Mitsubishi iMiev Sonderedition
Elektroauto, (vorsicht Wortwitz) ein tragfähiges Konzept.
 

Testbericht: Mitsubishi i-MiEV

Auf der Suche nach der verborgenen Coolness, und andere Alltagsgeschichten.

07.05.2011 Autorevue Magazin

Manchem scheint die Coolness in die Wiege gelegt: Klassensprecher, Sportass, Liebling der Frauen schon mit 14 – alles fällt ihnen in den Schoß, nur um dann doch als Versicherungsvertreter zu enden, der reiferen Damen überhöhte Polizzen aufschwatzt. Andere müssen sich dagegen als kurzwüchsige, hässliche, kontaktscheue Nerds durch die Pubertät plagen, werden aber durch überraschende Wendungen des Lebens ganz nach vorne gespült.
In diesem Sinne habe ich beschlossen, den Mitsubishi i-MiEV mit dem Respekt eines ­künftigen Bill Gates zu behandeln.

Geben wir dem Mitsubishi i-MiEV eine Chance!

Schließlich kann man nie wissen. Denn das Elektrothema steckt eindeutig noch in der Pubertät, es riecht hier nach Angstzuständen, Akne und Ärger mit den Altvor­deren. Soll heißen: All jene, die kein natürliches Sendungsbewusstsein in ­Sachen Elektromobilität ver­spüren, ­müssen sich den Elektrogeist ziemlich hart erarbeiten.

Das beginnt schon beim Namen: Laut Duden steht Mief „umgangssprachlich für schlechte Luft“, also genau das Gegenteil von dem, was Elektromobilität eigentlich ausdrücken will. Ein kleiner Sprachfehler also, nichts ngewöhnliches bei Pubertierenden. Und Mitsubishi scheint überhaupt Talent in dieser Richtung zu haben, beschreibt doch Pajero im Spanischen den männlichen Selbstkopulierer, und es dauerte damals ganz schön lange, bis die Übersetzung in die Mitsubishi-Zentrale im fernen Minato-ku vorgedrungen war.

Zurück zum Auto: Schon beim Einsteigen wird klar, dass man jetzt nicht auf der Stelle von der Elektro-Muse niedergeschmust wird. Die Karosserie des MiEV ist nun mal ein Stück automobiler Substandard, japanischer Substandard wohlgemerkt. Was die Nullenergie-Kargheit des Interieurs betrifft, hat Susanne Hofbauer Übermenschliches geleistet, wie auf den Bildern ersichtlich. Aber es zwickt unter den Achseln, es klemmt ­unterm Haupt, die Härte der Sitzgelegenheiten orientiert sich eindeutig an fernöstlichen Traditionen.

Zudem durchdringt der Beifahrer bei einer Fahrzeugbreite von nicht einmal ­eineinhalb Metern locker die Barriere menschlicher Intimität, die bekanntlich bei etwa einer Armlänge liegt. Diese Enge kann winters durchaus förderlich sein, erzeugt doch Kuscheln oder auch nur banale Reibung an Fremden dringend benötigte Wärme, denn mit dem Drehregler der Heizung wird auch stufenlos die Reichweite nach unten reguliert.

Im Sommer könnte der Umgang mit der gleichermaßen stromverzehrenden Klimaanlage schon problematischer werden, wirkt doch erfahrungsgemäß schweißnasse Haut auf schweißnasser Haut nur relativ kurze Zeit sexy. Also: Im Winter kann der Mitsubishi i-MiEV durchaus beziehungsfördernd sein, im Sommer sollte die Fahrt wohl nicht die Dauer herkömmlicher Zwischenmenschlichkeit überschreiten.

Die Lautlosigkeit ist herrlich.

