Mercedes-Logo hinter einem Zaun
Bundestag: französische Revanche für Deutschlands Blockade bei der Verschärfung der CO2-Emissionen
 

Mercedes, Frankreich und das Kältemittel

Die Stuttgarter Autobauer müssen befürchten, dass bis zu 30.000 Fahrzeuge in Frankreich nicht zugelassen werden. Offizieller Grund: Die Verwendung eines verbotenen Kältemittels.

10.07.2013 APA

 

Frankreichs derzeitiges Verhalten bei der Zulassung von einigen Baureihen von Mercedes-Benz sorgt bei den Stuttgartern für Verwunderung. Es könnten bis zu 30.000 Fahrzeuge betroffen sein, die von den französischen Behörden nicht zugelassen werden und damit für Mercedes einen (geringen) Absatz- und Imageverlust bedeuten würden.

Zwei Prozent betroffen

Sollte Frankreich die Zulassung der Modelle A-, B- und SL-Klasse wegen der Verwendung eines umstrittenen Klimaanlagen-Kältemittels ein Jahr lang blockieren, würde das hochgerechnet etwa zwei Prozent der weltweiten Fahrzeugregistrierungen von Mercedes betreffen, sagte eine Daimler-Sprecherin am Dienstag in Stuttgart.

Mercedes verblüfft

„Wir stehen mit den französischen Behörden in Kontakt, haben aber derzeit keine Erklärung für das Verhalten“, ergänzte ein Sprecher. Alle von dem Zulassungsstopp betroffenen Autokäufer in Frankreich erhielten einen Leihwagen.

Klimaschonend, aber leicht entzündlich

Die Behörden in Frankreich weigern sich derzeit, einigen Neuwagen von Mercedes-Benz die Zulassungspapiere auszustellen: Denn die Klimaanlagen der Fahrzeuge sind mit dem nach EU-Vorschriften unzulässigen Kühlmittel R134a ausgerüstet. Eine vom deutschen Kraftfahrtbundesamt (KBA) erteilte Genehmigung, die den Einsatz des Kühlmittels dennoch erlaubt, wollen die Franzosen nicht anerkennen. Dies betrifft die Kompaktmodelle der Mercedes A- und B-Klasse, die auch das neue Modell CLA umfasst, sowie die Sportwagen SL, die nach dem 12. Juni vom Band gerollt sind. In diese Neuwagen müsste gemäß der ursprünglichen Zulassungsgenehmigung seit Jahresbeginn das klimaschonendere Kältemittel R1234yf eingefüllt werden. Diese Vorgabe boykottiert Daimler, da der Autobauer das Kältemittel für zu gefährlich hält. Bei einem Umfall und einem Leck im Klimasystem könnte sich das Kältemittel entzünden, argumentiert Daimler.

Frankreich als Außenseiter

Mit der Zulassungsblockade steht Frankreich in der EU allein auf weiter Flur. „Soweit wir wissen, erkennen alle anderen Länder die Zulassung des KBA an“, sagte der Daimler-Sprecher. Von den französischen Behörden war keine Stellungnahme zu erhalten. „Ich bin nicht informiert darüber“, sagte Industrieminister Arnaud Montebourg.

EU-Kommission unterstützt Frankreich

Rückendeckung bekommen die französischen Behörden von der EU-Kommission. Diese will das klimaschädliche Kältemittel R134a aus Neuwagen verbannen, hat dazu aber lange Übergangsfristen gesetzt. Mercedes wollte für seine Neuwagen der A-, B-und SL-Klasse diese Übergangsfristen nicht nutzen, entschied sich dann aber um: Vom Kraftfahrtbundesamt holte sich der Autobauer Mitte Juni grünes Licht für die weitere Verwendung des Kältemittels R134a – wie zuvor bereits der VW -Konzern oder BMW.

Droht Vertragsverletzungsverfahren?

Die EU-Kommission prüfe Daimlers Boykott, sagte Sprecher Carlo Corazza am Dienstag zu Reuters. Wenn sich der Verdacht eines Richtlinien-Verstoßes bestätige, würden gegen Deutschland als Mitgliedsland „die notwendigen Maßnahmen“ ergriffen. Industriekommissar Antonio Tajani droht Deutschland wegen des Kältemittel-Streit bereits seit Monaten mit einem Vertragsverletzungsverfahren.

Bundestag: Frankreich mit Revanche

Im Bundestag wird die französische Haltung auch als Retourkutsche für die jüngste Blockade Deutschlands bei der Verschärfung der CO2-Emissionen von Neuwagen ab 2020 eingeschätzt. „Die kontroverse CO2-Debatte zeigt, dass die führenden Spieler in Europa mit divergierenden Interessen ringen“, sagte CDU-Abgeordnete Steffen Bilger, der auch dem Verkehrsausschuss angehört. Der Grünen-Verkehrsexperte Anton Hofreiter sagte, Paris nutze die Gelegenheit „um zurückzuschießen“.

Umkämpfter Automarkt

Die deutsche Delegation hatte Ende Juni auf dem EU-Gipfel in Brüssel die seit längerem geplante Verschärfung der Klimaschutzregeln für die Autoindustrie platzen lassen. Die deutschen Oberklassehersteller wären davon härter betroffen als die französischen Kompaktwagenhersteller. Die Autoindustrie dürfe nicht durch zu harte EU-Auflagen geschwächt werden, hatte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihre Blockade begründet.

 

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