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Die traditionellen Mercedes-Benz-Markenwerte sollten auf ein kompaktes Fahrzeug – ohne Einschränkung – übertragen werden.
 

Mercedes-Benz 190 W 201 – Der Revolutionär

Die «Kompaktklasse» bereitete den Weg für eine ganz neue Baureihenfamilie von Mercedes-Benz, die spätere C-Klasse.

18.11.2013 Online Redaktion

Schon seit den 50er Jahren dachte man in Stuttgart intensiv über einen kompakteren Mercedes nach, immer wieder. In den frühen 1970er-Jahren erfährt das Projekt eines kompakten Mercedes-Benz dann einen Schub aus einer Richtung, mit der man nicht rechnet: Der unter dem US-Präsidenten Jimmy Carter eingeführte «Clean Air Act», eine Gesetzgebung für die Luftreinhaltung, legt mit den Vorschriften der «Corporate AverageFuel Economy» (CAFE) den Flottenverbrauch der in den USA angebotenen Fahrzeugpalette jedes Herstellers fest.

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Für das Jahr 1985 beträgt er 27,5 Meilen pro Gallone (8,5 Liter auf 100 Kilometer). Das beschreibt eine Herausforderung für viele Automarken und auch Mercedes-Benz: Denn die in den USA angebotene Modellpalette, längst einer der bedeutendsten Exportmärkte der Stuttgarter Marke, liegt im oberen Marktsegment und Leistungsspektrum mit einem resultierenden Flottenverbrauch oberhalb der genannten Grenze. Resultat: Aus einem Exportmarkt heraus entsteht der Druck, eine neue kompaktere und damit verbrauchsgünstigere Modellreihe zu entwickeln, um den Flottenverbrauch zu senken.

Im Januar 1974 legt Entwicklungschef Hans Scherenberg Eckpunkte für den Mercedes-Benz 190 fest

Er formuliert: «Klar ist hierbei doch, dass es sich um einen typischen Mercedes-Benz handeln muss. Wir können also an der Fahrkultur, der Sicherheit und entsprechenden spezifischen Mercedes-Benz Eigenschaften nicht zu viele Abstriche machen.» Das von ihm unterzeichnete erste Lastenheft zur Baureihe 201 legt bereits am 4. Februar 1974 Folgendes fest: «Mit diesem Produkt ist nicht daran gedacht, in die Märkte der Mittelklasse einzudringen, die beispielsweise von Opel und Ford seit Jahren behauptet werden. Vielmehr soll sich der Typ 201 von jenen aufgrund der unter dem Markensymbol vom Kunden erwarteten Eigenschaften bezüglich Qualität, Sicherheit und Fahrkultur bewusst absetzen.» Werner Breitschwerdt, ab 1977 Nachfolger von Scherenberg als Entwicklungschef, ändert an diesen Punkten aus Überzeugung nichts.

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//// Werner Breitschwerdt

Damit ist ein Auftrag umrissen, der fast der Quadratur des Kreises nahekommt

Die traditionellen Mercedes-Benz-Markenwerte wie Komfort, Sicherheit, Langweiligkeit und Zuverlässigkeit, bisher über alle Generationen in grösseren Fahrzeugen umgesetzt, sollen nun auf ein kompaktes Fahrzeug – ohne Einschränkung – übertragen werden. Als umfassende Ingenieursaufgabe ist das eine erhebliche Herausforderung.

Sieht so ein Revolutionär aus? Im November 1982 haben die Mercedes-Benz Typen 190 und 190 E Premiere, die erste Limousine der Stuttgarter Marke unterhalb des bisherigen Modellportfolios. «Kompaktklasse» heisst die Baureihe intern, doch was die Designer und Ingenieure entwickelt haben, ist vielmehr ein innovatives, klar gezeichnetes Mittelklasse-Automobil. Revolutionär ist der W 201 aber tatsächlich, so ein bisschen und vor allem intern. Denn er bereitet den Weg für eine ganz neue Baureihenfamilie von Mercedes-Benz, die spätere C-Klasse.