Aber meistens ist man ja ohnehin alleine unterwegs. Und da kriegt man weitgehend geräuschfreies, lockeres Cruisen geboten. Über allem schwebt diese Lautlosigkeit: Wie viel Ärger hätte sie in meinem Sturm und Drang bei zu spätem Heimkommen erspart, auch ließe sich leicht rund um den MiEV ein perfektes Verbrechen konstruieren.

Das zarte Beschleunigungssummen erinnert an eine U-Bahn-Fahrt, nur hat man im besten Fall den ganzen Waggon für sich. Die sämige Leistungsentfaltung ist trotz bescheidener Zahlenwerte beeindruckend, der Schub reicht locker für Ampelsiege und den spontanen Lückensprung. Endlich: Ist das Elektroauto einmal in Bewegung, tut sich so was wie ein postmoderner Horizont der Mobilität auf.

Allerdings muss man vorher alles, was wir bisher am Automobil als cool und erstrebenswert festmachten, schlicht vergessen: mächtiger Auftritt, ehrfurchtgebietender Sound, good vibrations. Die erste Stunde im MiEV lässt den Gedanken reifen, dass wir die gute, alte Kolbenverbrennungskraftmaschine vielleicht deshalb so lieben, weil sie eine hübsche Allegorie aufs wirkliche Leben abgibt: Ständig geht es rauf und runter, dauernd stößt sie an Grenzen, bleibt im Ablauf geradezu betörend unvollkommen wie wir selber.

Der MiEV dagegen?
Summt bloß.
Gleichgerichtet, gleichförmig, gleichgültig.
Moderne Zeiten halt.

Elektro braucht Emotion!

Die Lehre daraus: Elektroantriebe unter – sagen wir mal – 200 KW werden sich schwer tun, unser Herz zu berühren, sie bleiben uns vorläufig mal fremd wie Außerirdische, die Area 51 entkommen sind. Was auch nicht gerade zur Coolness beiträgt, ist die ständige Rechnerei mit der Reichweite. Die theoretischen 120 Kilometer schmelzen bei Kälte oder Überlandgeschwindigkeit dramatisch dahin, sodass jeder Ausflug in die Tiefen des städtischen Speckgürtels zur Zitterpartie werden kann. Jüngere mögen das als Herausforderung sehen, ich fand’s einfach nur bescheiden.

Was hingegen schon seinen Reiz hätte, wäre ein Konzept der totalen Unabhängigkeit, wie es eine Kombination aus Elektroauto, Solarzellen am Dach und Batterien im Keller versprechen würde. Irgendwann kappt man im familiären Kreis feierlich die Verbindung ans öffentliche Stromnetz und lebt danach autark als energietechnischer Einsiedler mitten in der Stadtrand-Siedlung. Hübscher ­Gedanke.

Das wäre aber ein sehr langer Weg. Bis dahin kann man sich ja mittels Strombetteln an öffentlichen Steckdosen durchschlagen. Klingt irre, ist aber nicht so verrückt wie die Spritpreise derzeit. Ich sehe schon, wie sich harte Gebietskämpfe an den Gratis-Ladestationen abzeichnen, so wie heute am Samstagvormittag um SCS-Parkplätze gerungen wird.

Man wird also in Zukunft sinnvollerweise beim Fahrzeug biwakieren müssen, um den Ladeprozess sicherzustellen. Wir haben das schon einmal probiert und ­dabei eine völlig neue Einkommensquelle erschlossen. Eine ältere Dame parkte neben uns ein, kam rüber und nestelte einen Fünfer aus dem Portemonnaie. „Los, nehmen Sie schon, Sie haben es notwendiger als ich.“ Ich überlegte kurz, ob man als Elektrofahrer heutzutage Spenden direkt aus dem Volk annehmen könne. Aber lange genug, bis sie weg war.

Lesen Sie hier noch mehr zum Mitsubishi i-MiEV:
Susanne Hofbauer macht ihn hübsch.
Christoph Jordan fährt ihn quer.
Christian Seidel führt ihn durch die Nacht.

Kommentare sind geschlossen.

pixel