Mille Miglia Christian Rainer profil Bugatti Veyron 1001 PS
Was ich mir als Altherren-Defilee vorgestellt hatte, erweist sich als ein brutales Rennen gegen die Zeit.
 

1001 PS für Mille Miglia

profil-Herausgeber Christian Rainer fuhr in einem Bugatti Veyron Grand Sport zur berühmtesten Oldtimer-Rallye der Welt. Ein Tagebuch voller Nahtoderfahrungen. Plus ein Strafzettel.

16.07.2012 Autorevue Magazin

14. Mai, Wien – Molsheim

Ich muss nach Molsheim und habe gleich mal einen Fehlstart. Der Lufthansaflug von München nach Basel wurde gestrichen. Daher komme ich zu spät im Bugatti-Werk an. Das macht aber nichts. Die Bentley-Boys sind auch noch nicht da. Sie haben aber eine schönere Erklärung. Sie sind mit ihren Blowers auf eigener Achse von England nach Frankreich gefahren, und unterwegs musste das eine oder andere Teil gewechselt werden.

15. Mai, Molsheim – Ascona

Julius Kruta ist Chronist und Historiker bei Bugatti, und er ist einiges mehr. Er soll mich nach Brescia zur Mille Miglia bringen und wird dann selbst in einem Bugatti T35, Baujahr 1927, mitfahren. Ich darf eine Woche lang zusehen und bin sehr aufgeregt. Kruta erzählt, dass Ferdinand Piëch in den späten neunziger Jahren neben Bentley und Lamborghini auch Bugatti gekauft hat, und seine Franzosen soll der Volkswagen-Patron besonders lieben. Ettore Bugatti kam doch aus Mailand? Kruta präzisiert: „Bugatti ist nicht französisch und nicht italienisch. 1909 war Molsheim überdies deutsch, weil im Elsass gelegen. Der Veyron ist euro­päisch.“ Die Karbonkarosserie des Veyron kommt aus Italien und Österreich, der Motor aus Deutschland, Bremsen und Getriebe aus England, das Glas aus der Schweiz, die Felgen ursprünglich aus Russland, jetzt aus Italien, die Reifen von Michelin.

Mille Miglia Christian Rainer profil Bugatti Veyron 1001 PS

Ein Satz Reifen kostet 20.000 Euro, und er muss jährlich gewechselt werden. Alle drei Jahre sind 70.000 Euro fällig, weil dann die Felgen auszutauschen sind. Bei 400 Kilometer pro Stunde ­wären Haarrisse unangenehm. Der Veyron Grand Sport, das ist der Roadster, kostet 1,4 Millionen ohne Mehrwertsteuer. In Österreich macht das dann 1.961.880 Euro. Mit diesem Auto werden wir fahren.

Das überrascht mich. Ich hatte bei „Transfer nach Brescia“, wo die Mille Miglia startet, an einen Bus gedacht. Ich lasse mir gar nichts anmerken, ich bleibe jetzt cool. Auch als Kruta mir erklärt, dass nicht wir fahren werden, sondern ich: „Ich lasse ausschließlich Journalisten mit Kindern Bugatti fahren.“ Er lächelt. Ich ­lächele nicht.

Wir starten Richtung Ascona, und ich finde die sieben Gänge, weil sie automatisch per Doppelkupplungsgetriebe geschaltet werden. So klingt der 16-Zylinder-Motor wie eine Turbine. Der Veyron ist das teuerste und schnellste Serienfahrzeug der Welt. Er hat zumindest 1001 PS und Allradantrieb, beschleunigt in 2,5 Sekunden auf 100, in 16,7 Sekunden auf 300. Er geht über 400, in der Version Super Sport mit 1200 PS sogar 430. Ab 360 km/h braucht man einen eigenen Schlüssel. Den haben wir zum Glück nicht ­dabei.

Auf der Schweizer Autobahn sehen wir einen Ferrari Enzo mit dem britischen Kennzeichen „Enz 400“. Kruta weiß alles über Autos, er will unbedingt herausfinden, wem diese Nummer gehört, und telefoniert. Ich soll inzwischen mit dem Enzo spielen. Kruta hat mir zwei Stunden zuvor auf einem Alpenpass – die Bentley-Boys wollten eigentlich über den gesperrten St. Gotthart – mitgeteilt, ich fahre sehr langsam. Das ärgert mich, und ich mache es jetzt gut. In der Schweiz ist das riskant, hier wird sofort der Wagen konfisziert und der Fahrer manchmal auch. Kruta ist jetzt ein bisschen stolz auf mich und sagt breit lächelnd: „Der Veyron fährt Kreise um den Enzo.“ So viel zu Journalisten mit Kindern. Ich mag Kruta sehr.