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Darüber hinaus steht die in Sindelfingen und Bremen gebaute Limousine, die von ihren begeisterten nordamerikanischen Fahrern liebevoll «Baby-Benz» gerufen wird, am Beginn der Produktoffensive von Mercedes-Benz. Stilistisch nimmt der W 201 viele Elemente der neuen mittleren Baureihe von Mercedes-Benz vorweg, der Baureihe 124. Die Mercedes-Benz Typen 190 und 190 E entwirft das Team um Chefdesigner Bruno Sacco als schnörkellos moderne Limousine. Die ebenso klare wie elegante Linienführung ist äusserer Ausdruck eines kompromisslos modernen Fahrzeugkonzepts. Sacco sagte im Jahr 2000 über den W201: «Der Mercedes 190 war ein Auto, das formal provozieren sollte. Wir wollten neue Kunden erobern und mussten deshalb Aufmerksamkeit wecken – zum Beispiel durch ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Heck-Design und sehr markante Konturen. Wenn ich mir diesen Wagen heute anschaue, muss ich sagen, dass er noch immer ein sehr schönes Auto ist.»

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Die Ansprüche an den W 201 sind hoch – unternehmensintern wie von aussen

Auch als kompakteres Fahrzeug muss er die Markenwerte von Mercedes-Benz hinsichtlich Fahrverhalten, passiver Sicherheit, Komfort und Zuverlässigkeit erfüllen. Dazu soll der neue Wagen besonders wirtschaftlich sein. Um den Verbrauch konsequent zu senken, setzen die Ingenieure auf aerodynamische Optimierung sowie Leichtbau mit hochfesten Stahlblechen und anderen innovativen Materialien.

Trotz der kompakten Aussenmasse erfüllt der W 201 die hohen Ansprüche an die passive Sicherheit. Dazu trägt unter anderem die Gabelträgerstruktur des Vorderwagens bei, dank deren der Kompakte ein Crashverhalten auf dem hohen Niveau der damaligen S-Klasse (Baureihe 126) aufweist. Gleichermassen exzellent ist das Fahrverhalten der Limousine, für deren Fahrwerk eigens eine neue Hinterachskonstruktion entwickelt wird: die patentierte Raumlenkerachse. Ihre Konstruktion führt jedes Hinterrad von fünf unabhängigen Lenkern, was für eine optimal kontrollierte Radführung und -präzision sorgt.

Gegenüber älteren Hinterachsvarianten überzeugt die innovative Lösung zudem durch niedriges Gewicht und geringen Raumbedarf. Bis heute markiert die Raumlenker-Hinterachse den Stand der Technik. Vorn arbeitet eine an einzelnen Dreiecks-Querlenkern geführte Dämpferbein-Vorderachse mit Bremsnickabstützung.

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//// Raumlenkerachse des W201

Zunächst bringt Mercedes-Benz die Baureihe 201 mit zwei Ottomotoren auf den Markt, die jeweils 1997 Kubikzentimeter Hubraum haben. Der Typ 190 – er gibt der gesamten Baureihe den Namen – leistet 90 PS. Stärker ist der Typ 190 E mit 122 PS. In ihm setzt Mercedes-Benz erstmals die mechanisch-elektronisch gesteuerte Einspritzanlage Bosch KE-Jetronic ein.

In den beiden Folgejahren ergänzen die Typen 190 D und 190 E 2.3-16 die Modellpalette der Baureihe

