Testbericht: Mercedes-Benz E 500 Cabriolet

Leichter leben durch Konzentration aufs Beste. Ein Plädoyer für sattes, sauerstoffangereichertes Autofahren.

26.07.2010 Autorevue Magazin

Lasst uns über Perfektion reden. Was braucht ein Auto, um diesen Status zu erlangen? Zuerst einmal Qualität, und zwar mit ausreichend Schärfentiefe. Souveräner Komfort ist eh klar, aber eigentlich geht die Forderung noch viel weiter, besser wäre ein grundsätzlich geschmeidiges Wesen, weil das Leben ja bisweilen ruppig genug ist. Eine gewisse Kompaktheit macht den Alltag angenehmer, zudem sollte das Ding in der Hand liegen wie ein Lieblingswerkzeug. Und wenn man einmal so eins geworden ist mit dem Gerät, könnte man das sogar als zarten Hauch von Sportlichkeit interpretieren, was hier allerdings in einem wunderbaren Kontrast zur ­eigentlichen Ambition steht.

All das kann ein E 500 ­Cabrio, und das alles, noch ­bevor man überhaupt das Dach aufgemacht hat. Dann beginnt das Staunen erst wirklich, das liegt an der Erfindung von Aircap. Darunter ist ein Spoiler im oberen Rand der Windschutzscheibe zu verstehen, der im ausgefahrenen ­Zustand ein höchst effektives Windschild ergibt. Mit Scheiben, Windschott und Aircap oben (die wichtigsten Cabrio-Bedienelemente sind in der Mittelkonsole zusammengefasst und unter einer Klappe versteckt) lässt sich bei 130 ­gediegene Plauder-Lautstärke erleben, und selbst darüber steigt die Lärmkurve nur flach an, über 200 beginnt es dann ein wenig zugig zu werden. Als Cabrio-Erlebnis ist das insgesamt ziemlich gespenstisch, man beschließt, dass es jetzt reicht, und erfreut sich weiterhin am Führerscheinbesitz.

Im Alltag wird wichtiger sein, dass sich im Bummel­tempo, also bis etwa 100, sogar auf den Rücksitzen halbwegs zugfreies Fahren ausgeht, und das ist mal wirklich was Neues: ­Cabriofahren als ungetrübtes Familienerlebnis. Wir erleben hier also einen fast vollwertigen Viersitzer, sieht man einmal von der bescheidenen Kopffreiheit hinten (bei geschlossenem Verdeck, eh klar) und dem noch bescheideneren Kofferraum-Volumen offen ab (aber da stecken wir schon sehr tief in der öden Alltagspflicht).

30 Sekunden für die Dachnummer sind kein Weltrekord, reichen aber für die Ampel, zumal sich der Prozess bis 40 km/h ausdehnen lässt. Es dauert eben, bis ein ordentliches Dach über dem Kopf errichtet ist, und das Verdeck schafft tatsächlich Vertrauen für viele harte Winter – auch wenn das ein eher theoretischer Fall bleiben wird, besonders für den 500er.

In der allgegenwärtigen Perfektion fällt es schwer, sich im E Cabrio ein anderes Triebwerk als den 5,5-Liter-V8 vorzustellen. Nicht wegen der Leistung natürlich – dass inzwischen 388 PS die bescheidenste Möglichkeit sind, um einen Achtzylinder-Mercedes zu fahren, wol­len wir als Hoppala bzw. Missverständnis in der Entwicklungsgeschichte ablegen. In Wahrheit geht es um Souveränität & Sound: Gelassenheit in allen Lebenslagen. Saftig-sattes Schmatzen beim Antritt. Das fugenlose Zusammenspiel mit der Automatik. Das Säuseln, das Brabbeln, das Brodeln, das Wummern, das Fauchen – die ganze herzergreifende Tonleiter, die so ein V8 zustande bringt. Nein, es geht nicht um 388 PS, es geht um ein ­Lebensgefühl. Richtig hart angepackt, also im Bereich von schätzungsweise 300 genützten PS aufwärts, stößt die im Alltag makellose Verwindungssteifigkeit ohnehin an ihre Grenzen. Viel schlimmer ist aber, dass man sich dann selber ein bissl gaga fühlt.

Wie so oft im Leben hat Perfektion ihren Preis, der sich hier auf den Euro genau definieren lässt. Mit Extras kommt dieses E 500 Cabrio auf 106.756 Euro. Wir haben lange nachgedacht, worauf wir verzichten könnten, sind aber, sicherlich vollgedröhnt von der totalen Luxuspackung, nicht wirklich weitergekommen. Auf den V8? Sicher nicht. Das Nappa-Leder? Ist quasi ein eineiiger Zwilling des V8. Einparkhilfe, Navi, Harman-Kardon-Soundsystem? Lächerlich. Am allerwenigsten verhandelbar ist allerdings das Cabrio-Komfortpaket, bestehend aus Aircap und Airscarf, für etwa 1.500 Eier: Damit lässt sich nämlich die Cabrio-Saison um mindestens drei Monate verlängern. Und spätestens ­An­fang November werden wir diejenigen sein, die die harten Roadster-Jungs mitleidig belächeln.

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