Wir haben Wegweiser und Abfahrt Locarno/Ascona versäumt – wegen eines Zeit-Raum-Defekts, der ab einer bestimmten Geschwindigkeit auftritt.

16. Mai, Ascona – Brescia

Ich habe eine Landkarte gekauft. In Ascona ist der T35 angeliefert worden. Kruta fährt ihn bis Brescia abwechselnd mit Dr. Stefan Brungs, der zu uns gestoßen ist. Der drahtige Deutsche ist einer der Bugatti-Geschäftsführer, zuständig für Marketing, Sales und Customer Service. Er ist mir sofort sehr sympathisch, ruhig, interessiert, klug, das Gegenteil des Zerrbildes eines Autoverkäufers. Wahrscheinlich ist das beim Bugatti, der jenseits aller Fantasien von Automarken schwebt, genau richtig so. Es ist fein, dass Doktor Brungs so ist. Ich erfahre nämlich, dass ich nicht Zuschauer bei der Mille Miglia sein werde, vielmehr mit ihm den Veyron mittendrinnen lenken soll.

Für Angst bleibt vorerst keine Zeit, da ich unseren Wagen jetzt alleine nach Brescia chauffiere. Kruta sitzt bei Brungs im T35 und hat offensichtlich Vertrauen geschöpft. „Du bist der erste Journalist, der einen Veyron jemals alleine fahren durfte.“

Drei lebensnotwendige Dinge zum Mitnehmen für alle Fahrer nach mir: Sonnencreme (bei Abnahme des Hardtops), iPhone (dafür gibt es einen Anschluss), polarisierende Sonnenbrillen (das rote Armaturenbrett spiegelt ein wenig in der Scheibe).

Autorevue-Chefredakteur Christian Kornherr ruft am Nachmittag an: In Wien soll es gerade einige Aufregung in der Industriel­lenvereinigung gegeben haben, die Fahrzeughändler empören sich über eine kritische Auto-Titelgeschichte im „profil“. Oje, und ich bei Mille Miglia. Schweißtropfen.

Mille Miglia Christian Rainer profil Bugatti Veyron 1001 PS

Abends ein Gala-Dinner des Uhrenherstellers Chopard. Als Ehrengäste werden zwei Politiker vorgestellt, die eines gemeinsam haben, nämlich ihre Zukunft hinter sich: Karl-Theodor zu Guttenberg und Wolfgang Schüssel. Schüssel fährt in einem Mercedes-Flügeltürer mit, laut Programm als deutscher Staatsbürger.

Kruta erzählt am Tisch Schnurren aus seinem lexikalischen Gedächtnis. Und Persönliches über sich und mich: zum Beispiel, dass er eigentlich Franz Julius Sindbad Liberius Kruta heißt und was die Auswertung der Telemetrie-Daten des Veyron von der Schweizer Autobahn erbracht hat (kann nur ein Fehler sein, der erste und der einzige des Bugatti).

17. Mai, Brescia – Ferrara

Ich habe schlecht geschlafen. Werde ich wegen des „profil“-Covers gleich als Doppelagent ausgesondert? Ein deutscher Manager beruhigt mich, Autos sollten doch ohnehin ins Museum. Heute nicht.

Im Frühstücksraum zeigt sich einmal mehr, dass man Männer an ihren Schuhen erkennt. Die ganz schmalen ohne Sohlenkante gehören den Fahrern historischer Vehikel, da liegt die Pedalerie ja ganz eng. Tods und alles in teurem Reptilienleder tragen die ­Fahrer in der Begleitkolonne. Schweres Arbeitsschuhwerk ist dem ­Mechanikertross vorbehalten, ohne dessen Können gar nichts geht. Den T35 serviciert Steven Gentry alle 2500 Kilometer und ­während der 1000 Meilen.

