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Georg Mihatsch über das Verschwinden der Mittelklasse.
 

Mittelklasse?

Georg Mihatsch über den Untergang der Mittelklasse

18.11.2010 User

Jetzt einmal ehrlich, wir träumen alle von einer Mercedes S-Klasse, einem BMW 7er, einem Audi A8 oder, je nach Präferenz, sogar von einem Porsche 911 und Ferrari 458. Alles klangvolle Namen im Reich der feuchten Männerträume oder der Xbox.

Doch die Realität sieht anders aus und nennt sich Mittelklasse. Ein äußerst skurriles Wort. Bezieht es sich auf das Spektrum der erhältlichen Autos, befindet sich die Mittelklasse eher im unteren Achtel. Das automobile Angebot ist keine Linie mit zwei Endpunkten sondern vielmehr ein Strahl, dieser beginnt irgendwo bei Tata, Lada oder Dacia und steigert sich dann bis in das Unendliche. Die Obergrenze wird nur durch unsere Phantasie beschränkt.

Nimmt man an, dass die so genannte Mittelklasse auf das Käuferpublikum schließen lässt, liegt man weit daneben. Eine Audi A4 2.0 TDI kostet so wie sie ihn wollen 50.000 Euro. Die österreichische Mittelklasse verdient durchschnittlich 28.592 Euro. 1,7 Jahre arbeiten für ein Auto? Ist das normal?

Denn selbst wenn Sie sich ihren Neuwagen nackt kaufen, müssen Sie noch immer ein ganzes Jahr dafür arbeiten. Und das zieht sich durch fast alle Autohersteller. Selbst der Opel Insignia, welcher zugegeben wesentlich mehr Charme versprüht als der bei Vertretern äußerst beliebte Vorgänger, ist in guter Ausstattung, und sagen sie jetzt nicht Sie legen keinen Wert darauf, nicht unter 35.000 Euro zu haben. Und das, obwohl Opel noch immer krampfhaft versucht, schlechte Autos zu bauen.

Er mag zwar von außen ein Auto sein, das durchaus mit der etablierten Konkurrenz aus Wolfsburg und München mithalten kann, doch innen dreht sich der Spieß. Man fühlt sich, als würde man ins Sacher einchecken und, in seinem Zimmer angekommen, feststellen das es nicht besser ist als der Kirchenwirt im eigenen Dorf. Ein viel zu entfernt wirkendes Armaturenbrett und ein lieblos platziertes Zündschloss sind nur einige Beispiele.

Außerdem: Wie stellt sich Opel den typischen Insignia-Kunden vor? Ein Mensch, der einen Kombi will ohne Kofferraum, oder ein Mensch, der einen Viertürer will, aber nie vorhat, die hinteren Sitze zu benützen? Denn wenn elektrische Fensterheber extra bezahlt werden müssen, grenzt das an einen schlechten Scherz.

Was sich hier in der Welt der 4rädrigen Transportmittel verändert, ist ein Phänomen, das man auch unter uns Menschen beobachten kann. Dort nennt es sich Einkommensschere. Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher. Leider hat die Automobilindustrie trotz ihres wahnsinnigen Neologismus noch kein Wort dafür gefunden. Nennen wir es einmal Car class sepration scissor.

Es gibt immer mehr Einsteigermodelle. Fast alle Unternehmen erweitern ihr Angebot nach unten, und es gibt immer mehr teurere Autos. Doch zwischen diesen Klassen wird es bald schwieriger ein Auto zu finden als einen Baugrund in Tokio.

Die Mittelklasse ist tot, sie hat sich zur oberen Mittelklasse entwickelt und die obere Mittelklasse zur Luxusklasse und so weiter. Ein trauriger Trend. Es bleibt nur abzuwarten ob die Strategen der Hersteller wissen was Sie tun und sich an den Markt anpassen, oder ob sie falsch liegen – hoffentlich.

Georg Mihatsch

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