Mercedes B-Klasse stat voli
Der Vorgänger steckte noch mit allen vier Rädern in seiner pragmatischen Vergangenheit.
 

Vorstellung: Mercedes-Benz B-Klasse

Die B-Klasse wurde ein cooler Allrounder mit hoher haptischer Qualität.

02.12.2011 Autorevue Magazin

Wir steigen ein und ermessen in der Sekunde das Ausmaß der Veränderung. Da waren doch früher diese steil abfallenden Armaturen mit den ­Belüftungsgittern links und rechts und den ganzen Knopferln, und das hat alles ausgeschaut, als wäre es punktgenau für eine doch eher sehr konservative Klientel gemacht worden.

Jetzt nimmt die Mittelkonsole einen eleganten Schwung nach unten und zieht sich dann zwischen den Vorder­sitzen hindurch – mit Ablagen! (Die wurden überraschenderweise bei einigen Marken vergangenes Jahr abgeschafft.) Überfallskantiges und Grobknochiges – dazu war Mercedes ja immer auch fähig – ist ganz verschwunden. Fünf runde Belüftungsdüsen setzen zarten Akzent Richtung Klassik, sind aber insgesamt zu stylish, um unter echten Retroverdacht zu geraten. Und düsig ist sowieso immer die Hauptsache, würde Fontane sagen.

In der Mitte der Tribut an seine Universalität iGod, diesfalls in Form eines Screens, der stark an ein iPad erinnert. Allerdings, wer mit den Fingern gleich das Bild aufspreizen will, erntet Abweisung. Kein Touchscreen. Wollen sie bei Mercedes immer noch nicht, zum Beispiel wegen der fettigen Finger, die jeder hat.

Und vor allem ist da dieses Dreispeichenlenkrad, das täten wir uns auch im SL gefallen lassen.

B-Klasse ist charakterlich stark verjüngt, aber immer noch sehr Mercedes, das heißt: steht auch Golden Agern zu Gesicht. Nichts von der ­gewollten, aggressiven Alphatier-Juvenilität, wie sie vor ­allem die kleineren BMWs und Audis zelebrieren.

Mercedes-Chefentwickler Weber sagt, so viele Neuheiten auf einmal hätte es noch bei keinem Mercedes-Modellwechsel gegeben. Das lässt sich kaum überprüfen, aber ein ­solcher Eindruck entsteht tatsächlich. Natürlich wurde der Kompaktvan nicht neu erfunden: Im Grunde eine vorn ­geschrägte Schachtel auf vier Rädern, was anderes gibt die darstellende Geometrie nicht her.

Was sie aber hergibt: Neun Zentimeter länger ist der Neue geworden, entsprechend geräumig ist es innen und sogar hinten. Vor allem aber wurde er vier Zentimeter niedriger, nicht zuletzt, weil der Sandwichboden weg ist, in dem früher Batterie und Tank ­untergebracht waren. Und ­später hätte er Komponenten des Brennstoffzellenantriebs beherbergen sollen, aber dazu kommt es vorläufig ja nicht. Für alternative Antriebskomponenten soll später im Wagenboden trotzdem Platz sein, heißt es (zur variantenreichen Zukunft der Plattform lesen Sie mehr auf Seite 12).

Die Tieferlegung ergibt in Verbindung mit aerodynamischen Feinarbeiten am Unterboden und intelligenten Spielereien wie kleinen gezackten Spoilern im Radhaus einen Klassenbestwert in der Windschlüpfigkeit. Mit dem ECO-Technologie-Paket, das es ­später geben wird, erreicht die B-Klasse den cw-Wert des E-Klasse Coupés.

Und sie hat fahrdynamisch einen großen Sprung getan. Die neukonstruierte Vierlenker-Hinterachse sorgt für ­große Lebendigkeit, der tiefere Schwerpunkt hilft sowieso der Stabilität, und wie freudig der einstige Spaßbremsen-Mercedes jetzt durch die ­Kurven stromert, konnten wir unlängst in Wachau und Kamptal ausloten: B-Klassefahren als Lusterlebnis, auch was Neues.

Dabei gibt es keine Prügelmotoren. Zwei Neuentwicklungen sind im Programm, beide sehr dem Downsizing unterworfen: ein 1,8-Liter-CDI und ein 1,6-Liter-Benziner. In beiden Fällen raten wir zur jeweils stärkeren Waffe (136 bzw. 156 PS). Die Diesel sind im Ton ein wenig trocken, aber durchaus okay, die zwei Benziner hingegen sehr glatt im Abgang, liegen komfortabel im Ohr. Der mit 156 PS gibt sogar richtig Schub. Das Siebengang-Doppelkupplungs­getriebe arbeitet fehlerfrei.

Die B-Klasse liegt auch bei ­hohem Autobahntempo satt am Untergrund. Und alsbald stellt sich das Gefühl ein: Ziemlich genau so viel Auto braucht man für ein gutes ­Leben, alles, was mehr ist, ist Luxus (den kann man auch hier haben: An Extra­aus­stat­tungen herrscht kein Mangel.)

Die neuen Motoren werden vor allem wegen ihrer Sparsamkeit gepriesen – die offi­ziellen Werte finden Sie im Datenkasten. Wir konnten auf Landstraße-Autobahn-Stadt gemischt für den 136-PS-Diesel 6,3 Liter am Display lesen.

Durch das Nach-unten-­Sickern von Sicherheits­features, die es bislang nur in höheren Klassen gegeben hat, finden sich in der Aufpreisliste der B-Klasse Dinge wie Spurhalteassistent, Tempolimit-­Erkennung und Pre-Safe (bei kri­tischer Quer- oder Längs­dynamik werden die Gurten angezogen, die Sitze senkrecht gestellt und die Fenster geschlossen). Nicht in der Aufpreisliste steht der Collision Prevention Assist, denn er ist in allen Modellen serienmäßig, was tatsächlich der von Mercedes beschworenen Demokra­tisierung der Sicherheit entspricht: Das System erkennt mittels Radar Hindernisse, warnt den Fahrer davor und unterstützt ihn tatkräftig beim Bremsen, sobald der deutlich aufs Pedal steigt. Das funk­tioniert ab 30 km/h und bis zur Höchstgeschwindigkeit, es geht also um echtes Über­leben, nicht nur um gebogenes Blech im Stadtverkehr.

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