Mercedes G350 BlueTec Detail
So spät im Leben zu immer größerem Erfolg auslaufen, ist höchst bemerkenswert.
 

Testbericht: Mercedes-Benz G350 BlueTEC

Mehr Mercedes G als heuer wurden in keinem der letzten 33 Jahre verkauft.

15.04.2013 Autorevue Magazin

Der Angriff kam aus dem ­Hinterhalt. Ich wähnte mich unangreifbar in der lichten Höhle. Ich war über das Trittbrett in den lederbezogenen Hochsitz geklettert, hatte das kerzengerade schwere Türblech in den Rahmen gewuchtet und den Motor angelassen – plötzlich lud links neben ­meiner Schläfe ein Karabiner durch. Mit einem harten Knall rastete kaltes Metall in Posi­tion. Mein Herz blieb stehen, kurz, adrenalinschnell schaltete sich aber die Vernunft wieder zu und sagte: Ruhig Blut! Das ist kein Überfall, der G, dieses Vieh, hat bloß dicht ­gemacht. Es war die automatische Türverriegelung, die mit dem ­zarten Begleitgeräusch eines mittelschweren Waffengangs auf ZU geschnappt war.

Willkommen in der Welt des G! Es ist eine äußerlich harte Welt mit einem luxu­riösen Innenleben. Eine Welt, die nach dem darwinistischen Gesetz der Überlegenheit gestrickt ist. Und eine Welt, in der man sich immer sicher und gut aufgehoben fühlen kann, egal ob da draußen vor der senkrechten schmalen Windschutzscheibe der Hindukusch, die Atacama-Wüste, der Moskauer Ring oder der Rodeo Drive liegt.

Ich sehe von meinem Hochsitz auf eine brave Vorstadt. Ich sehe auf sie hinunter. Ich kann über Zäune in Vorgärten schauen, in Kinderwagen und in die Cockpits der Autos neben mir. Ich sehe auch auf Lieferwagen hinunter, das ist eine neue Erfahrung. Eigentlich passt der G nicht hierher. Er ist ein kantiger Zweieinhalb-Tonnen-Gigant in ­artfremder Haltung. Seinem Können kann kein Hügel im Umkreis von hundert Kilometern das Wasser reichen, die Wege zu allen Golfplätzen sind asphaltiert, und die paar Schlaglöcher vor den Gestüten geraten zum Hohn an seiner ­Fähigkeit, einen Gebirgszug niederringen zu können. Das aber ist die Welt, in der der G jetzt ganz zu Hause wäre.

Mercedes G350 BlueTec

Normalerweise machen ­Auto-Modelle alle sieben Jahre einen Generationenwechsel durch. Nicht der G. Er ist seit den Siebzigerjahren im Wesentlichen unverändert geblieben. Leiterrahmen, Starrachsen, Hardcore-Allrad mit drei 100-Prozent-Diffs. Das eigentlich Erstaunliche aber ist: Er ist beliebt wie nie zuvor. Die zivilen Eliten der Welt sind neuerdings ganz verrückt nach dem G. Mit ihnen feiert der alte ­General G einen beispiellos späten Frühling, während nach den gängigen Markt­gesetzen eigentlich längst ein ­Urenkel das Kommando hätte übernehmen sollen.

Inklusive aller Militäraufträge wurden seit 1979 mehr als 215.000 Autos verkauft, über die Jahre gerechnet also rund 6000 Stück pro Jahr. Seit 2009 hat sich der Anteil der zivilen Versionen nahezu verdoppelt. 2012 waren es rund 8000, vier von fünf übrigens V8-Modelle, und seit Neuestem werden wegen der zunehmenden Beliebtheit sogar zwei AMG-Modelle angeboten – ­neben dem Achtzylinder auch ein V12 mit 612 PS.

Deutschland, USA und China nehmen von der Gesamtproduktion rund je ein Viertel, wobei sich China zahlenmäßig am lebhaftesten entwickelt. Im letzten Viertel, das den Rest der Welt zusammenfasst, spielen Russland und der arabische Raum tragende Rollen.

Es ist fast lachhaft, aber: Niemand kapiert auf Anhieb, wie die Türen aufgehen. Da stehen die Leute dann und zerren verzweifelt an den Türgriffen, die natürlich nicht nachgeben. Man muss mit ziemlicher Daumenkraft einen altmodischen Knopf drücken und die Mechanik, die dann so gnadenlos laut wieder auf ZU schnappen wird, entriegeln. Kinder und schwache Vertreter beiderlei Geschlechts sind zum Scheitern verurteilt. Auch der Respekt vor Parkhäusern ist groß. Vorsichtiges Herantasten an die schwarz-gelbe Überkopf-Messlatte. Und wer sagt, dass drinnen nicht doch ein Oberrohr tiefer verbaut wurde? Die Höhe täuscht natürlich. 1,95 Meter lassen immer noch ein bisschen Spiel nach oben, und trotzdem zieht man intuitiv bei jeder Deckenquerstrebe den Kopf ein (als würde das etwas nützen).

Mercedes G350 BlueTec

Die Mercedes G-Klasse wird seit seinen Anfangstagen im Grazer Puch-Werk (heute Magna) gebaut, was ihn über seine Entwicklungsgeschichte hinaus zu einem eigentlich echt österreichischen Auto macht. Stolz und Arbeitsplätze sind damit verbunden. Anfang des Jahres gab es jedoch einige Aufregung am steirischen Produk­tionsstandort. Die Daimler-Konzernleitung überlegte, die Montage des G in das Mercedes-Werk nach Ungarn zu verlegen, aus Kostengründen, falls Magna bei Vertragsverhandlungen nicht zu entsprechenden Konzessionen bereit gewesen wäre. Magna hat hart verhandelt, der G bleibt in Graz. Und wegen der weltweit steigenden Nachfrage und ein paar interessanten Militär­aufträgen könnte die Produk­tion bald auf bis zu 10.000 Stück hochgefahren werden.
Mercedes hat den G heuer mit aller Vorsicht überarbeitet. Ein bisschen LED-Leuchtwerk und ein paar neue Seiten­spiegel, mehr würde man sich nicht gefallen lassen, stellte Mercedes via Kundenbefragung fest, und natürlich hütete man sich, die Erfolgsaura des Urgesteins Made in Styria anzukratzen. Luxus und Sicherheit ließen mehr Handlungsspielraum zu. Vor allem die neu gestaltete Mittelkonsole ist dabei ein echter Gewinn und der für den G neue V6-Diesel, der EURO 6 erfüllt.

Abgesehen von der Unbeugsamkeit, mit der die Gestalt des G die Jahrzehnte überdauert hat und sich von allen Moden der SUV-Pandemie fernhielt, hat eines seiner Maße etwas herrlich Gestriges: Mit 1,76 Meter Breite ist der G bei all seiner ausladenden Größe ein nach­gerade schlanker Geselle, der einem links und rechts freudig viel Platz zum Aussteigen lässt. Auf die heutige Breite verzichte ich gerne. Bloß an das Karabiner-Durchlade-Geräusch – Herzstillstand! – kann ich mich nicht so recht gewöhnen.

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