Meine erste schwere Prüfung in dieser Woche: Ich suche in der Innenstadt von Brescia 45 Minuten lang nach einem Parkplatz, mit dem zwei Meter breiten Veyron, auf dem permanent hysterisch kreischende Fans zu liegen kommen, ein Wahnsinn. Ich bekomme einen Strafzettel, weil ich keinen Kurzparkschein ausgefüllt habe.

Um 18 Uhr 45 ist endlich Start beim Museo Mille Miglia. Zugelassen sind alle Fahrzeuge, die zwischen 1927 und 1956 (als ein schwerer Unfall die historische Rallye-Serie beendete) teilnahmen, überdies alle baugleichen Fahrzeuge. Es gibt Interpretations­spielraum: Bei den Bentley Blowers etwa reicht es, dass sie einmal angemeldet waren. Gestartet wird alle 30 Sekunden, die ältesten Baujahre zuerst. Heuer stehen 384 Teilnehmer auf der Liste.

Mille Miglia Christian Rainer profil Bugatti Veyron 1001 PS

Unser T35 bekommt die sehr niedrige Startnummer 30. Er hat daher die Startzeit 19:00. Die Fahrer werden abwechselnd Julius Kruta und der deutsche Abenteurer und Autor Jürgen Zöllter sein. Sie haben nebeneinander kaum Platz in dem schmalen, 700 Kilo schweren Rennwagen. Als Kofferraum dient ein Leinenrucksack, der links außen hängt.

Die erste Etappe von Brescia nach Ferrara beginnt. Wir hängen uns mit dem Veyron direkt hinter den T35. Niemals in meinen 50 Jahren habe ich Ähnliches erlebt. Stefan Brungs fährt die ­meiste Zeit. Er wird am Ende der Nachtfahrt sagen: „Heute hätte ich meinen Führerschein 100 Mal verlieren können.“ Ich denke mir dasselbe über mein Leben, sage es aber nicht.

Die Fahrt geht am Gardasee entlang über Padua nach Ravenna. In wenigen Stunden sehe ich mehr Beinaheunfälle als addiert, seit ich einen Führerschein besitze. Was ich mir als Altherren-Defilee vorgestellt hatte, erweist sich als brutales Rennen gegen die Zeit. Obwohl es für die Platzierung doch nur auf Gleichmäßigkeit ankommt. Rote Ampeln gelten nicht. Es wird permanent überholt. Verkehrsinseln werden beidseits umfahren. Geisterfahren wird zur Permanenzsituation. Die Polizei unterstützt das Geschehen. Erschwerende Faktoren: In die Kette von historischen Autos und Begleitfahrzeugen reiht sich der reguläre Abendverkehr. Es gibt kaum gesperrte Streckenabschnitte. Das Road Book ist schon bei Tageslicht im Veyron kaum zu lesen. Wie muss das erst nachts in einem offenen Rennwagen sein? Entlang der Straße stehen zigtausende autobegeisterte Italiener, Frauen, Kinder, Tiere. Bei der Fahrt durch die Städte in hohem Tempo stehen sie direkt auf der Straße. Ein Fahrfehler oder ein technisches Gebrechen hätte schreckliche Folgen.

Stefan Brungs bleibt dran. Gegen ein Uhr morgens fahren wir in Ferrara irrtümlich über den roten Teppich auf der Bühne. Den Italienern ist es recht, sie applaudieren dem Veyron mehr als allen anderen Autos.

18. Mai, Ferrara – Rom

Ich habe wieder schlecht geschlafen. Mir träumte, die Schweizer Behörden hätten ein Auslieferungsbegehren gestellt.

Der T35 startet um 8:08. Das Fahren wird noch anspruchsvoller. Mehr Verkehr, mehr Überholmanöver. Der Veyron ist beinahe doppelt so breit wie die historischen Rennwagen, da passen keine drei oder vier Autos nebeneinander, da helfen nur 1001 PS, Bremsen wie die gespannten Seile auf einem Flugzeugträger und brutales Drängeln. Die Menschen an den Straßen wollen den vorbei­düsenden Veyron berühren. Sie glauben, wir sind Gott. Wir könnten wirklich schnell über Leben und Tod entscheiden. Aber nur der abgelegte Spazierstock eines alten Mannes muss dran glauben.

Ich habe keinen Hunger. Ich habe Durst, will aber nicht trinken. Ein Pinkelstopp wäre peinlich. Im T35 rinnt es wohl durch, aber da kann auch nicht getrunken werden.

