Mercedes Benz SL E-Cell Exterieur Dynamisch Front
Die Farbe heißt Lumilectric Magno. Nicht auszudenken, was wir sagen würden, wenn ein Kleinwagen so lackiert wäre.
 

Vorstellung: Mercedes-Benz SLS E-Cell

Der Rock ’n’ Roll des Vortriebs, ohne schrägen Gitarrenriffs eines Achtzylinders.

24.01.2011 Autorevue Magazin

Wir wollen jetzt nicht gleich über das Wunder Elektro­antrieb sprechen, sondern ­einen nüchternen Zugang behalten. Wir haben es hier mit einem SLS zu tun, und es ist uns in erster Linie herzlich egal, wie dieses Auto angetrieben wird. Zuallererst hat es standesgemäß zu funktionieren, in diesem Punkt können wir sehr konservativ werden. Dann kommt aber schon die Neugierde, doch die würde uns bei einem Gasturbinen­antrieb genauso packen. Selbst wenn der SLS plötzlich mit Kohle führe oder mit Atom­direktantrieb, würde uns das nicht minder interessieren. Doch die Zeiger der Zeit stehen auf Elektroantrieb.

SLS E-Cell also. Du schlüpfst in gewohnter Manier hinein, und die Fahrt beginnt im Grunde wie bei einem Toyota Prius: elektrisch. Doch dann geht’s verdammt hurtig weiter. Kein hysterischer Verbrennungsmotor schaltet sich dazu und schraubt sich gleich auf Höchstdrehzahl hinauf. Nein, es geht fast lautlos vorwärts. Das gewohnte Gefühl draller Beschleunigung stellt sich ein. Im Vollbesitz derartiger Kräfte geht das Aufheulen eines Verbrennungsmotors nicht wirklich ab.

Solch euphorische Schilderungen verlangen selbstverständlich ebenso unverzüglich nach einer nüchternen Unterfütterung mit Fakten. Es ­genügt ja nicht, statt des Verbrennungsmotors einen oder mehrere Elektromotoren einzubauen und möglichst fette Batterien dazu. In der Reihenfolge des Erlebnisses: Zuerst einmal muss durch entsprechend feinfühlige Steuerung der Motoren ein vernünftiges Anfahrverhalten erreicht werden. 880 Newtonmeter Drehmoment praktisch von Null an, wenn du quasi mit dem Schalter das Licht aufdrehst. Das wäre zumindest sehr unangenehm. Der nächste Punkt: Das Beschleunigen. Beim Verbrennungsmotor muss man nur mehr Benzin einspritzen. Beim Elektromotor müssen die Batterien auch in der Lage sein, den Strom in entsprechender Geschwindigkeit und Fülle herzugeben. Nicht zu übersehen einige Herausforderungen für die Konstrukteure, die ziemlich hausbacken klingen. Etwa die Geräuschkulisse unter Abwesenheit eines rabaukischen Verbrennungsmotors ansprechend zu gestalten.

Diese Schlüsselfunktionen sind vollprofessionell gelöst worden. Da hat man keine Sekunde das Gefühl, in einem raren Einzelstück zu sitzen, sondern eher den Eindruck, das Auto wäre jetzt fertig entwickelt, die Serienproduktion könnte losgehen. Aber so einfach ist das auch wieder nicht.

Vier Elektromotoren treiben vier Räder an. Sie wurden aber aus vielen guten Gründen nicht in den Radnaben untergebracht. So sitzen an jeder Achse zwei Elektromotoren, die über jeweils ein gemeinsames Getriebe und Halbachsen die Räder antreiben. Durch den paarweisen Antrieb der Achsen ist anzunehmen, dass der Wagen fahrdynamisch nicht gleich völlig auszuckt, wenn aus irgendeinem Grund zwischen rechtem und linkem Motor ein Drehmomentunterschied auftreten sollte.

Die Basis-Architektur des SLS erlaubt eine tiefe Schwerpunktlage der Akkus und Motoren. Das ist ein großer Vorteil. Ein Teil der Batterien sitzt vor der Spritzwand, ein anderer nützt den Platz durch den Wegfall der Kardanwelle. Unmittelbar hinter den Sitzen macht sich auch noch ein voluminöses Batteriepack breit. Aufgrund des Allradantriebs musste aber die Vorderachse neu konstruiert werden. Es handelt sich hier um eine Fünflenkerachse mit liegenden Federbeinen.

Trotz der üppigen Batteriepacks mit einem Energieinhalt von 48 kWh ist bei entsprechender Leistungsentfaltung die Reichweite naturgemäß begrenzt. Das beste Mittel, diese doch wieder ein wenig zu dehnen, lautet Gewichtsreduktion, was bei einem ohnehin optimierten SLS AMG nun nicht wirklich einfach scheint. Eine Maßnahme in dieser Richtung: Keramik-Bremsscheiben, die nicht nur für gewaltige Verzögerung, sondern auch für Gewichtseinsparung sorgen.

Die Farbe, die man bei einem gewöhnlichen Auto wahrscheinlich als Warnwestengelb bezeichnen würde, heißt hier offiziell „lumilectric magno“. Und wir stellen auch fest, dass der Wagen charakterlich stark genug ist, diese Farbe zu tragen.

Beim Fahren stellt sich sofort das Gefühl ein, in einem richtig starken Auto zu sitzen, das sich fahrdynamisch bravourös verhält, also kein Abstrich gegenüber dem Benzin-SLS. Die Kommunikation zwischen Kopf, Hintern, Gaspedal (okay, Fahrpedal) und Lenkrad funktioniert verzögerungsfrei. Kurzum: Es macht mächtig Spaß.

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