Mercedes BEnz AMG SLS Roadster Exterieur Dynamisch Front
Klar, Flügeltüren sind toll. Aber was hat man denn davon, wenn man erst einmal drinnen sitzt und sie geschlossen sind?
 

Vorstellung: Mercedes-Benz SLS AMG Roadster

Der SLS Roadster ist das beste offene Auto, das es derzeit für Geld zu kaufen gibt.

14.12.2011 Online Redaktion

Das ganze Konzept eines Roadsters ist für Mercedes eine enorme Kraftanstrengung. Durchgemachte Nächte bei den Kollegen von Forschung- und Entwicklung und Stoßgebete bei den Mitarbeitern von Marketing und Vertrieb können als selbstverständlich betrachtet werden. Denn schon der geschlossene SLS war ein Husarenstück, das man keiner Marke zugetraut hätte. Aber Mercedes schaffte es, die Legende 300 SL wiederzubeleben, ohne einen seelenlosen Zombie im Portfolio zu haben. Und schon beim Marktstart des Flügeltürers war den Verantwortlichen klar, dass ein Roadster folgen musste. Es war unvermeidlich. Ursache und Wirkung.

Woran denken die Liebhaber, wenn sie sich einen SLS vorstellen? An die Flügeltüren. Aber die gehen sich bei einem Stoffverdeck nicht aus. An die technische Perfektion. Aber bisher war noch jeder Roadster schwerer, langsamer und weniger verwindungssteif als die geschlossene Variante. Was also macht das Duo Mercedes-AMG? Die werfen mit diesem Auto all diese bisher als gottgewollt anerkannten Nachteile über den Haufen und schaffen schlichtweg den besten Offenen auf dem Markt. So einfach und diskussionsfrei ist das.

Mercedes BEnz AMG SLS Roadster Exterieur statisch front

Der Roadster brennt die exakt gleichen Fahrleistungen in den Beton, die schon den geschlossenen SLS ausgemacht haben. Null auf hundert in 3,8 Sekunden, eine Höchstgeschwindigkeit von 317 Stundenkilometer (auch elektronisch begrenzt), und die deutsche Messlatte schlechthin, die Nordschleife, bewältigt der Roadster in der gleichen Zeit wie der Zugeschweißte. Sieben Minuten, vierzig Sekunden. Es ginge auch schneller, diktiert Mercedes in die Blöcke, aber man wollte eine Zeit, die gute Fahrer jederzeit wiederholen könnten.

Ergebnis einer Vielzahl von Änderungen, die sich aus den Mündern der verantwortlichen Techniker fast schon banal anhören. Der Wegfall des Daches als stabilisierendes Element musste kompensiert werden. Deswegen stützt sich die Instrumententafel jetzt auf zusätzlichen Streben am Rahmen der Windschutzscheibe und auf dem Mitteltunnel ab, zwischen Tank und Verdeck hat AMG eine Domstrebe eingezogen, und auch das Überrollschutzsystem wird von einem weiteren versteifenden Querträger aufgenommen. Gewichtszunahme dadurch? Ja. Zwei Kilogramm. Insgesamt wiegt der Roadster 40 Kilogramm mehr. Sollte das bei einem Gesamtgewicht von 1660 Kilogramm tatsächlich ein Kunde merken, empfehlen wir, den Tank einfach nur zur Hälfte zu füllen.

Den Gerüchten, es könnte bald ein 5,0-Liter-Biturbo im SLS Einzug halten – manch Fachmann erwartete diesen Motor bereits im Roadster –, erteilte AMG eine Absage. Zumindest für die aktuelle Generation. Es bleibt beim Alten, was eine sehr gute Nachricht ist. Der 6,2 Liter große V8-Sauger katapultiert 571 PS über eine Antriebswelle aus Carbonfaser an die Hinterachse, wo die Kraft von einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe verhandelt wird. Weiterhin: dreistufiges ESP (an, Sport, aus) und optional ein einstellbares Fahrwerk.

Aber es gibt auch Neues zu vermelden. Im ¬Roadster findet man erstmals, aber in Zukunft nicht exklusiv, das so genannte AMG Performance Media. Klingt kompliziert, lässt sich aber auf den Begriff Rennsport-Computer reduzieren. Es zeichnet Rundenzeiten auf, analysiert die Fahrdaten und teilt über den Monitor, auf dem sonst das Navigationssystem seinen Dienst tut, Dinge wie Querbeschleunigung oder Brems- und Gaspedalstellung mit.

Mercedes BEnz AMG SLS Roadster Exterieur Dynamisch Seite

Ebenfalls neu ist das Lebensgefühl. Klar, die Flügeltüren sind toll, aber was hat man davon, wenn man drin sitzt? Genau gar nichts. Ein offenes Dach lässt eine viel breitere emotionale Spreizung zu als geschlossene Türen. Das beginnt beim Anlassen. Der erste akustische Liegestütz, das Hochbrausen und beruhigende Ausschnaufen, fährt dir durch die Ohren. Das brabbelnde Verschlucken beim Anfahren zittert sich durch den Innenraum, dann bricht es los. Ein stimmgewaltiges Allegro. Immer wieder aufgepeitscht von dir selbst, der du per Gangwechsel nach unten die Zwischengasfanfare erklingen lässt und im Tunnel in den Leerlauf schaltest. Wie verrucht, wie böse.

Sobald das erste Adrenalin verflogen ist, machen sich die grunddeutschen Züge des Sportlers bemerkbar. Satte Straßenlage dank einem Radstand, der sich von hier bis nach Affalterbach zu strecken scheint (in Wahrheit aber 2,68 Meter beträgt), und ein Schwerpunkt unterhalb der Straße (u. a. dank -Trockensumpfschmierung). Und bei allem Lob für die neueste Generation der elektromechanischen Servolenkungen der Konkurrenz ist die Zahn¬stangen¬servo des SLS noch auf einem ganz anderen Level.

Dieser Supersportler regiert die Kurve. Der ¬Motor liegt hinter der Vorderachse, das Getriebe (Stichwort: Transaxle-Anordnung) arbeitet hinten. 47 Prozent des Gewichts stehen in der Bilanz der Vorderachse. Das macht den Roadster handzahm, aber nicht friedlich. Lenkbewegungen setzt er mit der Perfektion eines Butlers in die Tat um.

Wer so weit ist, möchte versuchshalber und aus Neugier mal das Dach schließen. Gibt es unter der Klappe tatsächlich Stoff? Und wenn ja, wozu? Wer will denn das Dach schließen? Theoretisch geht das. Ganz automatisch, innerhalb von elf Sekunden und bis Tempo 50 auch während der Fahrt. Aber diese elf Sekunden kann man so viel besser nutzen. In dieser Zeit kann man mit dem Roadster beispielsweise die Tempo-200-Marke knacken. Wir sind dann mal weg. Offen.

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