schläft im Hochbett, darunter die beiden Gefährten. Allerlei Suhrkamp, Briketts, ein pelziger Fauteuil und der leistungsfähige Ofen bestreiten im Wesentlichen die Bemöbelung. Martin denkt daran, einen integrativen Kindergarten aufzumachen, mit Spielplatz, hier oder anderswo, wo man halt bleiben kann.

Gegenüber steht der Holzwagen aus den dreißiger Jahren von Elias, einst im Besitz des Zirkus Pikard. Elias, von Beruf Baumpfleger, hat ihn um eine untere vierstellige Summe renoviert und mit Kork isoliert. Verschiedene Öle, Gewürze, Kräuter fein geordnet auf der Küchenzeile, Elias ist gerade mit der Fertigung von Schnitzel mit Vogerlsalat beschäftigt, „bei mir wird frisch gegessen“, sagt er. Elias ist auch handwerklich ein Tüftler, spricht von den Möglichkeiten umweltschonender Energiegewinnung am Wagenplatz, möchte einen Garten anlegen, aber dazu bräuchte es die Gewissheit, eine Zeit lang bleiben zu können, und die hat hier ja keiner.

Was aber jeder hat, ist die Gewissheit, dass ein neuerlicher Umzug auch nicht das Weltende bedeutet. Was die Wagenleute brauchen, ist ein neuer Platz. Alles andere haben sie bei sich.

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