Mercedes-Benz A 45 AMG 4matic vorne fahrend seite front
 

Testbericht: Mercedes-Benz A 45 AMG 4matic

Perfekte Ballistik im Raum-Zeit-Kataster, ein Sound zum Weinen, doch das Unerhörte scheint sich stets innerhalb der Regelfelder zu befinden: Ist’s auch AMG, so hat es doch Methode.

23.09.2013 Autorevue Magazin

Vier Türen, vierkommadrei Meter Länge, vier (bei Bedarf) angetriebene Räder, vier Zylinder. Und es ist verblüffend, was man aus zwei Liter Hubraum holen konnte (360 PS, somit eine Literleistung von 181 PS pro Liter), und es ist sensa­tionell, wie gediegen diese Leistung zur Straße gebracht wird.

Es bedarf aufgegitzter Hornissen wie Aprilia RS V4 oder Yamaha YZ-RF1, um in der zivilen Motorenwelt auf der­artige spezifische Leistungen zu stoßen.

Mercedes schaffte mit der A-Klasse eine stupende Voraussetzung zum frischen Einstieg einer ganzen neuen Generation von Mercedesfahrern, und hier, am äußersten Ende der Parade, dort, wo es schon fast mehr um Projektionen der Leidenschaft als um echte Besitzerschaft geht, darf man sich auf kosmonautischer Umlaufbahn wissen (54.740 Euro vorausgesetzt).

Mercedes-Benz A 45 AMG 4matic vorne front seite schräg

Alle Raffinessen des Hauses AMG stehen in Hochverdichtung:

Sportfahrwerk, Sport-­Parameterlenkung über eigene Achsschenkel, Speedshift-DCT-7-Gang-Sportgetriebe, Charakteristik Sport- oder Economy (oder manuell), Paddles am Lenkrad, Zwischengas beim Runterschalten und partielle Zylinderabschaltung beim Hochschalten. Das klingt dann, als wäre eine Gasfackel als ­Afterburner gezündet worden: Flummp! Überhaupt der Sound, allein damit könnte man sich schon begnügen. Seltsam, dass er nicht aufpreispflichtig ist in der Galerie der teuren Güter. Schließlich steht schon das Performance-Lenkrad mit 575 Euro in der Liste vor Steuern. Wer sich nicht mit abgeregelter Topspeed von 250 km/h zufriedengeben will, erhält die Freischaltung auf 270 km/h ver­mittels „Driver’s Package“ um 1.980 Euro. Intelligent Light System: 580 Euro. Heißwasser in der Scheibenwaschanlage (empfehlenswert!): 120 Euro. Geschenkt. Übertrieben erscheint der Farbtarif: € 585,– für „Mountaingrau metallic“. Schwerster Brocken: Comand online mit DVD-Wechsler um 3.110 Euro. Dagegen ist Ecall, das europäische Notrufsystem, gratis drin. Kann man gebührenfrei mit der netten Dame sprechen und sie dann beruhigen, dass eh nix passiert ist. Make my day!

Ja, und über rotlackierte Bremssättel (€ 335,–) und den un-ver-zicht-baren Heckflügel (€ 780,–) etc. etc. hantelt man sich voran in die Region von 80.000 Euro, was auch heutzutage noch richtig viel Geld ist für einen Kompaktwagen.

Mercedes-Benz A 45 AMG 4matic schräg Seite

Freilich – bieder dürfen die anderen; wir haben hier eine phantastische Fahrmaschine in den Händen, die so etwas Peripheres darstellt mit ihren unglaublichen Eckdaten, dass wir uns als echte Pioniere der Neuzeit betrachten dürfen. Aufgeräumt motiviert grummelt der Motor im Standgas, jetzt schon Großes verheißend, doch sanft lässt er es bei Bedarf angehen, solange noch die Tempo-50-Tafel in das Display eingeblendet wird. Einparkwunder. ­(Kamera um € 325,– vor der Steuer geleistet.)

Ja aber das Fahren. Gern räumt man die Vorratskiste der Superlative aus. Grandios sowieso. Das geht durch die Raum-Zeit-Kataster voran, gnadenlos. Präzises Fahrwerk, schärft radial durch die Kurven, vor dem Überholen ist zu bremsen, damit niemand erschreckt wird. Jeder Passat, ­jeder Mégane ein Mopedauto.

Mercedes-Benz A 45 AMG 4matic schräg hinten heck Seite

Doch eher verblüfft die SITTSAMKEIT bei aller ungeheuerlichen Verrichtung.

