Mercedes-Benz SLS AMG Coupé Black Series Front Aerokit
Die dunkle Macht
 

Testbericht: Mercedes-Benz SLS AMG Black Series

Nicht der letzte, aber dafür der konsequenteste seiner Art.

21.05.2014 passion:driving

Der Mercedes-Benz SLS AMG Black Series ist zwar nicht ganz der letzte seiner Art, denn diese Ehre bleibt der Final Edition vorbehalten, aber mit seinen 631 PS trägt er zumindest die schöpferische Krone der SLS-Baureihe und darf sich als radikalster Vertreter seines Familienstamms verstehen – sofern wir den elektrifizierten SLS mal außen vor lassen.

Mercedes-Benz SLS AMG Coupé Black Series Front Aerokit

Die dunkle Macht

Ein SLS AMG Black Series kennt keinen Spaß

Mit “der will nur spielen” ist hier jedenfalls endgültig Schluss. Alles das, was den “Rest” im Worte “Restkomfort” ausgemacht hat, wurde über Bord geworfen. Statt geschmeidig verstellbarer Multikontursitze gibt es starre Sitzschalen. Aluminium im Innenraum musste dem großflächigen Einsatz von Echtcarbon weichen und die aus Fahrerperspektive gefühlt bis zum Horizont reichende Motorhaube wurde durch eine Vollcarbon-Version ersetzt. Jetzt noch die Abgasanlage durch eine 13 kg leichtere Titanflöte ersetzt, schon sind rund 70 kg Gewichtsersparnis aufsummiert und das Leistungsgewicht auf 2,45 kg pro Gaul reduziert. Derer sind es insgesamt 631 und damit 60 mehr, als die 571, welche den “normalen” SLS antreiben.

Mercedes-Benz SLS AMG Coupé Black Series Flügeltüre Offen Heck Heckspoiler Titan-Abgasanlage

Flügel hoch zum Entern

Normal ist hier allerdings so überhaupt nichts, “over the top” oder “völlig deppert” dafür eine ganze Menge. Zum Beispiel die Akustik. Der Hochdrehzahlsauger macht ganz auf englischen Fußballfan: trinkfreudig und vor allem laut. Sobald der mühsam gegen die Masse der acht Kolben ankämpfende Anlasser das Inferno zum Leben erweckt, ist an Normalität nicht mehr zu denken. Stattdessen stehen die Nackenhaare stramm und tanzen zum V8-Beat. Überhaupt fordert er vom Piloten immer das Ganze. Halbe Sachen gehen gar nicht. Volle Konzentration und auch besser Vollgas beim Anfahren, andernfalls hüpft das Flügeltier in einem wenig eleganten Fahranfänger-Stakkato von der Ampellinie weg.

Komfort war gestern

Wie sich also herausstellt, ist “Sanftmut” ein dem SLS Black Series völlig unbekanntes Fremdwort. Das wird dann auch spätestens bei der Fahrwerksabstimmung klar, die zwar gönnerhaft zwischen zwei Dämpferstufen unterscheiden kann, aber selbst in der nicht-härtesten Stufe immer noch allen Willen an den Tag legt, den Insassen jegliche Plomben aus den Zähnen zu schlagen. Die dritte und damit komfortabelste Dämpferstufe der anderen SLS steht im Black Series erst gar nicht zur Auswahl.

Mercedes-Benz SLS AMG Coupé Black Series Heck

Topfeben mag das Fahrwerk am liebsten

Auf der Landstraße gestaltet sich die Fahrt mit dieser wenig kompromissbereiten Fahrmaschine als echte Herausforderung – und das gleich in jeder erdenklichen Dimension: denn im Grunde genommen ist das Fahrwerk für die Fahrbahndecke einer durchschnittlichen Landstraße viel zu hart, versetzt ungnädig über jeden noch so kleinen Flickenteppich. Die französischen Cup-Pneus wollen sich zudem erst ab einer ausreichend hohen Arbeitstemperatur im Asphalt verbeißen. Die 635 Nm Drehmoment sind genug, um die Hinterachse in jeder Lebenslage in Richtung Kurvenaußenseite zu peitschen, eigentlich ist der ganze Hobel viel zu breit und die größte Herausforderung – wohlgemerkt eher mentaler Natur –  liegt überhaupt darin, nicht binnen kürzester Zeit in für Landstraßen völlig ungeeignete Geschwindigkeitsregionen vorzudringen.

Mercedes-Benz SLS AMG Coupé Black Series Cockpit Lenkrad Innenraum

Verlockender Einstieg

Glückseeligkeit verlangt einiges ab

Schafft man es dann aber doch für ein, zwei Minuten all diese Herausforderungen zu meistern, all das unter einen Hut zu bringen, lernt man allmählich mit steigenden Temperaturen der Vorderreifen das scharfe Einlenkverhalten zu schätzen, bekommt man zu spüren, wie das elektronisch gesteuerte Sperrdifferenzial an der Hinterachse ganze Arbeit leistet, um dann doch für ein überraschend hohes Maß an Traktion zu sorgen, während das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe voller Gewalt bei 8.000 Umdrehungen die nächste Gangstufe reinzimmert, dann … ja, dann findet man sich in einem Zustand völliger Glückseeligkeit wieder. Dann hat man ihn verstanden. Denn Sinn dieses Autos. Seinen alleinigen Bestimmungszweck. Nicht der Alltag und auch nicht die flotte Hatz auf den heimischen Landstraßen. Nein, der SLS AMG Black Series will gefahren werden, nicht zögerlich, nicht behutsam, sondern volle Lotte – und dafür braucht’s halt Rennstrecken. Wer aber im Stande ist, die knapp 300.000 € auf den Tisch zu legen, für den sollte das auch kein Problem sein. Also das mit der Rennstrecke – für “volle Lotte” braucht’s halt trotzdem ein wenig mehr, als nur das nötige Kleingeld.

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