MyCopter das fliegende Auto Zukunft Flugzeug
Fliegen ist komplexer als fahren. Ja doch.
 

Der Nachbar fliegt im neuen Auto!

David Staretz über die neuen EU-Ambitionen, definierten Luftraum für das Volksflugwesen freizugeben.

03.05.2012 Autorevue Magazin

Mit dem EU-Projekt MyCopter, das die nötigen Voraussetzungen für bemannte Amateur-Flüge zur Entlastung von ­Straßen erforschen soll, ist die ­Diskussion über das Fliegende Auto ­wieder aufgeflammt.

Schon in Autorevue 9/2005 berichteten wir über einen diesbezüglichen ­Vorstoß der NASA, die Korridore im ­bodennahen Luftraum in Aussicht stellte, um dem privaten Transportgeschehen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Zusammen mit der Luftfahrtbehörde FEA ­(Federal Aviation Administration) erarbeitete man das Konzept eines Highway in The Sky, der in der bildhaften Dar­stellung eines 3D-Navi-Monitors plus Kurshalte-Assistenzsystemen im Cockpit des Kleinflugzeuges/Carplanes für sicheren Amateur-Flugverkehr unterhalb von 400 feet (120 Meter) sorgen sollte – auch bei Nacht und Schlechtwetter. Die entsprechende Hardware wurde von Start­Ups wie Moller, CarterCopter, Air­Scooter oder The Skyblazer erarbeitet, wobei grundsätzlich noch nicht klar wurde, ob man mit lauten Senkrechtstartern (wirbeln bei Start und Landung ungehörig Staub auf) oder mit herkömmlichen ­Anlaufstartern (benötigen freie Start- und Landebahnen) besser bedient wäre. Das Projekt wurde inzwischen gestoppt, sicher nicht nur aus Geldmangel.

Unverdrossen wird die Nachkriegs­vision des Fliegenden Autos in Europa weiterverfolgt. Dazu ein kleiner Akronymen-Index:

EASA: europäische Luftfahrtbehörde.

UL: Ultralight. Unterlaufen als Luftsportgeräte die Klasse der Kleinflugzeuge und deren schwere luftrechtlichen Auflagen. Benötigen keinen Pilotenschein mit viel Theorie und Flugstunden, es ist nur eine UL-Lizenz notwendig. Sind nicht straßentauglich.

LSA: Light Sport Aircraft. In etwa die amerikanische Entsprechung, seit 2004 eingeführt. Startgewicht 600 kg, das erlaubt schon flugzeugähnliche Konstruk­tionen von ansprechendem ­Design ­(Wasserflugzeug A5 von Icon, Skycatcher von Cessna).

PAV: Personal Air Vehicle.

CAFE: Comparative Aircraft Flight ­Efficiency Foundation. Diese von der NASA unterstützte US-Gesellschaft zur Förderung der Ökonomie von Privatflugzeugen soll sich unter anderem um die Schaffung von siedlungsnahen Mini-Airports kümmern, die den PAVs die nötigen Start- und Landemöglichkeiten anbieten sollen. Denn damit steht und fällt der Fliegende-Auto-Nahverkehrsgedanke. Ohne Öko-Schiene geht gar nichts, deshalb muss sich das System grundlegend sparsamer erweisen als der Autoverkehr, was vorderhand nur durch kürzere Verkehrswege darstellbar ist.

PAL-V: Personal Air and Land Vehicle. Also das Auto mit den Flügeln, der Dreiradroller mit dem Gyrokopter-Rotor, das Buggy mit dem Gleitschirm, lauter Ideen im Prototypen- oder Computeranimations-Stadium.

Bestenfalls sind das Spielzeuge für Reiche, die im Superluxus-Magazin „Robb Report“ für teures Geld angeboten werden, ideal zum Inselspringen und ­Neben-die-Harley-Parken in der Luxusgarage.

MyCopter das fliegende Auto Zukunft Flugzeug

Dennoch gibt es ernsthafte Überlegungen und Versuche, die Vorteile von Auto und Flugzeug in einem einzigen Transportmittel zu verbinden. Doch die wahre Demokratisierung des Luftraumes ist nur für Zukunftsnaive in Denkweise der Fünfziger-Jahre-Uto­­­pi­en auszumalen. Allein die Vorstellung eines motorisierten Paragleiters über ­unserem Garten macht uns reichlich ­nervös. Wenn zwanzig Autos vor dem Haus vorbeifahren, ist das auszuhalten. Aber die Vorstellung von zwanzig Kreissägen, die im Konvoi über unser Hausdach fräsen, kann den Verstand kosten. Und die neue Qualität der Unfälle! Die juridischen Klein- und Großkriege! Nicht auszudenken. Und ausgerechnet der Nachbar, an dessen befremdlicher ­Lebensweise wir intensiver als gewünscht teilnehmen, wird sich demnächst samt seiner adipösen Familie in die Lüfte schwingen. Eine erschreckende Vorstellung unter vielen.

Zumal noch ein wesentliches Bindeglied zum reibungslosen Volks-Luft­verkehr fehlt, das man garantiert nicht ­überspringen kann: Erst müssten unsere Autos (und zwar ALLE!) gelernt haben, steuerlos zu manövrieren, also vollautomatisch, im Konvoi, über Kreuzungen, mit satellitengesteuerten Bremsen und ­allem Drum und Dran. I-D-I-O-T-E-N-­S-I-C-H-E-R. Das hört sich utopisch an! Ist aber nur die Grundanforderung für ­allgemeines Erheben in die Lüfte. ­Genau daran kann man ermessen, wie weit die Allerwelts-Luftfahrtgeschichte tatsächlich noch von einer Realisierung entfernt ist. 

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