Mercedes Benz CLS 500 Shooting Brake Testbericht
Fünf meter makelloses Auto, bis in die letzte Sicke durchkomponiert und ohne überflüssige Rücksichten auf artfremde Funktionalität.
 

Testbericht: Mercedes-Benz CLS 500 Shooting Brake

Avantgarde trifft auf die Bewahrung des Edlen und Guten.

27.03.2013 Autorevue Magazin

Die erste Ausfahrt mit dem CLS Shooting Brake führte uns aufs Land, ein abwechslungsreicher Slalom durch die Voralpen. In jeder Kurve schlitterte im Laderaum die 20 Kilo schwere Eishockey-ausrüstungstasche über den Boden aus amerikanischer Kirsche (Prunus serotina Ehrh.), um fast ungebremst an der jeweils kurvenäußeren Reling anzudonnern. 5.500 Euro Aufpreis für einen guten Quadratmeter Parkettboden, und wenn wir das selber bezahlt hätten, wir hätten uns entleibt bei diesen Schabe­geräuschen von hinten.

Später stieg ein Freund zu, auch er hatte eine Eishockey­tasche bei sich, außerdem eine Hundedecke zur Schonung des Bodens, er war vorgewarnt. Rein optisch hat der 5.500-Euro-Laderaum des CLS Shooting Brake durch die Hundedecke nicht gewonnen. Auch praktisch ist es nicht, wenn immer irgendwo eine Hundedecke im Weg liegt. Und verrutschen tun die Sachen auch mit Hundedecke, nur der Boden wird dabei nicht kaputt.

Daher ein Tipp: Sollten Sie sich nicht hundertprozentig sicher sein, dass Sie den Laderaum absolut nie mit irgend­etwas beladen werden, nehmen Sie um genau dasselbe Geld lieber das AMG Carbonpaket Exterieur. Das ist auch ein bissl affig, wird aber wenigstens nicht sofort kaputt. Wir geben trotzdem gerne zu, dass es in der neueren Automobilgeschichte noch nicht viel so Hübsches wie diesen Kirschholzladeraum-boden gegeben hat.

Vor dem Hintergrund breit praktizierten Mercedes-Bashings und BMW-Lobens, zuletzt ganz intensiv im Spiegel (39/2012), muss gesagt werden: So was wie den CLS Shooting Brake haben sie in München nicht zusammengebracht, und immer, wenn die was ­exzentrisch Neues machen, ächzt die Fachwelt, und der Laie – kauft’s (X6 zum Beispiel).

Vor dem CLS Shooting Brake aber liegen alle flach, und dass der in den Geschäften übrigbleibt, können wir uns nicht vorstellen. Befreiungsschlag, Comeback, souveränes Statement einer Marke, die einmal als etwas angestaubt galt. Dass wir dem Mercedes in unserem Vergleichsdatenkasten einen BMW 5er GT zur Seite stellen, ist nur eine Hilfskon­struktion, weil es per Statut immer drei Autos sein müssen. Der Pana­mera ist da schon schlüssiger. Aber eigentlich steht der CLS Shooting Brake allein. Natürlich ist es noch niemandem eingefallen, ein Coupé mit ­einem Kombi zu kreuzen.

Das nämlich soll der Shooting Brake sein. Betrachten wir die Sache etwas nüchterner, könnten wir auch ­sagen: Das ist ein Kombi, der hinten ­flacher wird und vorne wie ein CLS aussieht. Bis zur B-Säule sind die ­beiden identisch, und innen auch. Beim Shooting Brake sinkt das Dach nach hinten nicht so ab, aber immer noch viel für einen Kombi. Es gibt eine ordentliche Heckklappe mit ausreichend großem Einlass und hinter der Klappe ­einen ausreichend großen ­Laderaum. Wer es größer will, muss zur E-Klasse greifen, ­worauf der CLS technisch ­ohnehin gründet.

Mercedes Benz CLS 500 Shooting Brake Testbericht

Er wirkt aber erheblich massiger. Das liegt vielleicht auch an unserem Motor, dem diesseits von AMG ge­waltigsten der Baureihe. Acht ­Zylinder, 4,6 Liter Hubraum, 408 PS. In der normalen E-Klasse gibt’s genau den auch, aber dort platzt er irgendwie aus den Nähten. Im CLS platzt er schon deutlich weniger, und im Shooting Brake passt er ganz, denn dieses Auto hat einen leicht gewalttätigen Touch – sei es der Name, sei es das irgendwie arge Heck, sei es die in unserem Fall so düstere Farbe. Oberklasseauto macht auf Death Metal mit original Masters-of-War-Soundtrack, vor allem in Tiefgaragen.

Zu den Salzburger Festspielen reisen wir vielleicht doch weiterhin in der S-Klasse an. Sehr, sehr gut luftgefedert, im 500 serienmäßig, dämpft sich der CLS über den Belag. Die Taste für die Dämpfungsverhärtung kann man getrost ignorieren, das Auto macht auch so alles richtig. Das Fahren ist souverän, im Grunde auf einem weit höheren Preisniveau angesiedelt – es ist dieser gefühlvolle, ausgleichende Umgang mit der Oberfläche, den nur Autos der ziemlich obersten Liga so hinkriegen.

Hat man sehr sinnvoll die fahrdynamischen Vordersitze ge­ordert (im Aktiv-Multikontursitzpaket 1.794 Euro), spürt man die Kräfte kaum, die in diesem schweren Wagen kurvenbezogen freigesetzt werden. Der CLS und insbesondere der CLS Shooting Brake und noch insbesonderer der 500 ragt aus der Oberklasse in die Luxusklasse hinein. Gerade im Innenraum: Die Verarbeitung, die Materialien, das Design – alles orientiert sich weit mehr zum Beispiel an Bentley, als das in dieser Preiskategorie zu erwarten ist.

Eine E-Klasse entspricht im Vergleich zum CLS sehr normalen Transportbedürfnissen, alles ist toll, aber nichts ist wirklich edel. Im CLS ist alles auch noch luxuriös. Sagen wir einmal, fast 100.000 Euro sind real wirklich viel Geld, und ­dafür darf man auch etwas ­geboten kriegen, etwa gutes Leder serienmäßig.

Und vor allem unangreifbare Perfektion. Alleine, wie die Rändelräder der Lufteinlässe gleiten: wie kugelgelagert (sind sie natürlich nicht). Und kein schamhaft verborgenes Detail, an dem man sieht, hier wurde gespart, weil es eh nicht so wichtig ist (wie man das ­nämlich bei dreimal so teuren Exoten immer wieder hin­nehmen muss).

Versteht sich, dass dieses Auto bis zum Dachfirst aufrüstbar ist. Unseres hatte neben einigem Aufpreislametta auch alle denkbaren Assistenten, sogar den für die Nachtsicht, und repräsentierte auf diese Weise schon nahezu das Maximum, was man derzeit aus dem Konsumartikel Auto machen kann. Das alles für etwas mehr als 130.000 Euro (der Shooting Brake ist nur 1.780 Euro teurer als der normale CLS). Knapp sieben dazu, und es gibt auch noch Allrad, knapp sechs wieder weg, und man erspart sich den Kummer mit dem zerkratzten Holz. Wir wagen den Lehrsatz, dass dies nun die Messlatte für automobiles Glück zu sein hat.

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