Der neuentwickelte Vierzylinder-Dieselmotordes 190 D begeistert durch vorbildliche Geräuschkapselung und die entsprechende Laufruhe. Das macht dieses 72 PS starke Fahrzeug zu einem Wegbereiter moderner Dieseltechnologie im Personenwagen und trägt ihm den Ehrennamen «Flüsterdiesel» ein: Er ist weniger als halb so laut wie vergleichbare Antriebe. Während der Diesel auf wirtschaftliche Effizienz setzt, kommt der Typ 190 E 2.3-16 unverkennbar mit hohem sportlichem Anspruch daher. Seine Silhouette unterscheidet sich schon durch den Flügelspoiler auf dem Heck klar von den nüchternen Varianten mit 1,9-Liter-Motoren. Im 190 E 2.3-16 arbeitet ein 185 PS starker Vierzylindermotor mit 2299 Kubikzentimeter Hubraum und Vierventiltechnik. Seine sportliche Leistung sowie seine Ausdauer und Zuverlässigkeit stellt das neue Topmodell schon einen Monat vor seiner offiziellen Präsentation auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) 1983 in Frankfurt/Main unter Beweis: Auf dem Rundkurs im süditalienischen Nardò stellt der 190 E 2.3-16 mehrere Langstreckenweltrekorde über 25’000 Kilometer, 25’000 Meilen (40.233 Kilometer) und 50’000 Kilometer mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von knapp 250 km/h auf. Das gibt einen ersten Vorgeschmack auf die kommende Karriere der Baureihe als Sportwagen, die mit dem Eröffnungsrennen des neuen Nürburgrings am 12. Mai 1984 offiziell beginnt.

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//// 190 E 2.3-16

Für den besonders wichtigen nordamerikanischen Exportmarkt entstehen 1983 die Typen 190 D 2.2 und 190 E 2.3 – die grösseren Hubräume kompensieren den Leistungsverlust durch den Einbau einer Abgasrückführanlage im Diesel und einer geregelten Abgasreinigungsanlage (Katalysator) in der Ottomotor-Variante. In den folgenden Jahren entwickelt Mercedes-Benz die Baureihe 201 kontinuierlich weiter. Dabei entstehen neue Typen, aber auch die Serienausstattung wird weiter verbessert. Unter anderem gehören von September 1985 an Servolenkung und elektrische Aussenspiegelheizung zur Serie, ab 1986 auch ein geregelter Abgaskatalysator.

Die Palette der Motorisierungen wird konsequent ausgebaut

So kommt 1985 der Fünfzylinder-Diesel 190 D 2.5 auf den Markt, im 190 E 2.6 arbeitet ab 1986 sogar ein Reihensechszylindermit 2566 Kubikzentimeter Hubraum. Doch der W 201 hat noch erhebliche Leistungsreserven. Das zeigt 1987 der Diesel 190 D 2.5 Turbo mit 122 PS Leistung, vor allem aber der nach der Modellpflege 1988 präsentierte neue Sechzehnventiler.

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//// 190 E 2.5-16

Sein Motor mobilisiert mit Katalysator eine Höchstleistung von 195 PS. Er wird auch zur Basis für die bei der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) eingesetzten Rennsport-Tourenwagen der Gruppe A. Als homologiertes Ausgangsmodell entsteht der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution mit dem Motor M 102 E 25/2, der für die Renneinsätze noch weiter modifiziert wird.

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//// 190 E 2.5-16 Evolution

Mit dem Typ 190 E 2.5-16 Evolution II kommt ein Jahr später die nächste Entwicklungsstufe. Der wieder auf dem Genfer Automobil-Salon vorgestellte Serienwagen leistet jetzt 235 PS und erlaubt nochmals verbesserte Fahrleistungen. Am anderen Ende der Leistungsskala löst der 190 E 1.8 den Typ 190 ab, als 1990 die Epoche der Vergaser-Benzinmotoren bei Mercedes-Benz endet.

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//// 190 E 2.5-16 Evolution II

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//// 190 E 2.5-16 Evolution II

Bis Februar 1993 werden in Bremen und Sindelfingen insgesamt 1.879.630 Fahrzeuge der Baureihe 201 produziert.

Es ist dies ein, von radical-mag.com, sanft modifizierter Pressetext von Mercedes. Danke.

  • Ravenbird

    Ein Mercedes, wie er sein soll. Charakter, Qualität und Optik. Nicht altbacken, sondern zeitlos.
    Erkennbar als Mercedes.
    Nicht wie die modernen Gurken mit China-Eye-Look und 100 Prozent mehr Schnicki-Schnacki als ein Fahrer braucht.
    Qualität und ein gediegenes Preis-Leistungs-Verhältnis sind die Grundpfeiler eines guten Autos, nicht Mars-Optik und Beta-Qualität.

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