Nissan Leaf im Alltag Test Reichweite
Drei lebensechte Geschichten der Alltagsbewältigung mit dem vollelektrischen Nissan Leaf.
 

Nissan Leaf – Heimkommen

130 Kilometer tour-­retour, das sollte sich doch aus­gehen mit 159 km Reichweite und äußerst sorgfältigem Umgang mit dem Strompedal. Oder?

09.04.2012 Autorevue Magazin

Zuerst einmal hab ich mir einen Pullover angezogen. Das mach ich sonst nie, selbst im ärgsten Winter nicht, weil das Auto daheim genau fünf Meter von der Haustüre weg steht und unsere Redaktionsgarage direkt im Haus liegt. Aber heute bin ich wild entschlossen, dem Nissan Leaf an einem milden Wintertag mit leichten Plustemperaturen die Strecke nach Hause und wieder retour abzutrotzen. Nur wenig Stadtverkehr den Donaukanal entlang, dann strikt 80 auf der Tangente, nicht mehr als 100 auf der bergigen Außenring-Autobahn. Exakt 130 Kilometer müssen sich ausgehen, und wenn ich alle Tricks dazu auspacken muss. Deshalb keine Sitzheizung, keine Heizung, Klima schon gar nicht. Nur ganz selten blinken, kostet ja alles Strom.

Beim Einsteigen gleich der erste Rückschlag: Obwohl voll aufgeladen, zeigt das Menetekel aller Elektrofahrer, die Reichweitenanzeige, nur 147 statt 159 Kilometer. Und es kommt noch schlimmer, denn nach kaum 400 Metern sind schon vier Kilometer verloren gegangen.

Dafür aber diese Stille! Absolute Ruhe ist ja in unserer hektischen Gesellschaft ein nahezu unbezahlbares Gut geworden. Der Nissan Leaf schlägt sich binnen Minuten positiv auf deine Seele nieder, man erlebt eine sofortige, höchst angenehme Entschleunigung beim Elektrofahren.

In Vösendorf, nach 20 km Fahrt, stehen 131 km am Display. Wir sind also wieder voll im Plan, aber jetzt kommt die Gießhübl-Steigung, laut Wikipedia eine der steilsten Autobahnsteigungen Österreichs. Bei exakt 80 in der rechten Spur läuft ein LKW mit bedrohlichem Tempoüberschuss auf, blinkt, hupt und überholt schließlich. Wir lernen: Um kein Verkehrshindernis zu sein und den Windschatten von LKWs nutzen zu können, muss man mindestens 95 fahren. Oben am Gießhübl zeigt das Display deprimierende 81 km, macht 50 km Reichweitenverlust auf 10 km Fahrt­strecke bei Tempo 80. Das ständige Auf und Ab der Außenringautobahn ist ­offenbar nicht das Ding von Elektroautos, weil das Bergauffahren mächtig an der Reichweite knabbert, während das Rekuperieren bergab am Display kaum was bringt. Ja, Elektrofahren ist auch immer eine Kopfrechen-Aufgabe mit mehreren Unbekannten: Reichweite, Weg zur Ladestation, Außentemperatur, Anzahl der Steigungen, Ladezeit, um nur die wichtigsten Einflussgrößen zu nennen.

Nissan Leaf im Alltag Test Reichweite

Bei diesem Zwischenstand ist von 100 natürlich längst keine Rede mehr, ich bewege mich fast nur mehr im Windschatten von LKWs. Daheim stehen 57 km
auf dem Display, wir liegen also nur acht Kilometer zurück, mein Wohnort liegt höher als das Büro, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich hole Daunenjacke, Handschuhe und Russenmütze aus dem Schrank, denn es ist richtig kalt geworden im Leaf. Wieder oben in Hochstrass, auch so eine steilste Autobahnsteigung Österreichs, ist die Niederlage praktisch besiegelt: 25 km Reichweite und noch 50 Kilometer zurück ins Büro. Das geplante Rekuperieren durch Abschleppen erweist sich nach dem Studium der Betriebsanleitung als Mythos des Alltags, dort steht nämlich: „Schleppen Sie das Fahrzeug keineswegs mit den Vorderrädern am Boden ab.“

Bleibt als letzter Ausweg nur noch die Ladestation beim ÖAMTC-Stützpunkt in Brunn am Gebirge, aber selbst die scheint unerreichbar, deshalb warte ich auf den langsamsten aller LKWs. Ab sofort geht es mit voller Rekuperation, aber maximal 80 bergab, mit 60 bergauf – glaubt mir, so würde Autofahren aussehen, wenn es der Teufel erfunden hätte.

Solcherart ist sich Brunn am Gebirge doch noch ausgegangen. Nach allen Tricks und mir bisher unbekannter Selbstkasteiung zeigt der Tageskilometerzähler 111 km, das Display lädt zu 15 Stunden Verweilzeit an der Steckdose ein. Wenigstens der ÖAMTC-Mann freut sich: Wir sind die Ersten, die seine schöne, neue Stromtankstelle benützen. 

pixel