Die Straßen werden noch schmäler. Lastwagen und Motorräder kommen uns entgegen. Hinauf nach San Marino hat es vier Spuren auf zwei Fahrbahnen. Brungs bleibt völlig entspannt und ­lächelt uns in Richtung Süden. Weil er ein halbes Jahr älter ist als ich? Weil ihm ein Schaden am teuersten Auto aller Zeiten nicht peinlich wäre? Weil er besser fährt.

Der Veyron muss kurz sein. Er passt bei jedem Überholmanöver, das wegen Gegenverkehrs vorzeitig endet, locker in den einen Meter zwischen zwei historischen Fahrzeugen. Zum Beispiel vor den Bentley Blower, der laut Kruta „aufgrund seiner besonderen Geschichte“ mit über zehn Millionen Euro wahrscheinlich der teuerste Wagen im Teilnehmerfeld ist. Zehn plus 1,4 Millionen (plus Steuern), das wäre eine schöne Schadenssumme.

Nach dem Mittagsstopp in Sansepolcro (viele kommen erst, als wir schon wieder vorneweg fahren) nehmen wir das Dach ab. Ist schließlich ein Roadster, der Grand Sport! Es wird in einem Volkswagen T5 verstaut. Das dauert keine zehn Sekunden. Leider fängt es an zu regnen, sodass sich zum Turbinenlärm und Fahrtwind auch Nässe gesellt. Wir führen anstatt eines Stauraums ein Softtop mit. Würde bis weit jenseits der 100 km/h reichen. Das reicht nicht. Hardtop wieder drauf.

Irgendwann sind wir vor Rom. Das Feld ist weit auseinandergezogen, manche nehmen Abkürzungen oder die Autobahn. Wir können uns daher nicht an anderen Teilnehmern orientieren, und ich weiß nicht, wie das Veyron-Navigationssystem funktioniert. Das A1 Navi in meinem Blackberry hat sich aufgehängt. Wie immer rettet uns Herr Doktor Brungs: Sein iPad mit Bugatti-Abdeckung zeigt immerhin Standort und Ziel auf der Google-Karte. Wir lotsen uns im höchsttechnisierten Auto der Welt per händischer Peilung in die 3-Millionen-Stadt. Alle Wege führen tatsächlich hierher.

Mille Miglia Christian Rainer profil Bugatti Veyron 1001 PS

Kruta und Zöllter erscheinen Stunden später an der Hotelbar. Sie sehen aus wie die Fahrer im Steve-McQueen-Streifen „Le Mans“. Aber der Dreck und das Adrenalin sind echt. Die Lebensgefahr auch. Warum passieren so selten tödliche Unfälle (der letzte laut Google 2004)?

19. Mai, Rom – Brescia

Start des T35 und des Veyron um kurz nach sechs Uhr morgens bei der Engelsburg. Ich starte heute etwas später und in einem Transporter. Das Champions-League-Finale und der Redaktionsschluss dieses Textes sind eine gültige Erklärung für den Abschneider und eine Ausrede für meinen Überlebenswillen. Ich versäume daher Siena sowie Florenz und lande einige Stunden vor den ­historischen Fahrzeugen und vor Stefan Brungs im Veyron in ­Brescia.

Um 23:20 kommt der T35 am Hauptplatz von Brescia an, wo Fernsehschirme für die Fußballfans aufgebaut sind. Kruta ist am Steuer. Er und Zöllter strahlen. Um 23:27 verschießt Bastian Schweinsteiger den entscheidenden Elfmeter. Chelsea gewinnt die Champions League. Die Bentley Boys wissen das noch nicht, sie erreichen das Ziel Minuten später.

Nach 38 Fahrstunden und 1000 Meilen in einer perfekt funktionierenden 85 Jahre alten Maschine flüstert mir Julius Kruta ins Ohr: „Interessierst du dich auch mehr für Autos als für Fußball?“

20. Mai, Brescia

Das Erdbeben mit dem Epizentrum in Finale Emilia unweit von Brescia und mehreren Toten weckt mich um 4:04. Den Wecker hatte ich auf 4:10 gestellt.

Der Morgenflug nach Wien ist überbucht. Ich erhalte 125 Euro Kompensation. Wenn die Lufthansa das noch 15.000-mal macht, kann ich mir einen Veyron Grand Sport kaufen.

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