Land Rover Range Rover Evoque Exterieur Dynamisch Front
Der Evoque rollt an.
 

England neu erfunden

Eine erste Ausfahrt im Range Rover Evoque.

01.04.2011 radical mag

Mit freundlicher Unterstützung von www.radical-mag.com

Sie wollen, nehmen wir einmal an, alles richtig machen. Sie haben bei der Einführung des neuen Jaguar XJ ein paar Sachen nicht ganz richtig gemacht, deshalb lassen sie sich jetzt wohl Zeit. Sie haben sich schon viel Zeit gelassen, haben wir das Gefühl. Anfang 2008 haben sie uns den Braten in Form der Studie LRX zum ersten Mal unter der Nase durchgezogen, und dann stand er im vergangenen Herbst in Paris und weckte Begierden, und dann stand er auch in Genf vor ein paar Wochen und vergrößerte die Vorfreud‘.

Sie, das ist Jaguar Land Rover sowie ihre hübsche Tochter Range Rover, und er ist der Evoque. Land Rover geht es gerade ganz gut. Chef John Edwards sagt, 2010 sei das Jahr der Genesung gewesen. Etwas über 180.000 Exemplare konnte Land Rover weltweit verkaufen, 21 Prozent mehr als 2009. Es war das fünftbeste Jahr in der Geschichte der Marke. Großbritannien bleibt für die Engländer der wichtigste Markt, aber China holt heftig auf. Über 100 Prozent konnte Land Rover dort zulegen im vergangenen Jahr, und das auf einem gar nicht so bescheidenen Niveau.

Doch jetzt soll es eigentlich erst so richtig losgehen. Man spricht bei Jaguar Land Rover (JLR) nicht über Volumen – da ist der oberste Boss, Carl-Peter Forster, ein gebranntes Kind. Doch man merkt in Gaydon, dem Design- und Entwicklungszentrum von Jaguar Land Rover, gut, dass die Erwartungen hoch sind. Und das man überzeugt ist, einen großen Wurf zu landen, vielleicht sogar einen ganz großen Wurf. Einen Bestseller. Ein Automobil, das sich verkaufen wird wie geschnitten Brot. Wahrscheinlich lassen sich die Engländer auch deshalb so viel Zeit: Sie wollen es auskosten, das Vorspiel so lange wie möglich hinziehen.

Und sie wollen, nehmen wir an, alles richtig machen.. Sie haben schon ganz viel richtig gemacht. Die Studie LRX, die 2008 in Detroit für so viel Furore gesorgt hatte, wurde quasi 1:1 umgesetzt – ein, zwei Zentimeter mehr oder weniger hier oder auch dort. Aber nicht nur das. Den Evoque wird es auch in einer zweiten Variante geben: Neben dem dreitürigen Coupé bringen die Briten auch einen Fünftürer, und der sieht nicht minder scharf aus.

Land Rover Range Rover Evoque Exterieur Statisch seite heck

Das Design ist sicher die Stärke des Evoque – da beweisen die Engländer viel Mut und sie werden dafür belohnt werden. Denn im Vergleich zum kleinen Range Rover sehen die Konkurrenten, etwa der Audi Q5, so klassizistisch aus wie der Land Rover Defender im Vergleich zum Range Rover Sport. Zwölf teilweise erfrischend freche Farben werden für den Evoque angeboten (wir empfehlen: Fuji-Weiss oder Colima-Lime, ein hübsches Grün). Dazu kommen drei kontrastierende Dach-Lackierungen, wobei wir uns für das riesige Glas-Panoramadach entscheiden würden, das sich elektrisch verdunkeln lässt.

Was auch ausgezeichnet ist: der Innenraum. Wir wundern uns, woher die Briten – im Vergleich zu den bekannten Premiummarken ein Kleinunternehmen – die Ressourcen nehmen können, um so viel Liebe ins Detail stecken zu können. Eine mächtige Mittelkonsole teilt die vorderen Sitzplätze in zwei Inseln; das Armaturenbrett ist mächtig und sinnvoll horizontal ausgelegt; ein riesiger Touchscreen (mit dem hervorragenden Dual-View) beherrscht das Zentrum.

Viel Hirnschmalz wurde investiert, um die Bedienung so weit wie möglich zu vereinfachen – nicht ganze Batterien von Knöpfchen und Schaltern verunsichern den Piloten, alles ist einfach und logisch. Es gibt drei Ausstattungslinien und 16 Innenraum-Kombinationen – alle mit Leder (dies auch aus Gründen der Nachhaltigkeit und besseren Recyclierbarkeit), dazu Holz oder echtes Aluminium. Das sieht richtig gut aus, der Evoque ist auch in dieser Beziehung ein echter Range Rover.

