Testbericht: Mercedes-Benz SLS AMG

Wittgenstein für Einsteiger: Wovon man nur träumen kann, darüber muss man lesen.

01.05.2010 Autorevue Magazin

Fußgänger auf dem Zebrastreifen bedanken sich kniend für verschontes Leben, diamantene Ehen zerspringen nach links und nach rechts, Fotohandys geraten in Brand, Pizzabäcker werfen Frisbee, und Lastwagenfahrer kippen samt Kabine vornüber. Hooligans weinen leise in sich ­hinein, und Therapiegruppen ­finden endlich zum Urschrei.

Der SLS AMG ist in der Stadt

571 PS brabbeln grundböse hinter dem extrabreiten Maul. Das über die Haubenrampe weit zurückgeschobene Greenhouse wirkt wie ein ­Manifest immerwährender ­Beschleunigung. Slick und ­elegant glänzt das Coupé in dieser grauen Alubeam-Fließmetall-Lackierung, die den Wagen immer liquid erscheinen lässt, wie von jahrtausendelang brandenden Natur­kräften herausmodelliert aus dem Vollen.
Dann, wenn sich nach der ersten Aufregung wieder alles zu beruhigen scheint, entfalten sich die Flügel. Verkehrsstillstand.
Höflichkeit ist wieder angebracht: Die Mädchen erreichen vom Beifahrersitz aus kaum den Zuziehgriff, man verschließe sie nach dem Einsteigen wie wertvolles Familien­silber in der Schatulle.
Ein Rundgang um das Auto ist wie eine Expedition durch die Geschichte des Hauses, als das Uhlenhaut-Coupé und der 300 SL mit Stahlrohrrahmen den Höchststand des Sport­wagenbaus in den fünfziger Jahren absteckten. Ähnlich wie beim BMW Z8 wurde nicht an Zitaten gespart, was immer eine gewisse Unsicherheit auf Herstellerseite durchklingen lässt: Was einmal erfolgreich war und heute Legende ist, kann nicht fehlschlagen. ­History als Hypefaktor. Aber es gefällt uns ja trotzdem: Der zentrale Turbinenstern, die weit außen liegenden Scheinwerfer, die verchromten Finnen vor der verhältnismäßig aufrechten, verhältnismäßig kleinen Windschutzscheibe. Auch die Flankenverläufe verweisen an den 300 SL.

Gebaut, wie man nicht müde wird zu betonen, wird der SLS AMG in Affalterbach

Was für eine Karriere für einen ehemaligen Tuner. AMG, das sind die, die einen Teil des ­benötigten Industriestromes aus den hauseigenen Motorprüfständen generieren.
Der SpaceFrame-Rahmen, die Aluminiumhaut, die achtzehn Kilogramm leichten Flügeltüren mit ihrer erstaunlich gelungenen und alltagstauglichen Kinematik werden übrigens bei Magna Steyr in Graz gebaut und fertig angeliefert.
Der 6,2-Liter-V8 wurde mit einer Trockensumpfschmierung konstruiert, um ihn möglichst tief einbauen zu lassen.

„Wie in einer imaginären Bobbahn raspelt der SLS durch schnell gefahrene Kurven, ­immer am Anschlag des Drei­stufen-ASR, das in seinem Sportmodus kühne Driftansätze zulässt.“

Erstaunlich, wie leicht und ohne jegliche Untersteuerungstendenz der Langschnauzer selbst in enge Kurven geht. Wenn das folgende Herausbeschleunigen mit einer sanften Kurve verbunden ist, die Fliehkräfte also bei gleichbleibendem Lenkeinschlag dramatisch steigen, entsteht auf dieser sphärischen Parabel so ein blümerantes Gefühl, das in einer vertikaleren Ausrichtung zur Sensation von Schwerelosigkeit führen könnte.

Denn dank der tiefen Schwerpunktlage, der breiten Spur, des langen Radstandes, des leichtgeschmiedeten Rennfahrwerkes ist man nun schon sehr schnell unterwegs. Es empfiehlt sich immer, die Multifunktionsanzeige auf digitale Tempoanzeige zu stellen, denn der Tacho selbst ist vielleicht für das Designmuseum inte­ressant, zum Ablesen aber ­problematisch. Allein deshalb, weil er Markierungen bis Tempo 360 auf einem Dreiviertelkreis unterbringen muss.
Man kann sich aber auch an dem zwischen den Rund­instrumenten ablesbaren Durchschnittsverbrauch delektieren: 25 l/100 km in der Stadt, verträgliche 15 überland. Wer die normgerechte Dreizehnliter-Marke erreicht, wird umgehend heiliggesprochen.

Da sei die Klanghölle vor

Man möchte den Motor ständig mit dem linken Fuß niederbremsen, um noch ausgehöhltere Klangvolumina zu erzeugen. Es hilft hier auch, die Sport-Plus-Stellung am Drehknopf zu aktivieren. Man ist ganz verschossen in dieses ungekämmte Röcheln und Rotzen, das DOWN-Schaltpaddle wird zum Trompetenventil, mit dem man herzhafte Glissandi erzeugt, die sich mittels Gas­pedal zu brausenden Stimmgewittern befreien. Selten ist man so klangreich unterwegs, und manchmal scheint weniger der Straßenverlauf als das Symphonische Gesamtwerk die Fahrweise zu bestimmen. Dabei kann man dem abgestochenen Hämmern des V8 keine grundsätzliche Klangschönheit zusprechen – klingt typischerweise immer, als liefe er nur auf sieben Zylindern.
Der weit, weit nach hinten geschobene Motorblock und das noch weiter (zur Hinterachse) verschobene Getriebe tragen zur Konzentration der Schwermitte bei und sorgen für eine ideale Gewichtsverteilung. Man bekommt sehr schnell Vertrauen in das Fahrwerk, der Wagen pendelt dank seines immensen Radstandes geradezu behaglich aus und kann beim Schuhebinden eingefangen werden, allerdings springen die elektronischen Fangsysteme sofort wieder ein, wenn die Bremse nur angetippt wird.

Alles, was der Fall ist, wird aus einer idealen, via E-Lenksäule und aufwendig einzuregelnder Sitzverstellung hergestellten Fahrerposition bedient. Man ist perfekt zwischen den verstellbaren Wangen der mit Magnesium gestählten Sportsitze situiert, es gibt überhaupt keine Ausreden, bis vielleicht auf die massive A-Säule, die ganze Radfahrer verschluckt.
Parkwarner vorn und hinten sind hier Notwendigkeit, nerven aber, wenn ständig Leute herumscharwenzeln und alles piept.

Faszinierend am SLS AMG ist die betörende Schlichtheit, mit der hier zum Beispiel die Schaltvorgänge des perfekten, neu entwickelten Siebenganggetriebes absolviert werden, unter Last beim fugenlosen Hochbeschleunigen, mit dramatischen Zwischengasstößen beim Herunterschalten. Besser kann das kein Klaviervirtuose. 571 PS werden auf eine Weise gezügelt, dass sie gerade durch ihre Riesenspielzeughaftigkeit weniger einen geschickten als einen umsichtigen Fahrer benötigen. Aber Umsicht hat er ja bereits bewiesen, indem er 213.100 Euro an allen Willfährigkeiten des Lebens vorbei zum Mercedeshändler transferieren konnte. 

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