Der A AMG wirkt um eine Klasse größer und getragener, als es ein Kompaktfetzer wie der M 135i darstellt. Das ist keine Kritik, nur eine Feststellung. Die frenetische Brisanz des BMW mit seinen 320 PS auf die Hinterräder (allerdings wahlweise wie der AMG auch mit Allrad) wirkt im Sechszylinder mit TwinPower-Turbo unmittelbarer, wild & aufregend. Das kann man hier im AMG auch haben, aber man weiß sich immer innerhalb der Regelfelder der Bedenken­träger. Egal, ob das Sound­design oder Vortriebs­regelung, Kurveneinzug oder Brems­verzögerung betrifft – alles ­befindet sich im vorgesorgten Bereich, nichts scheint mehr überraschen zu können. Man fährt in Stufe S und sucht nach Stufe RS. Man paddelt per Handbetrieb durch das fugenlose Speedshift-Getriebe, um den Wagen aus seiner Souve­ränität zu scheuchen, ihn zu bösen Taten zu verlocken. No way. Schnell ja, aber nicht das, was man beherzt nennen könnte. Nicht einmal verbrauchsmäßig konnten wir ihn aus der Reserve locken. 9,5 Liter sind zwar weit von der Werksangabe entfernt ­(jemand schaffte es, den ­Wagen mit 6,9 Litern durch den NEFZ-Parcours zu programmieren), doch angesichts der Leistung immer noch sensa­tionell gering. Schlusswort?

Hm. Irgendwo gehen die Enden nicht zusammen, eine zarte Enttäuschung bleibt im Raum hängen.

  • xyz

    Kann die BMW- u. Mercedesbrille gleichermassen aufsetzen und gefallen daran finden, es hat beides was, A45AMG u. M135i, mit u. ohne x-drive;

    Der letzte Absatz bei Hrn. Dahmann „PERFEKT, Sie u.d. Redaktion“ geht gar nicht:
    Für mich bleibt keine zarte, letzte Enttäuschung, sonder eine grobe, immer eldender, diese vormals so geschätze AUTOREVUE-schade :-(

  • campo94

    Wenn man keine Innenausstattung wie in einer Jahrmarktbude und eher spaßige Außenansicht zur Selbstdarstellung benötigt, ist man meiner Meinung nach mit dem kleinen BMW besser bedient. Ein Reihensechszylinder, ein bei Bedarf komfortables Fahrwerk, ein seriöser Innenraum, ein ansprechender Motorklang, eine formidable Automatik, ein exzellenter Allradantrieb genügen für ein bürgerliches Transportmittel. Die fehlenden vierzig Pferdestärken kann man, wenn es erforderlich ist, durch eine beherzte Fahrweise ergänzen. Das genügt meistens.

    PT

  • TrueTriumph

    Lieber Herr Staretz,

    das Universum vom Martin Strubreiter haben wir bei diesem Thema schon vor dem vierten Gang verlassen – sind also „unter uns“.

    Das erstrebte (und erreichte) Ziel ist ein Alltagsauto, das ambitioniert gefahren werden kann und soll, aber nicht permanent wie das rote Teufelchen auf der Schulter zum Gefährden der Fahrerlaubnis anstachelt. Mag sein, daß man so etwas den Benz-Genen zu verdanken hat, die sich mit diesem Charakteristikum von der halbherzigen Sportlichkeit immer weicher gespülter Großserien-BMWs abheben.

    Vergleicht man z.B. einen M135i mit dem kleinen AMG, wird der Bayer deklassiert. Klar, ein funktionierendes Fahrwerk wirkt emotionslos, aber man ist eben einfach 30 % schneller bei gleichem Aufwand oder gleich schnell bei halbem Einsatz. Was nützt ein „Sechszylinderimage“, wenn ab 5500/min nur noch Klang aber keine Leistung mehr kommt? wie altväterlich verrahmt-verrippt darf ein BMW denn noch sein, bis endlich gegen die Spießigkeit des Innenraums angeschrieben wird?

    Audi macht’s auch nicht (mehr) besser, sondern steckt’s nur feiner zusammen. Je teurer, desto eher wird die Bauhaus-Linie mit überflüssigem Nippes/Leistchen und Blendchen verwässert – wohltuend anders und dennoch am Alltag orientiert da die A-Klasse.

    Bevor ich drauf vergeß: Bremsen sind ohne wenn und aber „best in class“ und locker unter den besten der derzeit erhältlichen Großserienautos. Endlich ein Benz ohne limousinig-weiches Pedal und mit brachialer Verzögerung!!

    Na gut – ich gestehe: Objektiv bin ich nicht, ich hab‘ mir einen bestellt … ;-))

    Ansonsten – und das gilt für Sie und die ganze Redaktion: PERFEKT sowohl in gedruckter wie elektronischer Form und eine stete Quelle von Freude und Genuß, was Ihr da allmonatlich auf die Beine stellt. Nicht umsonst bin ich Abonnent.

    Beste Grüße

    Markus Dahmann

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