Mercedes-BEnz ML 350 Bluetec 4matic
Sparsam eingesetztes Design ist immer noch am besten.
 

Testbericht: Mercedes-Benz ML 350 Bluetec 4matic

Für wahre Größe braucht es mehr als Länge, Breite und Gewicht. Zum Beispiel die Anmutung des ­gelungenen Meisterwerks (und viele Ablagen).

06.03.2012 Autorevue Magazin

Es ist natürlich nicht ganz unfrech, als Stadtbewohner, und das sind wir ja wohl fast alle, an den Erwerb eines Autos wie der Mercedes-Benz M-Klasse auch nur zu denken. Es verstopft völlig eigenständig Gassen, es verbraucht mehr Parkplatz, als demographisch erlaubt wäre, es verstellt anderen die Sicht auf die schönen Dachausbauten und verbraucht dabei mindestens zehn Liter Diesel auf 100 Kilometer.

Mercedes-BEnz ML 350 Bluetec 4matic

Das ist die Außensicht. Die Innensicht ist, dass, wer einmal Mercedes Benz M-Klasse fuhr, für das nachhaltige Auto eher verloren ist. Weil: Sind Sie schon einmal Smart gefahren? Eben. Wir hoffen auf die Wirtschaftskrise als regelndes Element.

Der ML 350 Bluetec war eine Zeit lang unsere Festung.

Das ist nicht der, von dem Mercedes erzählt, man käme mit einer Tankfüllung (großer Tank als Option) von Wien bis Göteborg. Es ist der, von dem wir erzählen, man kommt mit einer Tankfüllung (ebenfalls großer Tank) von Wien bis Bern, was an sich auch okay ist. 10,2 Liter für diesen ­Brocken Auto lässt sich plau­sibel darstellen. Vom angegebenen Normverbrauch sind wir da etwas weg, aber wir hatten viel deutsche Autobahn und Wien unter den Rädern.

Der Mercedes-Benz ML ist ein Reise­wagen ebenso wie alles andere.

Die Parkplatzauswahl in der Stadt ist ein wenig eingeschränkt, andererseits wird man dafür entschädigt von dieser Riesenportion Gelassenheit, die sich beim Fahren sofort über die Insassen stülpt. Um dich herum wuselt es, ­hinter dir lichthupt einer von diesen Schnöseln, die glauben, sie wären wer, nur weil sie ­einen schwarzen Audi A4 mit Xenonlicht haben, vor dir geht die Welt unter, na und? Du sitzt im dicken und hohen und fast lautlosen Benz und verhältst dich stets höflich und souverän, bei gleichzeitiger Beachtung der für die Gesundheit so bekömmlichen Straßenverkehrsgesetze.

Mercedes-BEnz ML 350 Bluetec 4matic

Auch die M-Klasse wurde in ihrer dritten Generation in Teilen vom nun so allgegenwärtigen Downsizing erfasst.

Das Einstiegsmodell 250 Bluetec (Diesel mit Harnstoffeinspritz-Katalysator gegen Stickoxid-Emission) kommt recht fettarm mit vier Zylindern daher, unser ML 350 Bluetec hat einen Sechszylinderdiesel mit drei Litern Hubraum und 258 PS. Das entspricht der Façon dieses Autos, es ist dem Downsizing dann doch glückreich entschlüpft. Bis in die hohen Hunderter hinein ruht dieser Motor in sich wie ein schlafender Sumo-Ringer, bei gleichzeitig unsichtbarer Verrichtung schwerster Arbeit, als wär’s Telepathie. Der Output ist aber Vortrieb in großer Versammlung.

Unser Testwagen verzichtete auf das optionale Offroad-Paket, welches um 2.614 Euro sechs Fahrprogramme, darunter zwei für Offroad, anbietet. Das ist für die Kür, die keiner je verlangt. Aufpreisfrei hin­gegen ist permanenter All­radantrieb, ein über eine Taste ­aktivierbares Offroad-Programm, zudem Anfahr­assistent und Bergabfahrhilfe und damit alles, was den von der Straße abgekommenen Wochenend-Landedelmann wieder zurück auf sicheren Grund und nach Hause zur geerbten Geweihsammlung bringt. Dies sogar je nach ­Vorliebe abgesenkt oder hochgestellt, wenn Airmatic gewählt wurde (Wattiefe von 60 Zentimetern – auch nichts, was man oft braucht).

Doch bitte nicht missverstehen:

Der ML 350 wirkt alles andere als zimperlich, weder außen noch innen, und wer damit tatsächlich als Hüttenwirt seine Mobilität bestreitet, wird das zufrieden tun. Ja, auch innen wirkt alles abwasch- oder abbürstbar, vielleicht geht sogar der Gartenschlauch. Gegen die feiste Blockhütteneckigkeit der ­ersten Generation herrscht nun fortgeschrittene Eleganz und ­Noblesse, man versuchte mit Erfolg, den S-Klasse-­Charakter in Richtung maximaler Robustheit auszudehnen. Und maximaler Alltagstauglichkeit. ­Alleine in der Mittelkonsole befinden sich: drei Ablagen mit rutschfestem Boden, zwei Cupholder und ein riesiges Staufach mit Deckel. Wenn eine Marke wie Mercedes dem so viel Aufmerksamkeit widmet, dann sollten sich andere nicht zu schade sein, das auch zu tun, liebe Franzosen.

Mercedes-BEnz ML 350 Bluetec 4matic

Im Thema limousinenhaftes Fahrverhalten, wichtig für alle SUV-Hersteller, da die Menschen zwar ein solches Auto haben wollen, aber nur, wenn es sich nicht so anfühlt – in diesem Thema also sind wie­derum Fortschritte gelungen, was nicht zuletzt an der direkten und leichtgängigen Lenkung liegen mag. Das lässt sich mit der Wankstabilisierung mit ­aktiven Querstabilisatoren um 4.270 Euro noch ausbauen. Mehr als 2000 Kilo wiegt das Auto trotzdem, und man spürt das auch immer wieder.

Nicht zuletzt, wenn man die serienmäßige Heckklappe aufstemmt, die an den zwei Tonnen keinen geringen Anteil haben dürfte. Ein Kollege sagte, er habe sie immer von seinen Kindern aufmachen lassen, wofür wir ihm das Jugendamt auf den Hals hetzen könnten. Wir empfehlen als Alternative die Investition in die elektrische Heckklappe, welche um 713 Euro auf Knopfdruck aufgeht, und glauben Sie uns: Nie war ein Extra wohlfeiler.

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