Mercedes-BEnz SLS AMG Roadster 300SL
Wenn Sie ein nettes Cabrio für den romantischen Hochsommerabend suchen, dann müssen Sie woanders weiterlesen.
 

Testbericht: Mercedes-Benz SLS AMG Roadster

Wenn Sie das Cabriofahren aus der Formel-1-Perspektive betrachten, sind Sie hier richtig.

12.06.2012 Autorevue Magazin

Das offene Autofahren, sagen die Leute, ist das einzig richtige Autofahren. Auch Fangio, Moss, Surtees und Peterson fuhren offen, desgleichen Otto Julius Bierbaum, Clärenore Stinnes und Bertha Benz. ­Vettel und andere tun es heute noch. Offenfahren ist männlich bzw. weiblich, es weist auf die Wurzeln der rollenden Fortbewegung und es zitiert die Königsdisziplin des Rennsports. Letzteres allerdings selten: hier zum Beispiel.

Wenn als Alternative Flügeltüren zur Verfügung stehen, die freilich volles Rohr Museum of Modern Art sind, den Alltag aber doch belasten, greift man doppelt gern zum Roadster. Als Antithese zu etwas der­maßen Geschlossenem wie ­einem Greenhouse mit Türen, die nicht normal aufgehen, kommt natürlich nur Stoff in Frage. Dreilagig, mit Magne­sium-Stahl-Aluminium-Dachstuhl und nahtlos eingespritzter Heckscheibe, versteht sich.

Mercedes-BEnz SLS AMG Roadster 300SL

Hier geht es nicht um ein besonderes Auto, sondern um eine Ekstase an technologischer Möglichkeits-Ausschöpfung, um eine letzte, klare Antwort an alle, die es je gewagt haben, ein tolles Auto zu bauen. Denn das hier ist besser, es übertrifft jedes andere in allen oder den meisten Disziplinen, es ist nicht representing Deutschland, es ist representing The Universe. Es ist leicht, ausgewogen, schön und großteils aus Alu. Man muss es an die nächste Voyager-Sonde neben die goldene Beethoven-CD hängen, damit die Außerirdischen ihre Raumschiffe einstampfen vor Scham.

Nein, wir sind nicht übers Wochenende verrückt geworden. Obiges ist die nüchternste Analyse, durchdrungen von motorjournalistischem Verstand und dem Wissen um die unendliche Vielfalt der Natur und die Schönheit einer zwei Meter langen Motorhaube. Darunter steckt ein V8-Sauger, der von AMG wettkampffähig gemacht wurde, auch im Klangbild. Dazu später.

Zurück zum offenen Fahren, dem Leitmotiv des SLS AMG Roadster. Der ist kein Cabriolet in dem Sinne, dass man mit ihm genießend in den Sonnenuntergang hineinfährt. Er ist es hingegen in dem Sinne, dass mit geöffnetem Dach die groben Elemente näher an den Fahrer herangeholt werden, das Brausen des Fahrtwindes, das über einem Hinwegwischen der Baumkronen und vor allem das Element der V8-Musik. Das alles hat weniger mit Genuss zu tun als mit der intensivierten Empfindung im Exzess. Ja, genau, denn wenn Mercedes behauptet, der SLS wäre Rennwagen genauso wie Cruiser, so stimmt doch Ersteres viel mehr. Für einen Cruiser ist das Auto einfach zu hart. Und zu stark. Wer hier nicht ständig den Drang verspürt, Extremes zu erleben, mit dem stimmt etwas nicht (es gilt die Unschuldsvermutung).

Mercedes-BEnz SLS AMG Roadster 300SL

Wir haben es versucht. Am Ende war es so, dass wir uns im sogenannten Wiesenwienerwald zwischen Wienerwald und Mostviertel wiederfanden, Dörfer viel zu schnell durchbrausend, um am Ortsausgang sofort wieder mit dem richtigen Toben anzufangen – jedoch mit unverkrampften Armen und ohne Nackenspannung. Von Kurve zu Kurve, von Gerade zu Gerade, beängstigende Geschwindigkeiten, Längs- und Querbeschleunigungen sind möglich. Vielleicht fehlt uns auch einfach die Selbstbeherrschung (es gilt die Schuldsvermutung).

Und man ist mit dem SLS nicht nur stets schnell und meistens zu schnell, man ist auch laut auf eine aggressive Weise, nicht zu laut im Sinne des Lärmschutzgesetzes, aber irgendwie – böse laut. In den Getriebe-Modi Sport, Sport plus und manuell wird beim Runterschalten automatisch Zwischengas gegeben, ein kurzes, scharfes Bellen, betörend schön (nebstbei verringert das die Lastwechsel beim Anbremsen von Kurven auf der Rennstrecke). In verschlafenen Weilern am flachen Land ist so was aber direkt peinlich, man versteht auf einmal den Argwohn der Werktätigen auf die, die ihr Geld irgendwie anders verdienen und sich Autos kaufen, die doppelt so teuer sind wie die Häuser, an denen sie vorbeidröhnen.

Mercedes-BEnz SLS AMG Roadster 300SL

Das Luxuriöse im SLS ist anders als jenes etwa in einer S-Klasse oder in irgendeinem Porsche. Alles wirkt unendlich viel besser, echter, teurer und dabei weniger aufgeblasen.

Die Oberflächen, die aussehen wie aus Aluminium, sind aus Aluminium. Sogar die Schaltpaddles sind aus Echtmetall. Motor, Fahrwerk, Aufbau, Materialien, Dynamik – vertieft man sich in die Details, wird klar, dass man hier nicht verarscht wurde, das Auto dürfte jeden der vielen Cents wert sein.

Beim Aufwärmen beobachten wir in Echtzeit die Temperaturentwicklung von Wasser und Motor- und Getriebeöl und fühlen uns in seltenem Einklang mit der Technik, wenn die Leine erst bei Er­reichen der Betriebstemperaturen losgelassen wird. Wir machen die Seitenbacken der Sitzlehne enger und sind Teil der Maschine. Fazit: Wollen Sie den SLS AMG in dem Sinne bewegen, wie er gebaut ist, müssen Sie auf die Rennstrecke. Anders drohen Frust, gewaltige Strafen oder Ärgeres, denn der Teufel schläft nicht, sobald der rote Knopf gedrückt ist.

Wir bedanken uns bei der Loft City GmbH für die Zurverfügungstellung der Expedithalle der Ankerbrotfabrik Wien, einer spannenden Event- und Theaterlocation.

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