mercedes-benz sl 500 2012 silber front vorne seite
Der SL bleibt die kompakteste Spielart, eine ­Luxuslimousine zu fahren.
 

Testbericht: Mercedes-Benz SL 500

Von der Würde des Reifens und absolut unwürdigen Erlebnissen an der Tankstelle.

04.11.2013 Autorevue Magazin

Lasst uns zuerst übers Alter reden, damit das leidige Thema vom Tisch ist. Der SL steht ja seit jeher unter dem Generalverdacht, ein eher gesetzteres Publikum anzusprechen. Es ist also für einen frisch­ge­backenen 50-plus (oder UHU, also Unter Hundert, wie der ­eigene Nachwuchs gerne kräht) nicht als uneingeschränktes Kompliment zu verstehen, wenn man plötzlich in dieser Redaktion der Jungen und Junggebliebenen als führender SL-Experte dasteht.

Aber tatsächlich, der Faktor Zeit funktioniert:

Beim letzten Modell, also 2001, widmete man sich dem SL noch mit zarter Erfreulichkeit, aber doch hoher professioneller ­Distanz, etwa so, wie man als schwuler Modedesigner die Maße von Gisele Bündchen abnehmen würde. Nun, gut zehn Jahre später, fühlt man sich plötzlich direkt angesprochen von den Prinzipien und der Lebensart, die der SL vermittelt. Es scheint also eine ­gewisse Reife nötig zu sein, um die Tiefenschärfe des Gebotenen zu verstehen.

Womit wir mitten im Kern des SL wären:

Welches Auto fuhr der Qualitäts-, Haptik-, und Funktionalitäts-Fetischist Steve Jobs? Richtig, einen SL (übrigens alle sechs Monate einen neuen in exakt gleicher Farbe und Ausstattung, so fiel der ständige Autowechsel nicht auf und er konnte nach kalifornischer Gesetzgebung stets ohne Nummerntafel unterwegs sein). Und ja, Apple-Erwecker Jobs hätte auch mit dem neuen SL seine Freude gehabt. Verarbeitungsqualität, Haptik und Funktionalität sind schlicht superb, selbst wenn man die allerhöchsten Maß­stäbe anlegt. Der SL bleibt die kompakteste Spielart, eine ­Luxuslimousine zu fahren, auch wenn er in den Abmessungen innen wie außen spürbar zugelegt hat. Nicht zu vergessen natürlich die Details: Etwa das Leder mit sonnen­reflektierender Beschichtung, das in seiner Lichtdurchlässigkeit dimmbare Glasdach, die Wisch-Wasch-Anlage, die auch offen die Passagiere trocken lässt, oder der durch Fuß­wedeln zu öffnende Kofferraumdeckel (wenn Sie also demnächst jemanden auf dem Supermarkt-Parkplatz Quickstep tanzen sehen, will er bloß seinen Kofferraum öffnen). Und natürlich zeigt sich auch das Offenfahren von seiner gnadenlos perfekten Seite mit Warmluftföhn fürs Genick und dem elektrisch stufenlos verstellbaren Windschott.

mercedes-benz sl 500 2012 silber faltdach dach verdeck

Das Dach-Puzzle fügt sich verlässlich in 20 Sekunden zusammen.

Als purer Sportwagen war und ist der SL dagegen ein furchtbares Missverständnis, und dies gilt ab sofort besonders für den 500er.

Minus 0,8 Liter Hubraum, aber plus zwei Turbolader bringen zwar Leistung bis zum Abwinken und darüber hinaus – und doch wirkt der neue SL nicht so harmonisch wie sein Vorgänger, wenn man es eilig hat. Da die 700 Nm bereits knapp über Leerlauf anfallen, die Leistungsentfaltung sich aber doch einen Sekundenbruchteil Nachdenkpause gönnt, hängt der Motor bei ­forcierter Gangart nicht kontinuierlich am Gas, sondern ­explodiert förmlich unterm rechten Fuß. Dementsprechend schwierig ist es auf engem ­Geläuf, einen harmonischen, flüssigen Schwung hinzukriegen. Ohne optionale Karosserie-Wankkontrolle ABC schaukelt die Karosserie auch mehr, als einem lieb ist. Man wirddie Gasslheizerei also ziemlich schnell bleiben lassen oder doch zum SL 63 AMG wechseln, der genau diese Probleme nicht hat (siehe Modellvorstellung).

mercedes-benz sl 500 2012 silber motor motorraum

Der Biturbo-V8 hat aber auch seine Vorzüge, und die wird man im täglichen Gebrauch öfter einfahren können. Seine Laufkultur reicht bis zur Selbstverleugnung, auch beim Bergauf-Beschleunigen auf der Autobahn ist da nicht mehr als der Hauch einer Ahnung eines V8-Sounds. Im Grunde hört man die ganze Zeit genau nichts – so als würde man in einem Elektroauto sitzen, nur leiser, weil fast ohne Abrollgeräusche. Das Schmalz kommt ohne jedes Pathos, genau wie es sich für den souveränsten aller Cruiser gehört. In diesem Modus passt dann auch die Lenkung und ­Federung wie angegossen.

Und dann wäre da noch der Verbrauch:

Mehr als 12, 13 Liter sind nur mit viel jugendlichem Übermut rauszufahren, nach einer penibel legal gefahrenen Innenstadt-Innermanzing-Normverbrauchsrunde waren nicht mehr als 9,3 Liter fällig. 9,3 Liter für einen 435-PS-Sportwagen, das stimmt schon fast ein bissl traurig, nicht wahr?

Aber so ist das halt in dieser modernen, furchtbar korrekten Welt.

 

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