1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine
Der Spott war schnell verstummt.
 

Mit zartem Schwung

Die erste Autofahrt war weder lang noch schnell, da blieb noch Raum für 125 Jahre Optimierungspotenzial.

08.02.2012 Autorevue Magazin

Keine Diskussion jetzt, ob der Benz Motorwagen tatsächlich als erstes Automobil ums Eck bog und ob unser Siegfried Marcus aufgrund neuerer Faktenlage doch nach Benz dran und damit nicht der Erfinder des Automobils war, keine ­Diskussion auch über andere Erfinder, die vor 1886 fuhren – selbst wenn man den Fokus auf Benzinantrieb justiert, ist sich Carl Benz (1844–1929) selbst zuvorgekommen: Schon 1885 fuhr sein Motorwagen, allerdings auf dem eigenen ­Firmengelände und gegen eine Mauer, der Umgang mit der Lenkung war auch für Benz ungewohnt. Damit war der erste Unfall eines Automobils mit Benzinmotor abgehakt, beim ersten Verkehrsunfall überhaupt lässt Mercedes gewiss gerne dem Franzosen ­Nicholas Cugnot den Vortritt, der hatte sein Dampfauto schon 1769 gegen eine Mauer gelenkt, weil er auf den Einbau von Bremsen vergessen hatte.

1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine

Auch die Schöpfung der benzinbetriebenen Panne ist Benz zuzurechnen, die ereignete sich im Zuge heimlichen Probefahrens bei Nacht, die 100 Meter zurück zum eigenen Werk ließen sich locker durch Schieben bewältigen.

In die Automobilgeschichte schrieb sich dann der Patentantrag am 29. Jänner 1886 ein, am 3. Juli gab’s die erste öffentliche Vorführung auf der Ringstraße in Mannheim, diesmal bei Tag und pannenfrei. Am Steuer saß Bertha Benz. Man darf also von frühen Marketingmaßnahmen zur Erregung männlicher Aufmerksamkeit sprechen und einem Vorpreschen der Emanzipation, der dümmliche Stammtisch­witze über Frauen am Steuer jetzt schon 125 Jahre nachhinken. Bertha Benz hatte auch den Bau des Motorwagens finanziert, nur ums Patent durfte sie nicht ansuchen – verheiratete Frauen waren nicht dazu befugt, auch die Gleichberechtigung hatte noch einen weiten Weg vor sich.

Der Motorwagen fuhr schnurstracks in die öffentliche Aufmerksamkeit und wieder heim ins Firmengelände, schöner hätte die neue Zeit nicht beginnen können. Nur die Reaktionen waren noch durchwachsen, früher Spott zählt zum Schicksal vieler bahnbrechender Erfindungen.

1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine

Dass der Benz Motorwagen das Auto in seiner heutigen Darreichungsform vorwegnahm, wird deutlich, wenn man der Technik unter den Rockzipfel schaut: Das Benzingemisch stammte aus einem Vergaser, der auch gleich den Tank enthielt. Mit seinen 1,5 Litern war er schon einst eher sehr klein, daher spazierte Carl Benz’ Sohn Eugen bei der ­ersten Ausfahrt mit der Reserveflasche mit. In den Zylinder kam das Gemisch über einen Gleitschieber, aber für den Auslass war bereits ein Tellerventil zuständig, beaufschlagt über Nockenscheibe, Kipp­hebel und Stößelstange. Dass zur Erzeugung des Zündfunkens heute kein Rühmkorffscher Funkeninduktor mehr nötig ist, ist aus lautmalerischen Gründen schade, das Elektrodenmaterial der von Benz entwickelten Zündkerze sollte aber bis in die 30er Jahre aktuell bleiben. Die Kühlung per Wasserleitung wie beim Stationärmotor war unmöglich, Benz kühlte durch Wasserverdunstung, nach der Reichweite fragte bei der ­ersten Ausfahrt niemand.

Sie war ohnedies ein voller Erfolg für die Firma Benz, zumindest in der Mannheimer Presse: „Schon bei dem ersten Versuch wurde uns Gewissheit, dass durch die Benz’sche Erfindung ein Problem gelöst sei, mittels elementarer Kraft einen Straßenwagen herzustellen … Wir glauben, dass dieses Fuhrwerk eine gute Zukunft haben wird, weil dasselbe ohne viel Umstände in Gebrauch gesetzt werden kann und weil es bei möglichster Schnelligkeit das billigste Beförderungsmittel für Geschäftsreisende eventuell auch für Touristen werden wird.“ Carl Benz blieb näher an der vorläufigen Realität: „Überall in Stadt und Land wird der Kraftwagen zum sensationellen Ereignis. Aber ein Käufer findet sich nirgends im deutschen Vaterlande.“

1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine

Immerhin löste ab 1886 das Niederrad, nicht grundlos ­Safety genannt, das Hochrad ab, von dem man so hoch ­runterfallen konnte, wie sein Name vermuten lässt. Noch war das Niederrad schneller als das Auto, es war billiger und brauchte kein Benzin, das nur in Apotheken zu haben war. Carl Benz benutzte selbst eines, wenn er schnell ankommen wollte, erwog gar zeitweilig die Erzeugung von Fahr­rädern, tüftelte aber dann am Auto weiter: „Den Gedanken, ein selbstlaufendes Fahrzeug als bequemen Wagen mit Motorantrieb zu erbauen, konnte ich von jetzt ab nicht mehr los werden, da ich pferdelos gefahren war, und mein Geist beschäftigte sich damit fast Tag und Nacht.“ So kam der Erfolg in Schwung: Bis in die 1890er Jahre wurden rund 25 Benz-Dreirad-Motorwagen gefertigt, drei haben überlebt, einer davon im Technischen Museum Wien, in friedlicher Nachbarschaft zum Marcuswagen.

Der Motorwagen Nummer 1 wurde später von Carl Benz ausgeschlachtet, die Teile in andere Erfindungen verstreut. 1903, Benz und Cie. in Mannheim war noch immer die größte Automobilfabrik in Deutschland, wurden die letzten Originalteile auf Bestreben des Werbeleiters wieder zusammengesucht und renoviert. Das Auto, quasi eine teilweise Replika, steht heute im Deutschen Museum München.

Und Bertha Benz fuhr weiterhin Auto: 1888 reiste sie mit dem Benz Motorwagen Nummer 3 von Mannheim über Heidelberg und Wiesloch nach Pforzheim, die 106 Kilometer gingen als erste Lang­strecken­fahrt in die Historie ein. Dass dabei auch das Pannenbeheben am Wegesrand durch die Fahrerin (Vergaserputzen mit der Hutnadel, Isolieren eines Drahtes mit dem Strumpfband, Neu­belegen der Bremse mit Hilfe eines Schusters) erfunden ­wurde, ist eine andere ­Geschichte.

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