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Mille Miglia 2015 – Raritäten, Begeisterung und Kritik

Die 1.700 Kilometer der Mille Miglia 2015 sind abgefahren. Wie schon die Jahre zuvor versetzten zahlreiche Oldtimer Teile Italiens in den Ausnahmezustand. Doch die Kritik an der Veranstaltung wird lauter.

18.05.2015 Press Inform

Wer sich mit einem gewaltigen Schlachtross wie dem Bentley Blower 4,5 Litre Supercharger, dem spektakulären BMW 328 Mille Miglia Roadster oder dem grandiosen Alfa Romeo 6C 1750 durch die historischen Innenstädte von Parma oder Ferrara kämpft, und Hände von Kindern abklatscht, während es kurvenreich hinauf nach San Marino geht oder einmal auf die Piazza del Campo in Siena gerollt ist, wird dies kaum vergessen. Die Menschenmassen applaudieren und zeigen ehrliche Begeisterung, das bekommen die Teilnehmer auf ihrem Weg zu spüren. Von 1927 bis 1957 ging es übrigens in der Rekordzeit von zehn Stunden durch den öffentlichen Straßenverkehr von Brescia bis Rom und wieder zurück. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von über 150 km/h auf der mehr als 1.700 Kilometer langen Gesamtstrecke ist damals wie heute unvorstellbar. Seit den späten 70er Jahren ist die Mille Miglia eine Gleichmäßigkeitsfahrt für Oldtimer ohne realen sportlichen Wert. Das Renommee lässt sich in jedem Fall mit Oldtimerveranstaltungen wie der Villa d’Este am Comer See oder dem Concours d’Elegance im kalifornischen Pebble Beach vergleichen.

Raritäten auf der Mille Miglia

Wo sonst sind spektakuläre Vorkriegsmodelle wie Mercedes SSK, Bentley Blower oder die einst exklusiven OM-Modelle aus der Start-Stadt Brescia in bewegter Fahrt einmal auf den schönsten Straßen Italiens zu bestaunen? Wo können sich Oldtimerfans aus der ganze Welt sonst einmal Rennwagen wie einen Ferrari 315, einen Mercedes 300 SLR oder einen Jaguar XK 120 anschauen, mit Piloten sprechen oder den emsigen Mechaniker-Teams fachsimpeln? Um bei der Mille Miglia an den Start gehen zu können brauchen Interessenten mitunter einen langen Atem. Die Warteliste ist lang.

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© Bild: Uwe Fischer / Hardy Mutschler / Mille Miglia

Kritik an der Veranstaltung

Doch auch wenn die hunderttausenden Zuschauer jubeln, die teilnehmenden Autohersteller den Mille-Miglia-Tross durchs ganze Land zu einer gewaltigen Marketingveranstaltung machen und der Veranstalter mit stolz geschwellter Brust durch den elitären Kreis den knapp 450 Oldtimer stolziert, wird die Kritik an der Veranstaltung von allen Seiten lauter. Die Ausweitung von zweieinhalb auf gut dreieinhalb Tage um den publikumsträchtigen Sonntag einzuschließen, nimmt den einst überlangen Etappen von weit mehr als zwölf Stunden ihren Schrecken, aber auch ihre Einzigartigkeit. Während sich zahlreiche Kommunen darum bewerben, dass der Mille-Miglia-Zug bei ihnen durchfährt, machen andere Gemeinden die Schotten dicht. Noch schlimmer für die Teilnehmer: mit der begleitenden Polizei existiert während der Mille Miglia eine ungeschriebene Regelung, die geltenden Verkehrsbeschränkungen weitgehend außer Kraft zu setze. Manch Gemeinde hält sich jedoch nicht an diese Übereinkunft und so gab es im vergangenen Jahr immer wieder saftige Strafen.

Es geht ums Prinzip

Die Verkehrsstrafen summieren sich auf 500 bis 1.000 Euro oder mehr. Für die meisten Teilnehmer, angesichts einer Teilnahmegebühr von rund 7.000 Euro und dem einzusetzenden Oldtimer aus der Zeit der echten Mille Miglia im Wert von zumeist hunderttausenden bis Millionen von Euro, nicht mehr als ein kleines Taschengeld. Aber es geht vielen hier ums Prinzip. Die jahrzehntelange Unantastbarkeit der „kleinen Reise um die Welt“ ist längst gestört. Umweltbehörden poltern, Bürgermeister toben und immer mehr Mille-Miglia-Anrainer wollen den millionenschweren Luxustross nicht mehr durchs Land rasen sehen, so schön Mercedes 300 SL Flügeltürer, Porsche 356 oder die historischen OM-Modelle zu Beginn des Starterfeldes auch sein mögen. Denn jeder weiß, dass nicht die rund 80 Wertungsprüfungen auf Gleichmäßigkeit den Reiz der Rallye ausmachen und es vielen auch nicht darum geht, Kinderhände in Buonconvento, Peschiera oder Rom zu schütteln, sondern weitgehend verkehrsrechtsfrei mit einer automobilen Legende durch einige der schönsten Regionen von Italien zu donnern, während das Publikum am Straßenrand Fahnen schwenkt und die Piloten bejubelt.

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© Bild: Uwe Fischer / Hardy Mutschler / Mille Miglia

Einmaliges Erlebnis

Der Veranstalter müht sich nach Leibeskräften, jenen Spagat aus Geneigtheit für zahlungskräftige Teilnehmer, unterstützende Autoindustrie, grummelnde Ordnungsbehörden und Kommunen hinzubekommen. Doch während die einen Teilnehmer jubeln und die anderen Zuschauer jedes Jahr aus England, Deutschland oder Belgien an die Strecke der Mille Miglia pilgern, wird die Kritik an der mäßigen Organisation der 1.700-Kiometer-Tour lauter. So genannte Pace Cars bremsen die geschwindigkeitssüchtigen Heroen der Landstraße in einzelnen Gruppen mehr ein als in den Jahren zuvor. Dennoch wird im nächsten Jahr die Teilnehmerliste voll sein, schließlich gibt es so ein Oldtimerrennen nur einmal auf der Welt.

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