Die Sitzposition ist hoch, die Übersicht bestens (außer nach hinten, die Heckscheibe ist eine Schießscharte, doch da hilft bei Bedarf die Rückfahrkamera), das Gestühl ausgezeichnet. Der Zustieg nach hinten ist im Dreitürer eine ziemlich akrobatische Angelegenheit, im Fünftürer aber kein Problem. Letzterer hat hinten auch eine leicht erhöhte Dachlinie für mehr Kopffreiheit. Der Dreitürer kann auch mit vier Plätzen bestellt werden. Die Beinfreiheit auf den hinteren Rängen ist für ein nur 4,33 Meter langes Fahrzeug (Q5: 4,63 Meter) erstaunlich großzügig.

Der Kofferraum fasst 420 Liter – kein Gardemass in diesem Segment, doch das vorhandene Volumen lässt sich dank fast quadratischer Form gut nutzen.

Unter der Haube arbeitet einerseits ein 2,2-Liter-Turbodiesel mit 150 oder 190 PS, andererseits ein neuer 2-Liter-Turbo-Benziner mit 240 PS. Die 150 PS-Variante gibt es, für Land Rover ein Novum, auch nur mit Frontantrieb, dann liegen die CO2-Emissionen unter 130 g/km. Wir sind den 190-PS-Diesel gefahren – und waren erfreut über den mächtigen Antritt des doch 1,6 Tonnen schweren Gefährts.

Der Selbstzünder arbeitet erfreulich ruhig und hat jede Menge Kraft in praktisch allen Lebenslagen – kein Wunder bei den 420 Nm maximalen Drehmoments ab 1750/min. Ein Knaller ist der 2-Liter-Benziner. Für einen Vierzylinder läuft er seidenweich und auch er hat mächtig Dampf (maximales Drehmoment 340 Nm zwischen 1750 und 4000/min). Er will den Sprint von 0 auf 100 km/h in etwas über sieben Sekunden schaffen.

Bei ersten Fahrversuchen mit zwei „Prototypen“ auf der hauseigenen Teststrecke in Gaydon konnte auch das Fahrwerk überzeugen.

Land Rover Range Rover Evoque Interieur

Der Evoque kennt kaum Wankbewegungen, etwas, was auch bei kleinen SUV sonst meist die Fahrfreude etwas mindert. Er schiebt auch nicht unbarmherzig über die Vorderräder, sondern lenkt hinten gut ein und mit. Die elektrische Lenkung ist präzise, aber für unseren Geschmack bei höheren Geschwindigkeiten etwas zu leichtgängig. Das sehr aufwendige, adaptive Fahrwerk mit Magnet-Ride-Dämpfung der dritten Generation zeigte keinerlei Schwächen. Auf schlechten Straßen ist der Komfort hervorragend, bei flotterer Gangart um enge Kurven versteift sich die ganze Kiste enorm.

In Gaydon gibt es außerdem einen Sprunghügel, auf dem der ganze Wagen bei entsprechender Geschwindigkeit abhebt, erfreulich sanft aufsetzt, dann aber sofort hart und stabil wird. Keine Sekunde muss man Angst haben, aus der Spur zu geraten. Richtig ausführlich konnten wir den Evoque nicht bewegen, etwa zwanzig bis dreißig Kilometer vielleicht, doch noch gar nie hatten wir an einem SUV so viel Freud‘.

Und was halt auch noch ist: Der Evoque ist ein echter Range Rover. Kleiner zwar, aber auch smarter. Er wird vom ausgezeichneten Ruf der Marke profitieren, und das zu Recht, denn er hat alles, was den Range Rover eine Sonderstellung unter den SUV eingebracht hat.

Zwar gibt es diese Variante mit dem Frontantrieb, doch die Allrad-Varianten sind voll geländetauglich, darauf haben die Ingenieure geachtet, mit beachtlicher Watt-Fähigkeiten, den richtigen Rampen- und Böschungswinkeln, dem formidablen Terrain-Response-System. Dazu kommt, mit großer Wahrscheinlichkeit, die gute Verarbeitung, denn wir bewegen uns hier ja in der oberen Hälfte des Premium-Segments.

Wir haben nur ein einziges, kleines Problem mit dem Wagen: Wir verstehen nicht so ganz, warum Land Rover sein schickstes Kind unbedingt als „Stadt-Auto“ – „pulse of the city“ heißt die Einführungs-Kampagne – positionieren will. Das ist ein unnötiger Umweg für ein Automobil, dessen Design und technische Leistungen so herausragend sind, dass sie schon eine deutliche Sprache sprechen.

Der Evoque kommt dann, endlich, endlich, im Sommer auf den Markt. Die Preise sind selbstverständlich noch nicht bekannt. Billig wird der Spaß nicht, aber so ein paar Euro günstiger als die vergleichbaren deutschen Produkte wird der Range Rover ausstattungsbereinigt sicher sein. Mit der Prognose, dass der Evoque schon bald zum meistverkauften Land-Rover-Modell aufsteigen wird, lehnen wir uns wohl nicht zu weit aus dem Fenster. Und wenn wir noch die Vermutung äußern, dass es den Evoque in absehbarer Zeit auch als Plug-in-Hybrid geben wird, liegen wir wohl auch nicht falsch.

Mit freundlicher Unterstützung von www.radical-mag.com

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