1/11
1955 Vignale Nardi Raggio Azzurro I
 

Nardi Raggio Azzuro: Eigenwillige Kreationen

Nardi, diesen Begriff hat der Kenner und Liebhaber von klassischen Automobilen meist sehr direkt vor seinen Augen – auf seinem Lenkrad.

04.01.2016 radical mag

Diese filigranen, so wunderbaren Teile, an denen die Piloten schon einst in Ferrari, Mercedes oder Porsche arbeiteten und heute noch in Handarbeit von der Firma Personal in Italien gefertigt werden, gehen zurück auf Enrico Nardi, auch bekannt als «Signore Segreto». Der so hieß, weil er nicht gern über sich und seine Arbeit sprach. Und vielleicht auch deshalb heute vor allem für seine aus Mahagony gefertigten Lenkräder bekannt ist. Das erstmals, übrigens, 1952 in einem Pegaso eingebaut wurde.

Bisiluro Damolnar Le Mans
© Bild: Werk / Bisiluro Damolnar Le Mans

Enrico Nardi und der 1. Ferrari

Dabei: Enrico Nardi, geboren 1907 in Bologna, gehört zu den großen und spannenden Figuren der italienischen Auto-Industrie. Er arbeitete von 1929 bis 1937 bei Lancia, zuerst als Lastwagen-Ingenieur, dann als (nicht sonderlich erfolgreicher) Rennfahrer, schließlich als Berater von Vincenzo Lancia. Bei Lancia traf er auch Enzo Ferrari – und war dann maßgeblich beteiligt an der Entwicklung des Auto Avio Costruzioni 815, des allerersten «Ferrari», für den er das Chassis eines Fiat 508 modifizierte.

1955 Vignale Nardi Raggio Azzurro
© Bild: Werk / 1955 Vignale Nardi Raggio Azzurro

Wilde Kreationen

Nach dem zweiten Weltkrieg versuchte es Nardi selber, zuerst zusammen mit Renato Danese (Nardi-Danese), ab 1951 dann ganz solo (Nardi & C. S.a.S.). Und da entstanden dann auch einige ganz erstaunliche Fahrzeuge, die heute leider fast vergessen sind. Seine beiden «wildesten» Kreationen entstanden in Zusammenarbeit mit Vignale (und vor allem: Giovanni Michelotti), der Raggio Azzuro I (1955) und der Raggio Azzuro II (1958). Nummer 1 basierte auf einer Lancia Aurelia B20, Nummer 2 dann auf einer Aurelia B24 – was damals Garant war für vorzügliche Fahrleistungen und ein noch besseres Fahrverhalten. Die beiden blauen Blitze sind optisch stark von den amerikanischen «Dream Cars» der 50er Jahre inspiriert – und doch absolut eigenständig. Das Dach und die Heckscheiben bestanden aus Perspex, ein Material, das sich nie durchsetzen konnte.

1960 Michelotti Nardi Plymoth Silver Ray
© Bild: Werk / 1960 Michelotti Nardi Plymoth Silver Ray

1955 in Le Mans

Auch bekannt ist der Bisiluro, mit dem Nardi 1955 in Le Mans antrat. Es war ein völlig neues Konzept, das Nardi mit Hilfe des berühmten Architekten Carlo Mollino entwarf. Der Wagen war extrem leicht – und glich einem Trimaran, bei dem der dritte Schwimmer vergessen gegangen war. Angetrieben wurde das Gerät von einem 0,75-Liter-Giannini-Motor, und es war schlicht und einfach zu langsam für Le Mans. Denn als der Bisiluro im Rennen schon nach wenigen Runden zum ersten Mal überrundet wurde, geriet er mit Mario Damonte am Steuer in den Sog der deutlich schnelleren Fahrzeuge und überschlug sich. Weil der Nardi aber so langsam unterwegs war, konnte Damonte unverletzt aussteigen.

Das Ende vom Automobilbau

Ende der 50er Jahre hatte Enrico Nardi genug vom Automobilbau, spezialisierte sich auf Ersatz- und Tuningteile sowie die Lenkräder. 1966 verstarb Nardi an einer Blutvergiftung.

Besten Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-classics.com

Mehr zum Thema
pixel